Verträge unterzeichnet: ARGE startet Aufbau des KI-gestützten Echtzeit-Frühwarnsystems

ARGE setzt mit Okeanos, SEBA und RIWA eines der umfassendsten kommunal getragenen Frühwarnvorhaben dieser Art in Deutschland um

Bild KI-gestützte Echtzeit-Frühwarnsystems startetThomas Assenbrunner
Der Aufbau des KI-gestützte Echtzeit-Frühwarnsystems startet: Der Arge-Vorsitzende Albert Gürtner (sitzend, 2. v. l.), die Geschäftsführer der Firmen Lutz Keller (v. r.), Felix Grimmeisen und Rudolf Düster sowie die Bürgermeister Klaus Angermeier (stehend, v. l.), Michael Lederer, Andreas Wiesner, Alfred Lengler und Jürgen Haindl aus dem Vorstand der ARGE.

Hohenwart, 22. September 2026 - Der Aufbau des KI-gestützten Echtzeit-Frühwarnsystems der ARGE Solidarischer Hochwasserschutz beginnt. Im Rathaus Hohenwart unterzeichneten der ARGE-Vorsitzende und Pfaffenhofener Landrat Albert Gürtner sowie die Geschäftsführer der beauftragten Unternehmen Okeanos Smart Data Solutions, SEBA Hydrometrie und RIWA die Verträge für das Großprojekt. Die drei Unternehmen hatten sich als Bietergemeinschaft in einer europaweiten Ausschreibung durchgesetzt.

Mit der Vertragsunterzeichnung geht das Vorhaben von der Planung in die schrittweise Umsetzung über. In 28 Kommunen entlang von Paar und Ilm entsteht ein flächendeckendes Mess- und Prognosesystem. Mehr als 150 Sensoren sollen künftig unter anderem Niederschlag, Wasserstände und Bodenfeuchte in Echtzeit erfassen. Die Messwerte werden mit Wettervorhersagen, geografischen Gebietsdaten und weiteren Informationen verbunden und durch datenbasierte Modelle ausgewertet.

Es sei ein Meilenstein, in diesen Bereich einzusteigen, sagte Albert Gürtner: „Das Extremhochwasser von 2024 hat deutlich gemacht, dass wir uns auch auf Ereignisse vorbereiten müssen, die bisherige Erfahrungen übertreffen. Dafür müssen wir neue Wege gehen.“ Das Frühwarnsystem könne Extremereignisse zwar nicht verhindern, so der Landrat „aber wir gewinnen wertvolle Zeit, damit Einsatzkräfte früher reagieren, Schutzmaßnahmen eingeleitet und Schäden möglichst begrenzt werden können“.

Wertvolle Vorwarnzeit für Kommunen und Einsatzkräfte

Ziel der ARGE ist es, bei Starkregen Vorwarnzeiten von bis zu 60 Minuten zu erreichen. Bei Hochwasser sollen – abhängig von Wetterlage, Gewässer und Ereignis – Prognosen mit einem Vorlauf von bis zu 24 Stunden möglich werden. Die Informationen werden zielgruppengerecht aufbereitet und unterstützen insbesondere Kommunen, Feuerwehren und Katastrophenschutz bei ihren Entscheidungen.

Eine zentrale Rolle übernimmt dabei der Digitale Zwilling. Er führt die unterschiedlichen Messwerte und Prognosen zusammen, bereitet sie verständlich auf und stellt sie räumlich dar. So entsteht aus einer großen Menge technischer Daten ein übersichtliches Lagebild. Auch eine öffentlich zugängliche Darstellung für die Bevölkerung ist vorgesehen. Dabei soll das neue System bestehende Warnwege sinnvoll ergänzen und keine zusätzliche Warn-App schaffen.

Besonderes Augenmerk liegt auf der Zuverlässigkeit der Warnungen. Fehlalarme sollen möglichst vermieden werden, damit Warnhinweise im Ernstfall auch ernst genommen werden. Gemeinsam mit den Kommunen und den zuständigen Stellen wird deshalb festgelegt, wer welche Informationen erhält und über welche Kanäle Warnungen weitergegeben werden.

Klare Aufgaben innerhalb der Bietergemeinschaft

Die Unternehmen bringen unterschiedliche Kompetenzen in das gemeinsame Projekt ein. Okeanos führt die Bietergemeinschaft, koordiniert das Vorhaben und stellt das KI-gestützte Warnsystem bereit. SEBA aus Kaufbeuren liefert die Mess- und Sensortechnik. RIWA entwickelt den Digitalen Zwilling und sorgt dafür, dass die Daten unterschiedlicher Quellen zusammengeführt, visualisiert und für verschiedene Nutzergruppen verfügbar gemacht werden können.

„Die Produktion der Sensorik für das Arge-Gebiet läuft jetzt an“, berichtete SEBA-Geschäftsführer Rudolf Düster. Ab dem ersten Quartal 2027 soll die Sensorik schrittweise im Projektgebiet installiert werden. „Die Standorte werden anhand hydrologischer Kriterien ausgewählt und mit den Kommunen abgestimmt“, erklärte Felix Grimmeisen, Projektverantwortlicher bei Okeanos. Das Soft- und Hardwarepaket werde in den kommenden Monaten synchron aufgebaut und implementiert. „Erste Basisfunktionen des Digitalen Zwillings stehen bereits vorher bereit“, ergänzte RIWA-Geschäftsführer Lutz Keller: „So können sich Kommunen und Einsatzorganisationen unter Anleitung der ARGE frühzeitig mit der Plattform vertraut machen.“ Für belastbare Hochwasserprognosen müssen anschließend über mehrere Monate Messdaten gesammelt und die Modelle auf das Zusammenspiel der verschiedenen Messpunkte im gesamten Einzugsgebiet abgestimmt werden. Der vollständige Aufbau erfolgt schrittweise bis Ende 2028.

Auch Trockenheitsrisiken im Blick

Das System betrachtet nicht nur Starkregen und Hochwasser, sondern auch das andere hydrologische Extrem: Trockenheit. Bodenfeuchte-, Niederschlags- und Wetterdaten sollen miteinander verknüpft werden, um die Entwicklung von Trockenheitsrisiken frühzeitig zu erkennen. Damit schafft die ARGE eine gemeinsame Datengrundlage für Hochwasserschutz, Starkregenvorsorge und Trockenheitsbewältigung.

Das Messnetz ist als wachsendes System angelegt. „Vorhandene Messstellen von Kommunen und Behörden werden – soweit technisch möglich und fachlich sinnvoll – eingebunden. Weitere Sensoren und Datenquellen können später ergänzt werden“, sagte Dr. Alexander Poser vom Kernteam der ARGE. Die gewonnenen Daten sollen zudem für die zuständigen Wasserwirtschaftsbehörden nutzbar sein.

Neben Kommunen und Einsatzorganisationen haben auch Unternehmen der kritischen Infrastruktur Interesse an dem Frühwarnsystem signalisiert. Durch frühzeitige und räumlich möglichst genaue Informationen könnten sie eigene Schutzmaßnahmen vorbereiten und Ausfälle begrenzen.

Modell für andere Regionen

Die besondere Stärke des Projekts liegt in seinem flussgebietsweiten und interkommunalen Ansatz. Die ARGE betrachtet Hochwasser, Starkregen und Trockenheit nicht innerhalb einzelner Gemeindegrenzen, sondern über das gesamte Projektgebiet hinweg. Damit zählt das Vorhaben nach heutigem Kenntnisstand zu den umfassendsten kommunal getragenen Frühwarnmodellen dieser Art in Deutschland.

Aus anderen Regionen Bayerns liegen bereits Anfragen zum Vorgehen der ARGE vor. Das Projekt soll deshalb nicht nur den Schutz entlang von Paar und Ilm verbessern, sondern perspektivisch auch als Blaupause für andere Flussregionen dienen.

Gefördert wird das KI-gestützte Echtzeit-Frühwarnsystem durch den Freistaat Bayern über das Bayerische Staatsministerium für Digitales mit fast 2,1 Millionen Euro.