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Die Wichtelen, die Wichtelen...

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

Im Raum um Kissing herum führen die Spuren der historischen Besiedlung der Region in die Vergangenheit weit zurück bis zu den Kelten und Römern, so etwa im Hailachwald im Osten, auf dem Weg nach Bachern gelegen. Hier kann der an Geschichte interessierte Wanderer auf keltische Schanzen und Grabhügel und im Südosten auf eine römische Schanze treffen.[1]

Doch mit dem Ort Kissing selbst haben diese Spuren in die Vergangenheit nicht unbedingt etwas zu tun. Auch die Römerschanzen bei München sind mit München selbst nicht im Entferntesten in Verbindung zu bringen.

Aber da bleibt auch noch die Frage zu stellen: Wie kamen die Wichtelen als Bergleute nach Kissing und in die Wälder um den Ort?

Überraschend ist das auch ohne die Existent von Bergwerken und Bergleuten nicht, denn die Wichtel-Sagen verbreiteten sich seit dem frühen Mittelalter in ganz Deutschland und eben nicht nur dort, wo Bergwerke zu finden waren. Sie entstanden auch dort, wo imposante natürliche Erdhöhlen die Menschen auf den Gedanken brachten, dort, in der Tiefe der Tunnelsysteme, könnten sich diese märchenhaften Wesen verborgen halten.

Ein weiterer Handlungsort einer weiteren Wichtelen-Sage ist ein anderer ´Ort des Kiso´, ist Bad Kissingen bzw. ist der Landkreis dieses Namens. Dort finden sich in der Umgebung umfangreiche „Wichtelen-Höhlen“. Hier folgt die Sagen-Geschichte aber einem ganz anderen Handlungsstrang: Die „Wichtelen“ sind zwar auch gutmütige Zwerge. Diese aber sind von den nicht wohlwollenden Menschen geflüchtet und haben sich in Berghöhlen vor ihren Verfolgern zurückgezogen.

Dies war die alte Sage. Im 19. Jahrhundert werden im Zeitalter der Romantik diese alten Sagen in Lyrik, Literatur und auch in der Musik – man erinnert sich ganz nebenbei auch an Wagner und seine Nibelungen – wieder entdeckt, lyrisch und poetisch neu ausgeschmückt. Die Natur spielt dabei immer eine Rolle.

Von der sagenumwobenen Felsspitze der „Kanzel“ aus soll der Anführer der Bad Kissinger Wichtel seine Leute um Mitternacht bei Vollmond immer zusammengerufen haben. Und es gibt hier auch ein in der Region gut bekanntes Wichtelen-Gedicht aus dem Jahre 1873:

„Die Wichtelen, die Wichtelen,

Sie wohnen tief im Berg,

Sind winzig nette Dingerchen,

Kaum größer als ein Fingerchen,

Viel kleiner als die Zwerg“[2]

Was im Falle von Bad Kissing der zu gedanklichen Ausschweifungen verleitende Naturzauber der Kanzel ist, das war im Falle Kissings der „zauberhafte Wald des Burgholzes“, der „Geheimnisvolles in sich“      zu verbergen schien, an dessen Reiz sich „die Sage entspann“[3]. Bergwerke waren hier bei der Geburt der Legende nicht am Werke.

Etwas weiter nördlich im Bayerisch-Schwäbischen, in Donauwörth, war keine Höhle, sondern der dort vorzufindende „Wichtelenfels“ gleichsam ein ´Fels der Inspiration´ für eine ausgeprägte Legendenbildung um die Traum- und Märchenwelt der gutmütigen kleinen Gesellen.

Was jedoch auffällt, sind die offenkundigen Ähnlichkeiten zwischen der Kölner Heinzelmännchen- und der Kissinger Wichtelen-Sage.[4] In beiden Fällen ist das gleiche Handlungsschema erkennbar: Wichtel helfen den Menschen, dürfen aber nicht gesehen werden. Als sie gesehen werden, verschwinden sie.

Dies könnte für eine Adaption des Kölner Stoffes in Kissing in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sprechen. Das „Wichtelenloch“ wurde „um das Jahr 1800 beim Nachspüren eines Fuchsbaues an der Südwestspitze des Mergenthauer Waldes“ entdeckt[5] , wie Hanns Merkl zu berichten weiß.

Das scheint weitere Spekulationen über frühere, gar mittelalterliche Wurzeln der Sage zu erübrigen. Das allein spricht noch nicht gegen die Vermutung, dass die Legende älter sein könnte als das Fundjahr des Ganges und damit erst durch diesen Zugang ihre letzte Abrundung gefunden hat.

Doch dagegen spricht die Tatsache, dass die ersten schriftlichen Aufzeichnungen über die Sage aus dem Jahr 1830 datieren und schon zu diesem Zeitpunkt davon die Rede ist, dass sich die „Wichtelen“ genau an diesem Ort des aufgefundenen Erdlochs aufgehalten haben sollen[6]. Natürlich sind auch da noch andere gedankliche Spielarten möglich – aber nicht sehr wahrscheinlich. Wir befinden uns genau in jener Zeit, in der die Kölner Heinzelmänner ihre Berühmtheit quer durch Deutschland erlangen. Die Kissinger Sage wiederum kann kaum älter sein als das Jahr der Entdeckung dieses Erdstalls und schriftlich festgehalten wird sie in der Zeit kurz nach der Abfassung der ersten Heinzelmännchen-Geschichte.

Die Frage aber bleibt hier zwangsläufig: Wenn die Kissinger Wichtelen-Geschichte eine Adaption des Kölner Stoffes ist, warum fand diese Adaption gerade hier in so ausgeprägter Form statt? Diese Frage muss an dieser Stelle unbeantwortet bleiben.

Der Hinweis auf die von Adelheid Hoechstetter-Müller in diesem Zusammenhang mit der Wichtelen-Sage ins Spiel gebrachte Augsburger Händlerfamilie der Meuting führt in eine wesentlich frühere Zeit, ist aber für die Geschichte Kissings dennoch in anderer Hinsicht von zentraler Bedeutung.

Die Familie ist nicht irgendeine im Augsburg des 15. Jahrhunderts, in einer Stadt, die zu den damaligen Handels- und Wirtschaftszentren Europas zählt. Bevor die Meuting ihren Grundbesitz in Kissing erwerben, treten sie als „Handelsdiener der Welser in Köln“ in Erscheinung.[7] Da tauchen zunächst einmal die Heinzelmännchen im Hinterkopf wieder auf. Deren literarische und poetische Verarbeitung aber datiert auf das 19. Jahrhundert. Freilich sind die Kölner Wichtelen in ihrer Gesamtheit nur das Produkt einer literarischen  Vermischung und Zusammensetzung unterschiedlicher Sagen - und Märchenüberlieferungen aus der Region zu einem neuen Ganzen. Viele Teile kamen dabei aus dem Bergischen Land. Das Bergische Land war Bergwerksregion seit der Römerzeit und war schon lange vor der Kölner Textfassung ein regelrechter ´Märchenwald´ aus Wichtel-Erzählungen[8].

Doch gegen einen Sagen – Transferprozess in dieser Richtung und schon zu spätmittelalterlicher Zeit wiederum sprechen die oben angeführten Fakten.

Auch wenn die Meuting keine direkte Relaisstation  bei der Überlieferung von Sagen und Legenden nach Kissing gewesen sein können, so waren sie in der Realität ein Knotenpunkt im gesamteuropäischen Handel ihrer Zeit. Ihre Präsenz in Kissing lässt damit einen Hauch weit überregionaler Gesamtzusammenhänge in der Ortsgeschichte erkennen, der aber – wie in späteren Kapiteln noch zu sehen sein wird – vor allen Dingen für die Frage nach der Zuordnung Kissings zum Herrschaftsbereich der Augsburger Bischöfe noch von Bedeutung sein wird. Doch zunächst kehren wir erst einmal zur Frage des Kissinger Gründungsdatums zurück.

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Siehe dazu bei Hoechstetter-Müller, Adelheid, S. 54ff.

[2]Geo-Punkt 5: Geotop Wichtelhöhlen im Mittleren Buntsandstein am Saale-Prallhang, Batzenleite in Euerdorf, http://www.terra-triassica.de/aussenstationen-des-museums/geo-punkt-5-geotop-wichtelhohlen-im-mittleren-buntsandstein-am-saale-prallhang-batzenleite-in-euerdorf, abgerufen am 11.8.2017.

[3]Die Wichtelen (nach Ignaz Steinhardt, in: Kissing. Geschichte und Gegenwart, S. 162.

[4]Siehe: Weyden, Ernst: Cöln´s Vorzeit. Geschichten, Legenden und Sagen Cöln´s nebst einer Auswahl cölnscher Volkslieder, Köln 1826.

[5]Merkl, Hanns, Die unterirdischen Gänge von Kissing, S. 141.

[6]Hoechstetter, Müller, Adelheid, S. 50.

[7]Geffcken, Friedrich Peter: Die Welser und ihr Handel 1246-1496, in: Häberlein, Mark/ Burkhardt, Johannes (Hrsg.): Die Welser: Neue Forschungen zur Geschichte und Kultur des oberdeutschen  Handelshauses, Berlin 2002, S. 131.

[8]Siehe dazu u.a.: Link. Olaf: Das Bergische Land in Märchen und Sagen, Wartberg Verlag, Gudensberg 2011.


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