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Säkularisation und Mediatisierung

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

Der Sturm von Säkularisation – Enteignung von Kirchengut und Aufhebung weltlicher Herrschaften der Kirche wie in Augsburg - und Mediatisierung – Auflösung der kleinen Herrschaften im Reich wie der Reichsstädte – hatte an vielen Orten im neuen Königreich stärker gewütet als an der Paar.

In Oberschleißheim, von dem hier schon die Rede war, stellte dieser Bedeutungsverlust in der Folge der Zentralisierung der Staatsgewalten einen noch viel härteren Absturz im Selbstempfinden der Einwohner dar als in Kissing – bis heute. Oberschleißheim, das war eine Residenz der Wittelsbacher gewesen, bis es im 19. Jahrhundert, als der Hof nach München abzog, weitgehend dem Vergessen preisgegeben wurde. „Von dynamischer Aufwärtsbewegung“, so schreibt Marcus Junkelmann, führte die Entwicklung in dieser Zeit „zu Niedergang und Erstarrung.“[1]

In ganz Bayern vollzogen sich die Enteignung von Kirchengut und die Raubzüge durch klösterliche Bibliotheken „unter … chaotischen und … nicht selten barbarischen Begleitumständen“, weil „bei allem Aufklärertum“ unter den neuen Ministern der neuen Regierungen so manch „kleinkarierter Geist“ in vermeintlich fortschrittlichem Denken „sein Mütchen“, sein aufklärerisches Mütchen, an der aus seiner Sicht „mittelalterlichen Kirche“ kühlte. Viel Kulturgut, „wertvolle Kunstwerke“ verschwanden, wurden oft „verschleudert“ und kostbares Erbe aus „Klosterbibliotheken“ ward nie mehr gesehen.[2]

Dies alles kreidet auch die Stadt Augsburg bis heute den Truppen des bayerischen Königs, der auf der Seite Napoleons stand, bitter an: „Die Bayern plünderten die Bibliotheken“, schreibt Martin Kluger.[3] Doch geplündert wurde im Zeichen der Zeit der Säkularisation in ganz Deutschland, ja in ganz Europa, eine, wie Reinhold Dietger schreibt, „Kulturschande erster Ordnung.“ In Bayern ist der Begriff der Säkularisation und mit ihm die grundlegende Reform des bayerischen Staatswesens untrennbar verbunden mit dem Namen Maximilian Joseph von Montgelas. Der Umbau des bayerischen Staates in den Jahren nach dem Reichsdeputationshauptschluss ist sein Werk. Es hat ihm große Bewunderung, was seine Kirchenpolitik aber anbetrifft und betraf „bis heute – herbe Kritik“ eingebracht.[4]

Montgelas trug das „Gedankengut der Aufklärung“ wie kein anderer Repräsentant des Königreichs in sich. Als Staatsminister in unterschiedlichen Ressorts – Innen- und Außenpolitik, Finanzen – führte er in seiner Zeit eine „Revolution von oben“ durch, die, wie seine Anhänger – nicht wenige unter ihnen Historiker – bis heute schreiben, „Bayern zum fortschrittlichsten Staat Europas“ gemacht haben sollen. Sein Vater stammte aus Savoyen, seine Mutter war eine Landshuter Gräfin. Trotz dieser adeligen Abkunft ging Montgelas ungestüm daran, die Privilegien des Adels abzuschaffen und die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz gemäß den Prinzipien der egalité der Französischen Revolution durchzusetzen.

Doch so richtig gleich sollten nicht alle Bürger werden, einige waren doch weniger gleich als andere. Die Juden in Bayern standen unter Montgelas als noch lange nicht wirklich gleiche Staatsbürger keineswegs auf einer Augenhöhe mit den anderen Konfessionsangehörigen. Da haperte es noch ein wenig mit der Montgelas´schen egalité. Montgelas reformierte Finanzwesen und Verwaltung in Bayern. Mit der Zentralisierung des Verwaltungswesens einher ging auch die Schaffung eines großen Beamtenapparates, der von München aus ganz Bayern dirigieren sollte.

Montgelas´ Beamtenstaat eröffnete nun auch neue soziale Aufstiegsmöglichkeiten für Angehörige nichtadeliger, bürgerlicher oder bis dahin sozial benachteiligter Schichten. Soziale Mobilität war nun endlich Realität geworden. Montgelas´ Säkularisationspolitik in Bayern indes gilt als eine der kompromisslosesten und radikalsten in ganz Deutschland. Unter seiner Regie rollte ein Welle von Enteignungen und Aufhebungen von Klöstern, von Zerstörungen von Kirchen über Bayern hinweg, die letztendlich historisch betrachtet nur mehr vom antireligiösen Furor der Bolschewiki in Russland nach der Oktoberrevolution übertroffen wurde. Montgelas ging es bei der Enteignung der Klöster ganz zynisch und pragmatisch um das Auffüllen leerer Staatskassen. Seine Person bleibt bis heute eine umstrittene. Er gilt den einen als Vater eines modernen Bayern, den anderen als radikaler Jakobiner, der die antireligiösen Tendenzen der französischen Revolution in sich aufgenommen hat.

Ein Jakobiner in Reinkultur war er nicht. Er war zwar antiklerikal ausgerichtet. Eine Republik oder gar [5] Demokratie als Staatsform schwebte ihm nicht vor, ein absolutistisches Königtum war trotz Abschaffung der Adelsprivilegien sein Ideal. Anlässlich des 200. Jahrestages der Einführung der bayerischen Verfassung von 1818 rückte auch Montgelas wieder in den Focus vieler Betrachtungen. Dabei kam auch wieder viel Heldenverehrung und – verklärung zum Zuge. Montgelas´ Leistungen bei der Abschaffung der Adelsprivilegien, bei der Modernisierung der Verwaltung Bayerns bleiben unumstritten. Doch wenn da auch geschrieben steht, dass er um eine „Abgrenzung von Staat und Kirche“ bemüht war, so werden hier doch historische Fakten ein klein wenig geschönt - oder auch schlicht verdreht.

Verwiesen wird so auf sein „Ansbacher Mémoire“ von 1796, das sozusagen eine „Handlungsanleitung“ für die „Modernisierung Bayerns“ gewesen ist.[6] Doch Montgelas sprach gerade in dieser Denkschrift nicht von einer Trennung von Kirche und Staat, sondern von einer Unterordnung der Kirche unter die Staatsgewalt. Was ihm vorschwebte war ein konkretes Staatskirchensystem, es sollte gar ein Ministerium für Kirchenangelegenheiten geben, von dem aus alle kirchlichen Angelegenheiten – auch die finanziellen - gelenkt werden sollten. [7]

Vater all dieser Gedanken war nicht Montgelas selbst, sondern Joseph II, Kaiser von Österreich. In den Jahren seiner Regierung – 1780 bis 1790 – hat der Sohn von Maria Theresia in den Habsburger Landen das zu verwirklichen versucht, was Montgelas etwas später auch vorschwebte. Josephs Reformen und seine Kirchenpolitik – bekannt unter dem Begriff des Josefinismus – sind offensichtlicherweise die Vorlage für das Ansbacher Mémoire und die Montgelas´ schen Reformschritte gewesen. Auch Joseph hatte die Adelsprivilegien aufgehoben, die Verwaltung modernisiert und zentralisiert, einen expandierenden Beamtenstaat geschaffen. Und er hatte mit seinem Toleranzpatent die Gleichstellung aller Religionen verkündet und die „Bauernbefreiung“ eingeleitet [8]Die beiden letzten Punkte wurden bei seinem Nachahmer Montgelas aber mit angezogener Handbremse in Gang gebracht.

Wenn heute bayerische Historiker Montgelas als denjenigen bezeichnen, der „die Toleranz der Religionen untereinander“ im Königreich zum Prinzip erhob, [9] kann man dies nur gelten lassen, wenn man „Toleranz“ wie im Lateinischen als ´Duldung´ versteht, denn ´gedultet´ hat Montgelas Juden im Staate Bayern nur unter schweren Auflagen. Zwar wurden den Juden nun die Schulen und Universitäten geöffnet, sie durften Grund erwerben. Doch gleichzeitig wurden auch Juden-Matrikel eingeführt. Das bedeutete, dass die Polizeibehörden in den Städten den Juden eine Art von Existenzgenehmigung ausstellen sollten, sofern sie in dieser Gemeinde geboren waren. Der Zuzug von Juden in eine andere Stadt war behördlicherseits zu verbieten, Heiraten unter ihnen mussten polizeilich genehmigt werden, die jüdischen Gemeinden und Familien unterlagen einer strengen Form der Geburtenkontrolle. Denn, wie das Gesetz es wortwörtlich formulierte, die „Zahl der Juden“ darf „nicht vermehrt werden ...sie soll vielmehr nach und nach verringert werden.“[10] Man sollte spätere Geschichte nicht in frühere Zeiten hinein projezieren. Es liest sich das alles aber sehr unangenehm. War das „Bayerns Weg“ in die Zukunft? In Österreich gewährte Joseph II. den Juden neben der „Religionsfreiheit“ immerhin „Bewegungsfreiheit“, auch wenn sie noch für lange Zeit „Bürger zweiter Klasse“ in Habsburger Landen blieben.Auch die Familie der Habsburger hat heute noch Probleme mit diesem Spross ihrer dynastischen Familie. Im „Habsburger.net“ findet man so den vielsagenden Titel „Reformkaiser oder aufgeklärter Despot“ als Einleitung eines Beitrags über den Sohn Maria Theresias.

Auch in Bayern bedurfte es erst einiger Kurskorrekturen nach Montgelas´ Entlassung 1817, um einen geraderen „Weg zum modernen Verfassungsstaat“ wirklich weiter gehen zu können. Was den Bereich der Säkularisation anging, so verstand Joseph II. ebenfalls darunter die Schaffung eines Staatskirchensystems, in dem die Pfarrer zu Staatsbeamten werden sollten. Auch Joseph II. enteignete eine große Anzahl von Klöstern bzw. hob sie auf. Auch hier ist wie bei Eberhard Weis nachzulesen ist, von massiven Verlusten von Kulturgut die Rede. Doch in den großen Grundzügen sollte das Kapital, das durch den Verkauf von Kunstwerken erzielt wurde, in einem Religionsfonds angesammelt werden, aus dem heraus die Staatskirche kofinanziert werden sollte. Es sollte nicht wie bei Montgelas einem Gesamt- Staatshaushalt zugeführt werden – um sich dort zu verlieren.[11]

Das Ziel war in beiden Fällen ein Staatskirchensystem, in dem Pfarrer vom Staat besoldete Beamte werden sollten. Eine abwegige ´Utopie´? In England war die Anglikanische Kirche zu diesem Zeitpunkt schon seit langer Zeit eine Staatskirche, über die Gehälter der Pfarrer entschied das Parlament und bis heute ist die Queen als Königin von England auch Oberhaupt, d.h. Päpstin der Anglikanischen Kirche. Montgelas war kein großer Erfinder, sondern ein großer Kopierer.

Es ist erstaunlich, dass einige Historiker bei der Schilderung der Leistungen von Montgelas bis heute auf die Ansbacher Schrift des Heroen und damit auf ein Dokument der narzistischen Selbststilisierung des Protagonisten zurückgreifen – und sich weniger gern mit den harten Tatsachen beschäftigen. Sie geben sich eher der zusätzlichen Fremdstilisierung hin - aber das hatten wir hier schon. Da hätte der Hiasl noch etwas von lernen können.

Tatsächlich kann man bis heute, wenn man sich in Bayern auf Reisen von Ort zu Ort begibt, die Schneisen der Zerstörung im kulturellen Erbe, die Montgelas´ Kirchenpolitik hinterlassen hat, auch in der Gegenwart unschwer erkennen.

Und er hat auch – auch wenn er das vielleicht so gar nicht wollte – zwielichtige Nachahmer gefunden. Das Dekret über die Trennung von Kirche und Staat vom 20.1.1918 trug, was die Aufhebung von Klöstern und die Enteignung kirchlicher Güter und Eigentümer in der neuen Sowjetunion betraf, Montgela´ schen Geist in sich. Nur dass der Sowjetstaat unter Stalin dann einen brutalen Schritt weiter ging und Geistliche nicht nur aus Klöstern und Kirchen vertrieb, sondern sie zu tausenden und abertausenden ermordete.[12]

Vielleicht bleib Montgelas aber deshalb der „Architekt“ des modernen Bayern, weil vieles später entschärft und nachgebessert wurde. Eigenständige Ideen hatte er eher selten.

Auch noch lange Zeit nach Montgelas´ Sturz fanden seine Schüler Betätigungsfelder – allerdings nicht in Bayern. Als der Wittelsbacher Otto I. 1832 König von Griechenland wurde, nahm er einige von ihnen nach Athen mit. Dort vollbrachten sie vieles beim Aufbau einer geordneten Verwaltung, eines neuen staatlichen Aufbaus, bei der Errichtung von Universitäten und medizinischen Einrichtungen. Es wurde auch viel für die Kultur der Hellenen getan. Niemand anderem als dem genialen Architekten Leo von Klenze, der das Aussehen Münchens - damals gab es noch eines - so sehr geprägt hat, verdankt die Nachwelt die Erhaltung der Akropolis. Doch die Zeit der „Bavarokratie“[13], so wie sie in griechischen Geschichtsbüchern bis heute genannt wird, blieb bei Ottos Untertanen in zwiespältiger Erinnerung und dies vor allen Dingen in den Reihen der Griechisch – Orthodoxen Kirche. Hintergrund war, dass die „Schule Montgelas, die sonst Bedeutendes für die Landesentwicklung leistete, die griechische Kirche brüskierte, unter anderem durch die Aufhebung von Klöstern, die von den Türken“ - die zuvor das Land über Jahrhunderte hinweg beherrscht hatten - „nie angetastet worden waren.[14] “ Auch hier verschwanden jahrhundertealte religiöse Kulturgüter im Nichts. Als Otto I. in Athen 1862 gestürzt wurde, hatten die bayerischen Klöster das alles mehr als ein halbes Jahrhundert hinter sich.

 

Verwendete und weiterführende Literatur:

[1]Junkelmann, Marcus: Schotter, Schwaigen, Schlösser, in: Oberschleißheim. Eine Zeitreise, S.71.

[2]Reinhold, Dietger: Untergang und Neugestaltung. Deutschland im Spannungsfeld von Revolution und Napoleon, in: Pleticha, Heinrich, Deutsche Geschichte, Band 8, S. 263f.

[3]Kluger, Martin, Augsburg, S. 13f.

[4]Zu Montgelas siehe in den folgenden Absätzen die Internetseiten des Hauses der Bayerischen Geschichte, die unter „Maximilian Joseph von Montgelas“ abgerufen werden können.

[5]Zur Person Montgelas´ siehe.: Weis, Eberhard: Montgelas – Der Architekt des modernen bayerischen Staates 1799 – 1838, München 2005.

[6]Rumschöttel, Hermann: Bayerns Weg zum modernen Verfassungsstaat, in: Politische Studien, Januar – Februar 2018, S. 12.

[7]Siehe dazu den Text der Denkschrift selbst, der auf den Internetseiten des Hauses der Bayerischen Geschichte unter dem Titel „Bayern entsteht. Montgelas und sein Ansbacher Mémoire von 1796“ zu finden ist.

[8]Zu Joseph II. und zum „Joseph(f)inismus“ siehe: Weis, Eberhard, Der Durchbruch des Bürgertums, S. 23ff.

[9]Rumschöttel, Hermann, Bayerns Weg zum modernen Verfassungsstaat, S. 12.

[10]Edikt über die Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen im Königreich Bayern; Gesetzesblatt für das Königreich Bayern, 1813.

[11]Weis, Eberhard, Der Durchbruch des Bürgertums, S. 31.

[12]Für Interessierte an diesem Thema sei der folgende Literaturhinweis eingebracht: Gassenschmidt, Christoph/Tuchtenhagen, Ralph (Hrsg.): Politik und Religion in der Sowjetunion 1917-1941, Schriften zur Geistesgeschichte des östlichen Europa, Bd. 23, Osteuropa-Institut München, 2001.

[13]Siehe dazu : Kotsowilis, Konstantin: Die Griechenbegeisterung der Bayern unter König Otto I., München 2007.

[14]Weis, Eberhard, Der Durchbruch des Bürgertums, S. 388.

 


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