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Zwischen Mythologisierung und Verteufelung

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

Die Wahrheit wird in allen drei Fällen in der Mitte liegen – und vor allen Dingen in der sozialen und gesellschaftspolitischen Realität, in der die Mythengestalten lebten. Historische Romane, die sich mit den Wilderer-Legenden beschäftigten und beschäftigen, können keine Biografien liefern, wohl aber bezeichnende Milieu – Studien hervorbringen. Damit werden die Wilderer-Figuren zu Trägern politischer Botschaftern, die aus der Feder von Autoren stammen, die den Stoff heranziehen, um ihre eigenen Überzeugungen in die Handelnden hineinzuschreiben.

„Daß die Großkopferten uns drücken, das ist die eine Sach! Daß ich sie dafür mit meinem Stutzen tratzen werde, die andere …  Und jetzt saufen wir noch einen drauf. Daß die Obrigkeit verreckt!“  Diese derben Worte aus dem Munde des Jennerwein sind kaum als historisch belegbare Ausfälle zu bezeichnen. Wohl aber sollen sie ein Umfeld skizzieren, in dem sich die sozialen Spannungen zwischen Obrigkeit und einfachem Volk wenn schon nicht (noch nicht) entluden – zumindest nicht bis 1918/19 – so doch aber in einer verdeckten Feindschaft mündeten.

Ein Vertreter des Gesetzes spricht an anderer Stelle in dem Jennerwein-Roman von Manfred Böckl die für einen Jäger eher sehr unwahrscheinlichen, weil von Verständnis für die andere Seite der Wildschützen, getragenen Worte aus:

„Das Wildern ist halt ein alter Volksbrauch im Gebirge. Wenn dann noch die Regierung nichts taugt, wenn die Not auf den Gütln und den kleinen Bauernhöfen durch die Fensterlöcher schielt, dann greift mancher zum Stutzen, ohne dass ihn deswegen das Gewissen drückt. Schießt sich halt einmal einen Braten und gibt dann wieder Ruh.“

Der Jäger wird hier zum Vermittler eine Botschaft, die dem Leser verständlich machen soll, warum in jener Zeit gewildert wurde und warum der ´Untertan´ dies tat. Ein anderer Jäger dann spricht wiederum das aus, was der Wilderer im politischen Klima und im politischen Sprachgebrauch des wilhelminischen Kaiserreichs und deutsch-kaiserlichen Obrigkeitsstaates nun geworden war: „ein Anarchist“. [1]

Die Parallelen zwischen den Halb bzw. Un - Heiligen drei Königen der bayerischen Wilderer-Mythologie stechen ins Auge. Der Blick nach Frankreich indes zeigte, dass auch hier ähnliche Phänomen für einen  gesellschaftlichen Wandlungsprozess standen, in dem sich die europäischen Gesellschaften im Übergang von den alten Feudalordnungen zur modernen Bürgergesellschaft befanden. In diesem Sinne bezeichnet auch Waldemar Nowey den Bayerischen Hiasl als „Signal seiner Zeit“[2] - und so müssen Legende und historische Figur des ´gerechten Räubers´ auch verstanden werden.

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Böckl, Manfred: Jennerwein. Der gewilderte Wildschütz, München 1993, S.  129f. u. S. 138f.

[2]Nowey, Waldemar, 2003, S. 14.


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