Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Gemeinde Kissing

Sektionen
Sie sind hier: Startseite Ortsgeschichte Kissing und sein berühmter und umstrittener Held, der „deutsche Robin Hood“ Robin Hood in den Alpen – Hiasl in den Alpen?
Artikelaktionen

Robin Hood in den Alpen – Hiasl in den Alpen?

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

Dies trifft auch auf einen weiteren, den in der Rangliste der Wilderer-Legenden auf den ersten drei Plätzen des „Who is who der bayerischen Volksmythologie“ rangierenden Wildschützen Georg Jennerwein zu[1]. Auch das Bild vom Wilderer Jennerwein ist kaum zu verstehen ohne den Rückgriff auf den Basis – Mythos „Bayerischer Hiasl“. Dies um so mehr, da Romane und Theaterstücke uns viel vom Jennerwein erzählen - was bekannt vorkommt - wir heute aber geschichtswissenschaftlich kaum mehr von ihm wissen, als dass es ihn gegeben hat und dass er ermordet wurde.  Letzteres wissen wir aus den Gerichtsakten über den Mordprozess Jennerwein. Doch schon am Anfang und auch am Ende wird es kompliziert: Das Geburtsjahr des Jennerwein ist unklar, sein Grab in Schliersee, dem Wallfahrtsort seiner Anhänger,  ist – vermutlich – leer.

Das alles – vor allen Dingen die Frage nach dem Inhalt des Grabes – müsste heute – so fragt sich der ratlose Betrachter – ohne große Schwierigkeiten zu klären sein. Doch hier stößt der Aufklärungsdrang der Wissenschaft an die Abwehrgrenzen des wohl gehegten Mythos, denn: „Aber Legenden hinterfragen heißt sie zerstören.“[2]

Was dem gleichen Schema folgt, ist das Bild, das vom Wildschütz Jennerwein schon zu seiner Lebenszeit und kurz nach seinem Tod von den Zeitgenossen geprägt wurde: Ein neuer „Bayerischer Hiasl“ wurde in die Reihe der „Volkshelden“ aufgenommen, in die Reihe jener, die „es wagten, gegen die Obrigkeit aufzubegehren“. Ihnen „verzieh man … die kriminellen Taten und machte sie durch Erzählungen und Theaterstücke zu romantischen Legenden.“ Irgendwoher kennt man das jetzt schon.

Zu den „Taten“, die hier zu verzeihen waren, im Falle des Hiasl-Erben aus den Alpen aber keine Morde oder Totschläge zu rechnen. Vielleicht wurde er deswegen unter den Wilderer-Legenden und Hiasl-Nachfolgern „die populärste dieser Figuren.“[3]

Für die „Obrigkeit“ war der Wilderer „nur ein ordinärer Verbrecher“, „Bauern und Kleinbürger stilisierten ihn hingegen zum Rebellen, der die feudale Gesellschaftsstruktur angriff.

Für die Armen und Ohnmächtigen, die die Faust nur in der Tasche zu ballen wagten, wurde er zur Identifikationsfigur.“[4]

Und jener, der die eine Hand als „Faust  … in der Tasche“ hatte und in der anderen Hand eine Schreibfeder hielt, der schrieb die Legende nieder. Doch die Legende blieb, da Quellen nur unzureichend vorhanden waren, an vielen Stellen in sich nicht schlüssig.

So erhebt manche Darstellung den Anspruch, den „historischen Jennerwein“ beschreiben zu können. Als das Schlüsselereignis, das den späteren Wildschützen zum Gesetzlosen macht, wird oft der Sachverhalt angeführt, dass er als Zwölfjähriger „mit ansehen“ musste, „wie die königlich bayerischen Jäger seinen Vater wegen Wilderei“ erschossen hätten[5].

Andere „Biografien“ indes sprechen davon, dass „ sein Stiefvater von königlich-bayrischen Jägern wegen Wilderei erschossen“ wurde.[6]

Hier handelt es sich nun um Sujet bzw. Punkt 1 und 2 der unverzichtbaren Motive in den Legenden- Menüs der „gerechten“ Räuber.[7]

Beim Kneißl Mathias lagen die Dinge hingegen etwas anders. Als erste ´Ungerechtigkeitserfahrungen´ gelten allgemein eher wahnwitzige Gefängnisstrafen wegen Schulschwänzens. Die widersprüchlichen Umstände des Todes von Mathias´ Vater bei dessen Festnahme sehen viele als den zentralen Grund „.. warum der ´Fall Kneissl´ seinen Verlauf nahm.“ Nun als Heranwachsender auf sich allein gestellt, beginnen die Kneißl-Brüder in großem Umfang zu wildern – was sie aber auch schon vorher getan hatten – und es kommt zur Verhängung der  ersten längeren Gefängnisstrafen.[8]

Doch anders, als dies beim Kissinger Hiasl der Fall war, entstammte der  Räuber Kneißl von Geburt an einem der Kriminalität zugeneigten Milieu. Vater und Mutter waren schon vor seiner Geburt in Tatbestände der Hehlerei, des Diebstahls und der Wilderei verstrickt. Und als der Vater ums Leben kommt, sitzt die Mutter der Kneißl-Brüder schon längst im Gefängnis.

Wie bei allen Wilderer-Legenden kommt es auch beim Jennerwein am Ende zum großen „Showdown“, der beim Mythos einfach dazugehören muss. Nur dass der Jennerwein nicht von einer militärisch-polizeilichen Übermacht niedergerungen wird.

Hier reicht das Judas-Motiv, hier reicht der Verrat allein aus. Alles aber folgt auch hier der Dramaturgie und Regie der Genre – Vorstellungen vom „tragischen Helden“: „Freund erschießt Freund, der Vater den Sohn, der Bruder den Bruder“ und so weiter und so fort. Ein gegenseitiges Morden von „antiker Leidenschaft.“[9]

Der Mörder im Spiel ist im Falle Jennerwein der Mann der staatlichen Ordnung. Ein Jugendfreund des Wildschützen und früherer Wilderer selbst zudem. Doch eine Frau steht zwischen beiden, Eifersucht kommt ins Spiel, die Genre - Tragödie ist perfekt. Der Jugendfreund, der Pföderl, schlägt sich auf die Seite des Gesetztes, wird Gehilfe des Oberjägers und wartet auf den Moment, den Rivalen aus dem Weg zu räumen. Ein Stoff, aus dem manch Heimatfilm – Schnulze aus den 1950er Jahren hätte gemacht sein können. Das Finale am Peißenberg schließlich hat etwas von einem Western-Duell. Dieses Duell der Feinde hat hier nur einen Fehler: Der eine, ausgerechnet der Ordnungshüter schießt von hinten auf den Wilderer. Nicht sehr fein, aber wie gemacht für eine stilgerechte Heroisierung. Und das Feindbild Jäger stimmt auch.

Heute wird davon ausgegangen, dass der Schuss in den Rücken nicht tödlich war. Trotzdem war die Leiche des Jennerwein, die erst „neun Tage nach der Tat“ am 6.11. 1877 gefunden wurde, übel zugerichtet worden. Rache, Hass, Eifersucht, alles scheint zu stimmen. Doch: Obwohl Gerichtsakten vorliegen, bleibt vieles bis heute im Unklaren. Auch andere Täter, etwa ein Förster, kommen als Täter in Frage. Das alles ist der Stoff, aus dem heraus Verschwörungstheorien entstehen. So bleibt als Fazit: „Aber was sich an diesem Tag genau abspielt, wird letztlich immer ungelüftet bleiben.“[10]

Und es blieb das Misstrauen der Menschen gegenüber der Staatsmacht, der Unmut gegen ´die da oben.´

Was vereint die ´drei Großen´ der bayerischen Wilderer – Mythologie? Was vereint „Jennerwein“ und seine „Kollegen: Kneißl und Hiasl“? Zunächst sind es die Eckpunkte der Legende: „Der … frühe Tod des Wildschützen, seine verwegene Gestalt, die Aufsässigkeit gegen repressive Normen und schließlich das Scheitern an der Staatsmacht, all das schrie nach Legendenbildung.“[11]

Das Leben des Jennerwein  ist in seiner Gesamtheit wenig fassbar. Was dominiert, ist der Mythos, zusammengemischt nach der Punkteanleitung des Kochrezepts Robin Hood – und damit zwangsläufig auch versehen mit Hiasl-Elementen.

Dies trifft vor allen Dingen auf den immer wiederkehrenden Topos der unerfüllt bleibenden Liebesbeziehung des Heroen zu, eine Beziehung, die gesellschaftlich nicht toleriert wird und nicht sein darf. Das alles hört sich schon wie ein Klischee an, einzig beweisbar bleibt diese Liebe am Rande der Gesellschaft nur im Falle des Kissinger Hiasl und seiner Monika.

Auch der Jennerwein muss eine problematische Liebesbeziehung durchleben und ein uneheliches Kind haben – in späteren Darstellungen werden mehrere daraus. Seine unerfüllte Liebe heißt Agathe. Sie ist Sennerin und das neue Element ist: Sein uneheliches Kind ist eine Tochter, die „Rosl.“ [12] Doch nachweisbar ist das alles hier nicht. Kirchenbücher wurden nie durchforscht, Dokumente nie ausfindig gemacht. Der Mythos wünscht an dieser Stelle keine Aufklärung.

Ein Mythos trifft auf den Bergen bei Schliersee auch noch auf einen anderen: den der Sennerin. Die „Weibergeschichten“ [13] des Hauptdarstellers auf der Bühne der Wilderer-Stücke gehören jetzt zum unverzichtbaren Teil des Stoffes. Was beim Hiasl bittere Realität war und dem Protagonisten die Grenzen seiner Freiheit und seine Ausgrenzung vor Augen führte, wird nun zum Bestandteil des freien Lebens und zum Ausdruck des Strebens nach Freizügigkeit. Der Held wird zur Projektionsfläche des Freiheitsdrangs des kleinen Mannes mit der Faust in der Tasche. Drunten im Tal träumt dieser ´Zuschauer´ vom Ausbruch aus dem engen Korsett damaliger gesellschaftlicher Normen dort droben auf den Bergen, dort, wo diese Spielregeln und Zwänge anscheinend nicht mehr galten.

Aber auch dieser Mythos enthält einen Kern der Wahrheit. Tatsächlich waren die Bergalmen zu jener Zeit zu einer Art von Zufluchtsort für jene geworden, die gerne einmal ein Abenteuer suchten. Und die Sennerin gewährte es ihnen auch in so manchem Fall. Somit erklärt sich auch, warum in jenen Tagen in kirchlichen Herrschaftsbereichen, wie etwa in dem des Fürstbischofs von Salzburg, Frauen die Ausübung von Tätigkeiten in der Sennerei verboten wurde. Aus der Sicht der Moralhüter war die Bergalm tatsächlich zu einem Sündenbabel geworden. Doch spiegelte das in erster Linie die harte Realität  des gesellschaftlichen Lebens in jener Zeit wieder, die der Normalbürger gerne hinter sich gelassen hätte. [14]

Zur Zeit des Jennerwerin wird in der Literatur die Begegnung zwischen dem Wilderer und der Sennerin zum Topos der Volkshelden-Legenden. Später, sehr viel später, etwa in den 1970er Jahren, wird das Thema   auch zu einer Spielwiese, auf der – auch minder begabte – Autoren ihrer Phantasie freien Lauf lassen. Dann findet auch so etwas wie eine bemerkenswerte zeitliche Rückkoppelung von Klischees bei den Wilderer-Legenden statt. Motive, die sich beim Jennerwein finden, werden jetzt  auf den Kissinger Hiasl in das 18. Jahrhundert zurück projeziert und in dessen Leben hineingedichtet.

So wird im Jahre 1972 ein neues „Lied vom Bayerischen Hiasl“ komponiert – oder besser: aus Versatzstücken anderer Legenden eher dilettantisch zusammengebastelt. Der Hiasl bittet hier die Sennerin, ihm für die Nacht Zuflucht zu gewähren und so heißt es weiter: „Sie lagen beisammen die ganze Nacht“[15].

Der Betrachter wundert sich schon beim Leser dieser Verszeilen, wie die Sennerin von der Alm auf das Kissinger Lechfeld kommt. Die Senne bezeichnet als Wort die Alpweide hoch droben auf den Bergen, jene Weide, auf der das Vieh nach dem Almauftrieb im Frühjahr dann den Sommer über gehütet wird. Eine Sennerin außerhalb des Hochgebirges, eine Sennerin im flacheren Land ist so wahrscheinlich und authentisch wie eine Flachland – Gämse.  Es sei denn, man besucht letztere in München im Tierpark Hellabrunn.

Wer sich mit dem originalen Liedgut beschäftigen will, der greift auf die Liedersammlungen des Kiem-Pauli zurück. Aus diesen Sammlungen volkstümlicher Lieder – das wurde hier noch richtig verstanden und nicht wie im Musikantenstadl mit ´volksdümmlich´ verwechselt -  sind alle ernst zu nehmenden und heute bekannten Lieder über die drei großen Wilderer der bayerischen Volksmythologie entnommen. Ohne die Aufzeichnungen des Kiem-Pauli, der in den 1920er Jahren in Südbayern von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf und von Bauernhof zu Bauernhof gezogen und auf seine „Sammelfahrten“ gegangen war,   wären diese Texte und Melodien vermutlich verlorengegangen[16].

Auch das legendäre Original-Hiasl-Lied „ I bin da boarisch Hiasl“ findet sich hier. Es ist ein Original, stellt aber keine biographische Überlieferung dar. Es vermittelt die „Freiheitsbilder, die mit dem ´Hiasl´ verbunden werden“ - in der Bevölkerung. Gefunden wurde es vom Kiem Pauli bemerkenswerterweise in einem Liederbuch im oberbayerischen Miesbach – nicht weit vom Wirkungsfeld des Jennerwein entfernt.[17]

Beschrieben wird die Freiheit des Wilderers ( Im Wald drauß is mei Hoamat, im Wald drauß is a Lebn“  oder: „I bin der Fürst der Wälder, und koana is mir gleich, / so weit der Himmel blau is, |: so weit geht a mei Reich“), die Anklage gegen die Einschränkung des Jagdrechts ( „Das Wild auf weiter Erde is freies Eigentum“) und die Unterstützung durch die Bauern („/ de Bauern gebn ma z´essn| : und wenn is brauch, a Geld.“) und die Verunglimpfung des natürlichen Feindes, des Jägers („Was d´Jaga tuat vodriaßn, des gschicht mit größter Freud“). Vorgegeben wurden hier die zentralen Sujets der Wilderer-Legende. Und diese sagen viel über den sozialgeschichtlichen Hintergrund der Entstehung des Mythos. In dieser Hinsicht ist der Text authentisch, nicht in Bezug auf die Person selbst – obwohl vom Hiasl und seinem Leben noch am meisten bekannt ist.

Auch das „Jennerwein-Lied“ spricht mehr für die Stimmung in der Bevölkerung als dass es der Nachwelt Hinweise über die Gestalt des Jennerwein vermittelt. Zudem thematisiert es in erster Linie die Vorgänge um den Tod des Wildschützen. Dies erstaunt auch nicht, denn der Täter entstammt - wer auch immer – der Jägerschaft, dem innig geliebten Feindbild. Die Schauplätze wechseln, die Grundlinien bleiben die gleichen. „Im Wald“ war es, in dem sich der Hiasl „die Freiheit nahm.“[18]

Im Jennerwein-Lied heißt es dann: „Auf den Bergen ist die Freiheit, auf den Bergen ist es schön.“ Der Schauplatz des Stücks hat sich geändert, die Topoi sind geblieben. Der „feige Jäger“ ist der Mörder und ihm berühmt gewordenen Schlussrefrain heißt es:

„Am jüngsten Tag, da putzt ein jeder
Ja sein Gewissen und sein Gewehr
Und dann marschiern viel Förster und auch Jäger
Aufs hohe Gamsgebirg, zum Luzifer“
Die Zielrichtung beider Lieder ist die gleiche.

Das Jennerwein-Lied ist wohl berühmt geworden, ein jeder kennt es und hat es – in Bayern zumindest -  schon einmal gehört, auch wenn er es zunächst einmal gar nicht weiß. Die Hot Dogs haben vor nun fast schon fünf Jahrzehnten eine legendäre Neu-Version des Liedes, eine Mischung aus Volkslied und Dixieland, herausgebracht, die in vielen Ohren heute noch nachklingt. In dieser Version ist es fast unsterblich geworden, obwohl seine Wurzeln viel weiter zurückreichen.

Damit ist letztlich auch der Urvater der Wilderer-Legenden, der Hiasl aus Kissing unvergessen geblieben.

In aller Munde und aller Ohren sind auch die berühmten letzten Worte, die die Volkshelden auch angesichts der eigenen Hinrichtung bzw. Ermordung noch ausgesprochen haben sollen. Diese letzten Worte gehören nicht zum eigentlichen Robin Hood-Rezept, sie sind eine eher bayerische bzw. deutsche Zugabe, werden Verbreitung finden bis an das Ende der Welt, bis nach Australien.

Wohl bekannt sind die Worte des Mathias Kneißl, der vor seiner Gang zur Guillotine gesagt haben soll: „De Woch fangt scho guat o“. Das hört sich nach einem Montag an. Das Problem aber ist: Der Kneißl wurde an einem Freitag hingerichtet. Allgemein wird heute angenommen, dass das Zitat später erfunden wurde. Der Autor des Ausspruches war wohl „der Volksmund.“[19]

„Himmi Sakrament, daschiaßn deans mi aa no“, das soll der Jennerwein vor seinem Tod gesagt haben.[20]

Der Held, die Kugel im Rücken – und dann dieser Satz? Unter Umständen möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, möchte man sagen. Dazu kommt, dass diese Worte des Wilderers vom Pföderl übermittelt worden sein sollen, vom vermutlichen Mörder also. Obwohl Gerichtsakten vorliegen müssten, wird aus den Darstellungen, die sich auf diese Quellen berufen, nicht einmal klar, ob der Pföderl die Tat überhaupt gestanden hat. Die einen sagen Ja, die anderen Nein. Das müsste, möchte man wie oben betont fragen, im Falle Jennerwein eigentlich alles zu klären sein. Doch der Mythos geht allzu vielen Fragen gern aus dem Weg.

Alles und das Gefühl, dass ein Wildschütz und  „Volksheld“ eben immer bewegende melodramatische letzte Worte im Diesseits noch sagen muss, nahm im bayerischen Raum beim Kissinger Hiasl seinen bekanntesten Anfang. „In fufzg Jahr seid´s ös aa hi“ - In fünfzig Jahren seid ihr auch alle hin, das soll er vor seiner Hinrichtung gesagt haben. Soviel ironische Furchtlosigkeit angesichts eines nicht gerade leichten Gangs zum Schaffott? Wie Waldemar Nowey beschreibt, endet eines von vielen „geistlichen Volksstücken“, das aus dem Hiasl-Stoff später gemacht wurde, ein „Hirtenspiel aus St. Georgen bei Murau in Österreich“ mit dem von Pathos getragenen Schlusssatz: „ Dem Menschen ist es gesetzt, zu sterben, und auch von denen, die mich gerichtet haben, wird in fünfzig Jahren gewiß keiner mehr am Leben sein.“[21]

So dringt die Theater-Inszenierung in die historische Figur ein. Wahres und Erdachtes vermischt sich und ergibt am Ende eine Legende.

Schon im Falle des „Herrn der sieben Wälder“ hat Victor Hugo diesen Prozess der Mythenbildung vom gerechten Räuber in der Volksmythologie sehr gut beschrieben:

„Wie die Geschichte, so hat auch die Legende ihre innere Wahrheit , und diese unterscheidet sich von der historischen blos (Schreibweise im Originaltext, Anm. d. Verf.) der Form nach;  von einer Fiktion ausgehend, gelangt sie schließlich bei der Wirklichkeit an. Geschichte und Sage verfolgen ein gemeinsames Ziel, die Schilderung der menschlichen Wesenheit in vergänglichen Typen.“[22]

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Bayerischer Rundfunk: Die Legende Jennerwein. Vom Wilderer zum Volkshelden, vom 1.12.2008, http://www.br.de/themen/bayern/...

[2]Bayerischer Rundfunk: Hintergrund. Die Legende Jennerwein. Der Prophet gilt im eigenen Land nichts, http://www.br.de/themen/bayern/...

[3]Bayerischer Rundfunk: Die Legende Jennerwein. Vom Wilderer zum Volkshelden.

[4]Bayerischer Rundfunk: Die Legende Jennerwein. Räuber und Gendarm, http://www.br.de/themen/bayern/...

[5]Wer war der Wilderer „Georg Girgl – Wildschütz Jennerwein?“ http://www.jagd.it/musik/bericht-jennerwein.htm, abgerufen am 29.3.2017.

[6]Wunderlich, Dieter: Wildschütz Jennerwein, 1848 – 1877 / Biografie. 2013, http://www.dieterwunderlich.de/Jennerwein.htm, abgerufen am 30.9.2017.

[7]Leonardy, Heribert, 1997, S. 168.

[8]Klaus, Martin A., 2008, S. 37, S. 53 u. S. 58ff.

[9]Die Legende Jennerwein. Mythos vom Volksheld, http://www.br.de/themen/bayern/...

[10]Die Legende Jennerwein, Weggeputzt ..., http://www.br.de/themen/bayern/...

[11]Die Legende Jennerwein, Mythos vom Volksheld.

[12]Siehe: Wer war der Wilderer „Georg Girgl – Wildschütz Jennerwein?“

[13]Die Legende Jennerwein: Der Weiberheld, http://www.br.de/themen/bayern/...

[14]Siehe hierzu: Jungmeier, Michael/Drapela, Judith: Almen. Naturpark Hohe Tauern. Wissenschaftliche Schriften, Matrei in Osttirol 2004, S. 60-64.

[15]„Das Lied vom Bayerischen Hiasl“ (Aberle 1972), zitiert bei: Scherleitner, Wolfgang: Motive und Auswirkungen der Wilderei Mitteleuropas in Vergangenheit und Gegenwart, Hamburg 2008, zugl. Universität für Bodenkultur Wien, Diplomarbeit 2002, S. 112.

[16]Zur Sammlung siehe: Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern: Dok. – Lieder aus der Slg. des Kiem Pauli. Dokumente regionaler Musikkultur in Oberbayern - - - Lieder aus der Sammlung des Kiem Pauli;  http://www.volksmusik-archiv.de/vma/de/node/13, abgerufen am 14.4.2017.

[17]Siehe dazu: Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern: Text zu: „I bin da boarisch Hiasl – Da boarisch Hiasl, Angaben zu Quelle und Fundort des Liedes, http://www.volksmusik-archiv.de/vma/node/4028, abgerufen am 16.4.2017.

[18]Zitiert bei Nowey, Waldemar, 1983, S. 172.

[19]Klaus, Martin A.: Der Fall Mathias Kneissl, München 2008, S. 7.

[20]Die Legende Jennerwein, Weggeputzt .....

[21]Zitiert bei Nowey, Waldemar, 1983, S. 173.

[22]Victor Hugo, 1793.


Diese Internetseite wurde barrierefrei erstellt und erfüllt die folgenden Standards: