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Robin Hood – das Vorbild späterer Legenden

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

Man kann die ganze Bandbreite der Entwicklung der literarischen  Gestalt des Robin Hood kaum in Gänze darstellen, noch dazu, wenn es um Wichtigeres, wenn es um Kissing geht. Deshalb erfolgt hier nur ein kurzer Seitenblick auf diese Fiktion, um deren Bedeutung für die bayerischen Wilderer – Legenden aufzuzeigen. Denn die Mythengestalt eines „gerechten Räubers“ wird, wenn schon nicht physisch, so doch literarisch in ein soziales Umfeld hineingeboren, das dem des realen Hiasl unter sehr vielen Gesichtspunkten ähnelt.

Die zentralen Fragen bei dieser Mythenfigur sind wie beim Bayerischen Hiasl die „nach ihrer ursprünglichen gesellschaftlichen, politischen und kulturhistorischen Bedeutung“ und die nach „der gesellschaftlichen Zusammensetzung“  der „Rezipienten“ der ersten „erhaltenen Texte“ der Robin Hood - Legende.

Diese ersten Texte „stammen frühestens aus dem 15. Jahrhundert“. Der „Stoff“ selbst aber „erfreute“ sich bereits „gegen Ende des 14. Jahrhunderts bei den verschiedenen gesellschaftlichen Ständen großer Beliebtheit.“ Leonardy schildert das gesellschaftliche Umfeld, in das die Legendenfigur des Robin Hood  hineingeboren wurde – und vieles erinnert dabei an die Wälder um Kissing.

Das 14. und 15. Jahrhundert, das ist in England die Zeit des „Bastardfeudalismus.“ Alter Adel und die „yeomen“, d.h. oft niedriger Adel, „freie Landbesitzer und Bauern“, die aber keine Großgrundbesitzer waren, standen sich gegenüber. Einer  der Austragungsorte des Konflikts war der Wald: „Streitigkeiten um Wald- und Wildnutzungsrechte zwischen den adligen und klerikalen Obrigkeiten, die den Wald als ihren Grundbesitz ansahen, und den ärmeren Volksgruppen wie Landarbeitern oder Bauern durchziehen die mittelalterliche Geschichte, da der Wald für die streitenden Parteien ein bedeutender Wirtschaftsfaktor war, der Wild, Holz, Früchte und Weidegründe lieferte. Für Erwerbslose und Arme bot er Unterschlupf und die Möglichkeit, sich durch Wildern zu ernähren.“

Und die Benachteiligten brachten den Vertretern der Obrigkeit nur „Abneigungen“ entgegen. Ähnlich verhielt es sich zwangsläufig in den Erzählungen zwischen Robin Hood und „den königlichen und gräflichen Wildhütern.“[1]

Der Glaube aber spielte in der Welt der yeomen eine bedeutende Rolle. Zwar richtete sich deren Zorn gegen die höhere Geistlichkeit als Großgrundbesitzerin und damit auch gegen die Macht „der etablierten Kirche.“ Doch es „fanden“ in diesen Tagen „viele Gläubige Trost im Marienkult, der ihnen von der niedrigen Geistlichkeit als spirituelle Alternative zu den Allmachtsansprüchen der hohen Würdenträger angeboten wurde.“ Denn: „Als die Verkörperung von Mitleid und Gnade wurde Maria im Spätmittelalter als die Beschützerin der Beherrschten … verehrt.“[2]

Und auch der Konflikt zwischen hoher und niederer Geistlichkeit kam schon ins Spiel. Zum literarischen Symbol des Bündnisses zwischen niederem Klerus und den „yeomen“ wurde in der Robin Hood-Legende Bruder Tuck.

Und da führt der Weg auch wieder nach Kissing, wo die Dorf – Geistlichkeit, wo ein Kissinger Bruder Tuck wie Pfarrvikar Wolf, wie Waldemar Nowey schreibt, „ihrem Wildschützen wohlgesonnen“ war.[3]

Die Dichter des Zeitalters der Romantik sollten dann ab „der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts … endgültig ein Robin-Hood-Bild festschreiben“, das das Motiv vom „´edlen´ Räuber“ bis in die Gegenwart prägte.[4] Dies auch, weil nun „Maid Marian“ als die große Geliebte des Geächteten endgültig als prägender Charakter der Szenerie die Bühne betrat. Auch wer Maid Marion, oder Lady Marian, war, wissen wir nicht. Mit dem Räuber-Mythos wird auch das ihr zugedachte Motiv sich in Abwandlungen auf dem Kontinent wiederfinden.

Mit Joseph Ritsons A Collection of all the Acient Poems, Songs and Ballads, Now Extant, Relative To That Celebrated English Outlaw wird 1795 jener „Katalog von Eigenschaften“[5] ins Leben gerufen, dem seit dieser Zeit das klassische Räuber-Bild entsprechen muss.

Doch seit jener Ära schon vermischen sich wahre Begebenheiten und Erfindungen, oft aber entsprechen auch Fakten dem romantischen Traumbild. Die Figur der Maid Marian hat es – wie oben zu sehen war – in Kissing in der realen Gestalt der Monika Baumiller tatsächlich gegeben. Und das, lange bevor der Topos der Räuber-Geliebten die Bühne betrat. Was ist Fakt, was Fiktion oder fiktive Angleichung an den zentralen Robin-Hood-Mythos, das bleibt auch bei den Nachfolgern des Hiasl im Amte des ´edlen bayerischen Räubers und Wilderers´ immer die große Frage. Einfach zu beantworten ist sie selten. Ob Monika Baumiller in ihrem Charakter und in ihren Handlungen der Marian-Rolle entsprach, weiß niemand. Vieles bleibt dann in der literarischen Figur der poetischen Ausschmückung überlassen.

So treffen gesellschaftliche Realitäten und dichterische Freiheiten aufeinander. In die sozialen Realitäten des ausgehenden 18. Jahrhunderts und bis weit in das 19. Jahrhundert hinein wachsen Räuberfiguren nicht nur in Deutschland. Wie hat diese soziale Realität diese Menschen zu „outlaws“ werden zu lassen, wie und warum haben sie sich oft selbst zu ´Rächern der Armen´ erhoben, wie und warum haben die sozial Benachteiligten diese Figuren zu ihren Idolen und Helden erhoben und zu solchen ´Rächern´ gemacht? Die Antworten auf diese Fragen ähneln einander in vielen Punkten, doch offen bleibt allzu häufig, was historisch beweisbar ist.

Die nicht standesgemäße, von der Gesellschaft nicht geduldete, unmögliche Liebesbeziehung wird zu einem Hauptmotiv der Räubergestalt der Romantik. Was beim Hiasl noch Kirchenakten  in Ansätzen belegen, bleibt bei anderen, späteren ´Hiasls´ oft der Spekulation überlassen – und auch wilden gedanklichen Ausschweifungen.

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Zu diesem Abschnitt siehe: Leonardy, 1997, Einleitung und Kap. 1, d.h. S. I – V und S. 1-6.

[2]Leonardy, 1997, S. 5.

[3]Nowey, Waldemar, 1983, S. 166.

[4]Leonardy, 1997, S. 39

[5]Leonardy, S. 39.


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