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Robin Hiasl–Hood am anderen Ende der Welt. Von Kissing in den australischen Busch

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

Als ganz am anderen Ende der Welt der Bandit und Räuber Ned Kelly im Jahre 1880 in Australien zum Galgen geführt wird, hatte auch er, wie die Überlieferung es wissen will, einen im Angesicht des ihm bevorstehenden eher traurigen Ereignisses ungewöhnlich´flotten Spruch´ auf der Zunge: „Such is life“, ´so ist das Leben´.“

Wie sich das für einen richtigen ´gerechten Räuber´ so eben gehört, ist der Ort und der Tag der eigenen Hinrichtung immer der gegebene Anlass und Platz für einen theatralisch – epischen Abgang oder für ein Zitat, mit dem der Heroe deutlich zu verstehen gibt, dass er keine Angst vor dem Tod hat..

Auch im Falle des Ned Kelly wird die Echtheit des Ausspruches massiv angezweifelt. Sogar ein Psychologe hat sich in Australien mit einem Geschichtswissenschaftler zusammengesetzt. Sie wollten auf dem Wege der  Untersuchung der charakterlichen Eigenschaften des Ned Kelly herausfinden, ob dieser wirklich kurz vor seiner Hinrichtung gesagt haben könnte, dass das Leben eben so ist. Über eine Zeitmaschine verfügte der Psychiater Dr. Russ Scott nicht, um in die Vergangenheit reisen und dort den Räuber Kelly auf seine Psychologen – Couch legen und befragen zu können. Wohl aber glaubte er, aus den schriftlichen Dokumenten, die Kelly selbst hinterlassen hatte oder aus Aussagen von Zeitzeugen ein Psychogramm aus der Retroperspektive heraus erstellen zu können.

Scott glaubte so erkennen zu können, dass Ned Kelly ein „pathologischer Lügner“ gewesen sei, dem es an jeglicher „Empathie für andere“ ermangelte. Er sei „chaotisch“ gewesen, „ohne Erziehung“ und damit auch ungebildet. Das Ergebnis der Studie stand wohl auch schon von vornherein fest, denn Kelly war für den Psychologen generell ein „Parasit“, dessen „mentaler Zustand“ von Anfang an bedenklich gewesen sei.[1]

Vorurteile trüben auch manchmal in der Wissenschaft die Fähigkeit zur objektiven Analyse. In Australien scheiden sich bis heute die Geister an Ned Kelly. Für die meisten Menschen ist er auf dem fünften Kontinent ein „folk heroe“ und sie sehen - wie das auch in Kissing heute beim Hiasl so ist - die helle und die dunkle Seite des Helden in gleichem Maße. Dr. Scott in Queensland aber hegt eine besondere Feindschaft zum „folk heroe“ Kelly. Dabei scheint seine Quellenarbeit ungenügend gewesen zu sein, denn die Prozessakten im Fall dieses ´gerechten Räubers´ hätten für den Herrn Psychiater einige Überraschungen bereit gehalten. Doch dazu gleich mehr.

Kelly hatte drei Polizisten getötet – einen mehr als Mathias Kneißl – doch gerade deswegen wurde auch er auf dem fünften Kontinent  -wie der Kneißl in Bayern auch - zum Volkshelden. Als Tourist kommt der Australien-Reisende kaum an diesem Mythos vorbei. Denn neben Büchern und Filmen, die sich mit der „Kelly Gang“ beschäftigen, gibt es  ein Ned Kelly – Museum, „jede Menge Souvenirs, jede Menge Bier“ und sogar auch ein Denkmal, bzw. mehrere davon. Diese mitunter etwas ausgefallenen Skulpturen zeigen den Bandenführer in jener merkwürdigen Rüstung, in der er in seine letzte ´Schlacht´ zog. Ähnlich wie der Hiasl wollte er kugelsicher sein, in beiden Fällen hat es mit dieser Kugelsicherheit am Ende eher weniger funktioniert.

Kelly war ein „Polizistenmörder, Bankräuber, Viehdieb“, er war und ist aber eben gleichzeitig für viele Bewohner des fünften Kontinents „der“ - man ahnt es schon- „ Robin Hood Australiens“, den sie als „Helden und Rächer“ verehren. Der Held war und „ist der bekannteste bushranger, einer aus jener sozialen Randgruppe“, die im Land zum „Mythos“ wurde. Die bushrangers „durchstreiften das freie Land außerhalb besiedelter Orte, den bush, den Eukalyptuswald oder die spärlich bewachsenen Wüstengebiete des Outback.“ Sie wilderten, stahlen das Vieh der Großgrundbesitzer. Bewundert wurden sie „von der armen Bevölkerung“. Aber auch später „identifizierte man sich“ in Australien „mit Kelly vor allem wegen seiner tatkräftigen Verachtung der Autorität.“[2]

So wird der Besucher des fünften Kontinents, oder derjenige, der sich für eine Reise dorthin interessiert, schon im Vorfeld seiner Ankunft im Land über das Wissenswerteste über Australien in Kenntnis gesetzt, zu dem auch das Leben eines „outlaws“ gehört. Vieles in diesen Sätzen erinnert schon in seiner Kurzfassung an legendär Bekanntes und Legendenhaftes aus Bayern.

Hat Kelly Erbeutetes an Arme verteilt? Im Falle des Kneißl schreibt Martin A. Klaus am Ende seiner Recherchen kurz und bündig: „Das ist falsch.“ Er bezieht sich dabei auf die Prozessakten.[3]

Auch im Fall des Hiasl werden solche Robin Hood – Episoden erzählt. Ob sie stimmen, weiß die Nachwelt nicht so genau.

Ned Kelly aber schritt tatsächlich zur Tat. Zwar verteilte er direkt kein erbeutetes Geld unter den Armen. Während des Banküberfalls in Euroa im Dezember 1878 aber nahm er auch die „Schuldscheine der Bank“[4] mit, was den verschuldeten Kleinfarmern helfen sollte. Der „Beifall von Sympathisanten“ war dem „Helden“ gewiß.[5]

Viele Balladen wurden über Ned Kellys kurzes Räuberleben verfasst. Einer der berühmtesten Maler Australiens, Sidney Nolan, hat ihm einen Bilderzyklus gewidmet. Am Beginn des Jahres 2017 wird in London eine Ausstellung mit diesen Bildern Nolans eröffnet[6]. Gerade in London, wird manch Kelly-Fan sich wundern. Denn nichts hasste der bushranger mehr als die britische Kolonialgewalt.

Ned Kelly war katholischer Ire, ein sehr überzeugter Ire. Seine Landsleute lebten auf dem fünften Kontinent, auf den sie nicht freiwillig gekommen, sondern mit Sträflingstransporten verbracht worden waren[7], in sozial benachteiligten Verhältnissen – die meisten existierten mehr als sie lebten - schlicht in Armut.

Die Auseinandersetzung zwischen den bushrangers und der Staatsmacht trug nicht nur soziale Züge, sondern auch die des anglo-irischen Konflikts auf den britischen Inseln. Doch der Mythos des Volkshelden Kelly ist heute in Australien kein irisch-katholischer allein, sondern der des gesamten Kontinents. Die historische Entwicklung hat dazu beigetragen, den Räuber und Dieb zum „folk hero“ vieler, auch englischstämmiger Australier zu machen. Der Mythos wurde damit zu einem Faktor, der zu einer Annäherung zwischen Engländern und Iren in Australien beigetragen hat – und auch ein Element des neuen australischen Nationalgedankens wurde, der nicht nur mehr an England orientiert war.

Dabei ´kneisselt´ und ´hiaselt´ es in seinem Lebenslauf überall.

Doch die Geschichte des Mathias Kneißl ereignet sich erst später. Woher scheinen daher all diese Ähnlichkeiten zu kommen?

Wie im Falle seiner bayerisch-schwäbischen Schicksalsgenossen erscheint auch Kelly als ein Opfer der sozialen und politischen Verhältnisse seiner Zeit. Als Sohn eines deportierten irischen Häftlings geboren, versucht auch er es zunächst mit ehrlicher Arbeit. Doch er wird unschuldig – wie man heute glaubt – wegen Viehdiebstahls verurteilt. Die Legende macht dann die ganze Kelly-Familie – auch Mutter und Brüder werden wie im Falle Kneißl inhaftiert – zu „victims“, zu Opfern britisch-englischer Polizeiwillkür.

Die Situation in der Kolonie scheint derjenigen im Kissinger Land zu Zeiten des Hiasl und auch der im Dachauer Land des Kneißl verblüffend zu ähneln. Da sind die Ordnungshüter, die ohne Verständnis für die Nöte und Sorgen der Menschen auf dem Lande agieren und mit Hass auf diese Leute – hier Iren in der Mehrheit zudem – blicken. Und da sind die Armen und Besitzlosen, die kleinen Farmer und Landarbeiter, die die Vertreter der Staatsmacht verachten, und die diejenigen, die vor dieser Staatsmacht in die Wildnis geflohen sind, bewundern und glorifizieren. Die „Gesetzlosen“ bestehlen die Großgrundbesitzer und nehmen sich, was eigentlich allen in einem freien Land gehören sollte: Das Vieh und damit die Nahrungsquellen, ohne die die Mehrzahl der Landbewohner Not leidet. Und diese Landbevölkerung hilft den „Gesetzlosen“, gewährt ihnen Unterschlupf, wenn die Gesetzesvertreter sie suchen. Bushranger wie Kelly stehen aus der Sicht dieser australischen „underdogs“, dieser Menschen mit der Faust in der Tasche, für „Courage, Entschlossenheit, Unabhängigkeit“ und eben für „Freiheit“. Es ist die „Sympathie“ des einen „under-dog“ für den anderen.[8]

Und da ist der Held, der die verhasste Obrigkeit an der Nase herumführt. So ist es denn auch das kalte Verbrechen, der Mord, der am Anfang dieser Volkshelden-Verehrung steht.

Wie der Hiasl, der es – so die Legende  - liebte, die Fürstenmacht herauszufordern, den „mächtigen Feinden“ gegenüber „Schneid“ zu zeigen, der dabei auch gerne einmal eine „Amtsstube“ besetzte , einen „Amtmann“ dort festhielt, der demonstrativ einen „Korporal Denklinger gefangen“ nahm und einen „Reichsprälaten“ in einem „Roggenburger Wirtshaus“ „einzuschließen“ sich anschickte, [9] so hatten auch die ersten Straftaten des Ned Kelly einen eher herausfordernden und mitunter schon fast komödiantischen Ansatz eines Schildbubenstreichs. So gelang es der Kelly-Gang, eine Polizeistation zu besetzen, die Polizeiuniformen dort an sich zu bringen und mit diesen Uniformen gleich im Anschluss daran, sich in der Bank von Neusüdwales Zugang zu den Tresor-Räumen zu verschaffen[10] .

Ganz Australien lachte über den Coup der Kelly-Gang, der auch noch heute Stoff für eine Ganoven-Komödie liefern könnte. Zudem hatte diese Straftat noch kein Menschenleben gefordert, Ned Kelly war noch kein Totschläger. Er hatte sein Ziel erreicht, er hatte die britische Kolonialmacht erniedrigt. Man erinnert sich an für die Staatsmacht ähnlich blamable Vorstellungen im Falle Kneißl. In beiden Fällen ist die Genugtuung in der Bevölkerung und in den Zeitungen über diese Eulenspiegelein damals ein belegbares Faktum.

Doch die da oben, die Vertreter der Staatsmacht hatten wenig Sinn für diese Art von Humor, vor allen Dingen, wenn er auf ihre Kosten und auf die der Autorität der Staates ging. Kelly hatte die Kolonialgewalt der Lächerlichkeit preisgegeben, die Gewaltspirale begann, sich weiter und schneller zu drehen.

Es kommt, wie bei beim Räuber Kneißl, zu jenem verhängnisvollen Schusswechsel, in dessen Verlauf Polizisten ihr Leben verlieren. Ob es Mord oder nur Totschlag war, darüber streitet die juristische und geschichtswissenschaftliche Fachwelt auf dem fünften Kontinent bis heute. Nach allen Untersuchungen wird „die Wahrheit über Stringybark Creek niemals dargestellt werden können.“[11] Vor Gericht sagte Kelly später, er habe sich in einem regelrechten Krieg befunden, in dem er sich nur verteidigt habe – in einem Krieg, in dem die britische Kolonialmacht tagtäglich unschuldige Menschen ermorde. Seine Aussagen waren von viel Pathos getragen:

„... I am the last man in the world to take a man´s life away. ...I am not a murderer  … If I see innocent life taken, I should certainly shoot if I was forces to do so … I should have to do it if it could not be stopped in any other way.“[12]

Ein Jahrhundert zuvor wurde auch im Falle des Kissinger Hiasl, was dessen Totschlagsanklagen betraf, das „Kriegsrecht“ in Anspruch genommen. Seine „Gewalttätigkeit“ wurde als eine angesehen, welche als „Gegengewalt“ gegen die fürstlichen „Nachstellungen“  erfolgte, gegen die er sich nur „vertheidiget“ habe. Dieses Plädoyer kam aber nicht vom Täter selbst, sondern vom anonymen Autor der Lebensbeschreibung von 1772.[13]

Gemäß Zusammenstellung der Zutaten für die Robin Hood-Legende zählt die literarische Vorgabe, dass der Held „nur zur Selbstverteidigung oder in berechtigter Rache“ „tötet“, zu Punkt „Nr. 4“ des Beilagen – Menüs.[14]

Genau so wie beim Hiasl kommt es sowohl beim Keißl wie bei Ned Kelly zum großen Finale, muss in einer großen „Schlacht“ eine deutliche Überzahl von Repräsentanten der Staatsgewalt eine kleine Schar bzw. im Fall des Kneißl sogar einen einzelnen überwältigen.

Auch die militärische Übermacht, die sich schon bei Osterzell dem Hiasl gegenüber sieht, weiß keinen anderen Ausweg aus der schwierigen Situation, als die Eröffnung eines gewaltigen Feuers gegen den Banditen. Und so wissen auch die Augenzeugen aus jenen Tagen zu berichten: „Die Thüren wurden von den Grenadiers wie eine Scheibe durchschossen, dann sie feuerten unaufhörlich, und fast Plutonweise.“[15]

Als die Polizei den Räuber Kneißl in Aufkirchen nordwestlich von München umstellt hat, haben die „Schüsse von Irchenbrunn“ ihre Spuren bei den Gendarmen hinterlassen. Sie haben nun einen Ganoven umkreist, der zwei ihrer Kameraden getötet hatte. Die Situation war angespannt, die Beamten waren noch schlecht ausgebildet und der Lage kaum gewachsen. So „feuerten die gut gedeckten Landgendarmen“ mit ihren Waffen „ihre ganze Wut hinaus“ und „zersiebten die Stadelwände, hinter denen sich Kneissl verborgen hielt.“ Selbst als sich im Haus „nichts mehr“ „regte“ und alles eigentlich vorbei zu sein schien, hielt der Dauerbeschuss eine Stunde lang an, so dass „die Kugeln weiter auf das Gebäude einprasselten.“ Als die Gendarmen das Haus stürmen und den verletzten Ganoven dingfest machen, verläuft die Aktion alles andere als kontrolliert und professionell, wird sogar ein Polizist von seinen eigenen Kollegen verletzt.[16]

Auch die „Morde von Stringybark“ heizten die Stimmung in der Kolonie von Victoria auf. Jetzt jagte die Polizei nicht mehr nur Viehdiebe, sondern zwanzig Jahre vor den Vorgängen in der Umgebung von Dachau schon folk heroes, die „Polizistenmörder“ geworden waren. [17]

Ned Kelly RüstungDer „Showdown“, die „Schlacht von Glenrowan“[18] hat die Kleinstadt berühmt und zu einer Attraktion für Touristen gemacht.

Was im Falle Hiasl Legende zu sein scheint, wird bei Ned Kelly aber zu einer Regie – Anweisung des Regisseurs daselbst, der niemand geringerer als der Räuber höchstpersönlich war. Kelly verstand es, auch das Gericht zu seiner Bühne zu machen. Anders als der Hiasl, dessen Rolle auf den Bühnen erst nach seiner Hinrichtung Schauspieler übernahmen, inszeniert Ned Kell sich selbst in theatralischer Weise. Er verstand es auch, zum Medien-Star zu avancieren. Er lud selbst im Gefängnis noch die Presse zum Star – Interview.

Dort empfing Kelly einen Reporter der wichtigsten australischen Tageszeitung The Age. Ihm gegenüber erwies sich der Mann, dessen Fähigkeit, Lesen und Schreiben zu können, bezweifelt wird  als äußerst eloquent, rhetorisch etwas überstilisiert, als er an die Öffentlichkeit mit den Sätzen wandte:

„Let the hand of the law strike me down if it will , but I ask that my story might be heard and considered“.[19]

Hatte hier ein Journalist von The Age seine dichterische Gestaltungsfreiheit überstrapaziert?

Ned KellyDie Gerichtsprotokolle indes zeichnen ein ähnliches Bild vom großen Auftritt des Volkshelden. Wenn Ned Kelly schon einem Reporter gegenüber die Situation in der Gegend schilderte, aus der er kam und in der er wurde, was er war, dann tat er das wortgewaltig. Diese Verhältnisse seien es auch gewesen, die ihn –  zu einem Gesetzlosen wider Willen, zu einem Opfer polizeilicher Gewalt gemacht hätten. [20]

Was bei Ned Kelly bewusste Selbststilisierung gewesen ist, war beim Hiasl aus Kissing noch Teil einer höchst politischen Fremdstilisierung.

In Ludwig Tiecks Lebensbeschreibung wurde der Hiasl zwei Jahrzehnte nach seiner Hinrichtung ein „Verbrecher nur durch die Einrichtung des Staats“.[21] In kompromissloser Form machte hier ein Vertreter der Aufklärung das absolutistische System der Herrschaft für die „Gegengewalt“ des Wilderers verantwortlich.

Im Falle des Mathias Kneißl ist es – neben vielen Autoren und Reportern der damaligen Münchner Tagespresse – dessen Anwalt, der vor Gericht das Bild des von den gesellschaftlichen Verhältnissen ´erzwungenen Gesetzlosen´, des ´„forced outlaw“ auf bayrisch´ zeichnet. Kneißl beteuerte zwar selbst wie Ned Kelly vor Gericht: „Ich kann nur beifügen, daß ich niemals irgend Jemanden zu tödten beabsichtigte.“ Das Kriegsrecht wurde hier nicht wie bei Ned Kelly überanstrengt. Das Recht auf Selbstverteidigung hingegen sehr.  Kneißls Anwalt wies – wortgewaltig wie der australische bushranger -  darauf hin, dass es die gesellschaftlichen Verhältnisse gewesen seien, durch die sich sein Klient „immer wieder von der Arbeit“ und von einem ehrlichen Leben „verdrängt sah, und dass es diese Ausgangsbedingungen waren, die „den Verstoßenen von Neuem auf Abwege“ brachten. [22]

Der Anwalt Kneißls überzeichnete oft und deutlich und auch die Stellungnahmen des Angeklagten waren „geschönt.“[23]. Im Kern aber gaben seine Ausführungen auch die sozialen Realitäten im Königreich Bayern wieder,und werfen ein dunkles Licht auf eine Zeit, die „so gerne zur herrlichen Prinzregentenzeit verklärt wird“[24], deren Realität aber weit entfernt war von der süsselnden Biedermeier-Romantik eines Georg Lohmeyer und seines „Königlich-Bayerischen Amtsgerichts.“

Somit „gehört“ der Fall Kneißl, wie Kristl schreibt, „mehr noch als in die Kriminalgeschichte in die bayerische Sozial- und Kulturgeschichte, in das Kapitel vom ausschwingenden 19. Jahrhundert.“[25]

Ned Kelly StatueAuch die Geschichte des Ned Kelly ist nicht nur die Geschichte eines Gesetzesbrechers.  Sie steht für das Ende der Ära des Kolonialismus und für den Beginn einer Entwicklung in der australischen Gesellschaft, die mit dem Aufbau des Sozialstaates auf dem fünften Kontinent und dem Ausbau der parlamentarischen Demokratie einhergeht.[26]

20 Jahre vor der „Kneißl-Schlacht“ hatte am anderen Ende die „Kelly-Schlacht“ stattgefunden. Viele Dinge waren einander ähnlich.  Die ganze Polizeimacht jagte die Kelly-Brüder, die Staatsfeinde. In Glenrowan hatten sich diese in einem Hotel verschanzt und wurden von der Polizei umzingelt. Die Mord an ihren Kollegen hatte bei den Vertretern der Staatsmacht Wut und Frustration hervorgerufen. Wie in Bayern zwei Jahrzehnte später sind die Polizisten noch schlecht ausgebildet. Das Ergebnis ist zuerst das gleiche: Ein unkontrollierter Kugelhagel ergießt sich auch hier auf das Haus, in dem die Ganoven festsaßen.

Doch anders als in Aufkirchen im Dachauer Land endet  die Kelly-Schlacht dann in einem „Desaster“ - und dies vor allen Dingen für die unschuldigen Menschen, die sich im Hotel befanden und zwischen  die Fronten dieses „Krieges“ geraten waren.

Selbst der Historiker Ian Macfarlane, der mit seinem Buch über die Kelly-Bande angetreten ist, die Polizei von Victoria vor unberechtigten Beschuldigungen in Schutz zu nehmen, bezeichnet das Verhalten der Polizeikräfte in Glenrowan als „undiszipliniert“ und „grausam“ gegenüber den Frauen und Kindern, die sich im Haus befanden.[27]

Die Polizei kannte, wie der Parlamentsausschuss, der sich mit den Vorgängen von Glenrowan dann befassen sollte, ermittelte, diesen Sachverhalt. Schreie von Frauen aus dem Hotel waren, so die Ausschussberichte  nach den Befragungen der Zeugen, deutlich zu hören („Do not fire – the place is full of women and children; stop firing“.). Doch die Antwort des Senior-Constable auf diese Schreie war nur: „Lie down; you will not be hurt if you lie down.“[28]

Einer Frau gelang es, „mit ihrem Kind auf dem Arm“, aus dem Glenrowan Inn zu entkommen, beide wurden bei dieser Flucht schwer verletzt.[29] Die Inhaberin des Hotels verlor ihre beiden Kinder, ihr dreizehnjähriger Sohn wurde von Polizeikugeln regelrecht zersiebt, ihre Tochter erlitt einen Kopfschuss, an dem sie später im Krankenhaus starb[30]. Doch die Liste der Opfer endete hier nicht.

Der Reigen der Räuberschlachten, der von Osterzell im Fall des Hiasl über das Dachauer Land bis auf den fünften Kontinent führte, hatte in Glenrowan einen unmenschlichen Höhepunkt erreicht. Die Kneißl-Schlacht wird die Kriege der Räuber mit der Staatsmacht zwei Jahrzehnte nach Glenrowan schließlich für immer beenden.

Der Fall des Mathias Kneißl markierte den Endpunkt der Rolle des „gerechten Verbrechers“ in diesem Konflikt. Das Ende des Ersten Weltkriegs brachte den Fall der Wittelsbacher Dynastie mit sich. Für eine zu kurze Zeit währte dann die Zeit der ersten Demokratie auf deutschen Boden, der Weimarer Republik. Die Zeit der „gerechten Räuber“ aber war zu Ende gegangen. Über die Belange der Landbevölkerung wurde jetzt in Parlamenten entschieden. Und die Weimarer Republik hatte, so erfolglos sie auch enden sollte, eine entscheidende Wende im Verhältnis des Bürgers zu seiner Polizei eingeleitet, die nachhaltig bleiben und auch die Polizeigeschichte nach 1945 prägen sollte. Nicht mehr der ´Gendarm´ als langer Arm des Obrigkeitsstaates sollte der Ordnungshüter sein.  Die Polizist, dein „Freund und Helfer“[31] , diese Überschrift sollte nun das Selbstverständnis der Polizei dem Bürger gegenüber prägen und so dem Mann auf der Straße Vertrauen in die Ordnungsmacht vermitteln. Weimar ging unter, aber das Schlagwort kennt ein jeder heute noch. ´Räuber und Gendarm´, das war jetzt vorbei und Geschichte.

In Australien wurde der Fall des Ned Kelly zum Symbol des Niedergangs der Ära des Kolonialismus. Und er markierte auch den Wendepunkt hin zum endgültigen Siegeszug des Parlamentarismus auf dem fünften Kontinent.[32]

Das Parlament von Victoria zog sofort nach dem Gewaltausbruch von Glenrowan die Untersuchungen im Fall des „Kelly Outbreak“ an sich.

Denn viele Abgeordnete warnten vor einem englisch-irischen Bürgerkrieg in der Kolonie.

Als der Kissinger Hiasl und der Mathias Kneißl hingerichtet sind, sieht die Staatsmacht die Sache in Bayern für erledigt an. Mit den gesellschaftlichen Hintergründen der Legendenbildung um die ´gerechten Räuber´ wollten sich die Regierenden nicht auseinandersetzen – man versucht, die kleinen Aufrührer  im Volk „vergessen zu machen.“ [33]

Am anderen Ende der Welt aber wird sich nach der Hinrichtung des Ned Kelly ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit dem „Kelly Outbreak“ befassen. Dieser Ausschuss wird sich mit vielen Dingen beschäftigen und eine Reihe von Abschlussberichten vorlegen.

Auch die sozialen Verhältnisse werden als Ursache für das Heranwachsen einer kriminellen Jugend angesehen, die „Prävention … des Verbrechens“ müsse da ansetzen, wo „Armut und Laster in verfallenen Unterkünften Zuflucht suchen“. Dort wo Menschen unter ungesunden und unhygienischen Zuständen leben müssen und oft „arbeitsunfähig“ würden, dort sei die „Quelle“ des Verbrechens zu finden. Und genau hier sei die „Tat des Gesetzgebers“ gefordert,[34]

Vieles erinnert in den australischen Ausschuss - Protokollen an die Verhältnisse im „Kneißl-Gebiet“, in dem der „Graben zwischen Gendarmen und Dörflern“ groß war und den Vertretern des Gesetzes bei der Suche nach dem Räuber nur Signale „der Abneigung und des Widerwillens“ unter den Landleuten entgegenschlugen.[35]

Im „Kelly Country“ habe eine effektive Verfolgung der Bande nie stattfinden können. Die Polizeikräfte verfügten im „Kelly Country“ über keinerlei „Vertrauen“ in der Bevölkerung. Aus dieser Bevölkerung wurden die Räuber mit Informationen, „mit Waffen“ versorgt, mit „Geld“ und anderen Dingen wie Lebensmitteln. So hätte die Polizei eher hilflos dem Treiben der „outlaws“ zusehen müssen, denn sie agierte „ohne die Sympathie und den Beistand der Einwohner“[36]

Die „Ineffizienz“ der Polizeiarbeit, die zu Tage getreten war, sollte schonungslos untersucht werden. Korruption wurde in vielen Fällen ausgemacht, die Verstrickung einiger Gesetzeshüter in Geschäfte mit der Prostitution  und in Fälle von Viehdiebstahl daselbst wurden aufgedeckt.

Ein wichtiger und zentraler Punkt war die schlechte Ausbildung der Polizisten.[37] Die künftige „Rekrutierung“ von Polizeibeamten und eine professionelle Ausbildung an der Schusswaffe wurde als unerlässliche Hauptforderung des Ausschusses benannt. Gute Erziehung und gute Ausbildung sollten Voraussetzung für die Zulassung zum Polizeidienst sein. [38]

Das Ziel der Untersuchung war die Schaffung einer Polizei von Victoria, die im Einklang steht  „with the democratic spirit of our institutions.“[39]

Der „Kelly Outbreak“ wurde so zum Auslöser für sozialstaatliche Reformen und für Neuansätze im Polizeiwesen, die die Polizei des fünften Kontinents bald zu einer der modernsten Polizeien der Welt machen sollten. In Bayern hingegen liefen die Uhren noch anders herum.

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Ned Kelly´s last words were not ´such is life´, Queensland psychiatrist and Melbourne historian claim; in: The Courier Mail, 11.11.2014.

[2]Merian, Heft 01/2012, S. 134f., Rückblick: Ritter, Mörder, Held.

[3]Klaus, Martin A., 2008, S. 187.

[4]Leonardy, Heribert, 1997, S. 141.

[5]Leonardy, 1997, S. 141.

[6]Pallant House Gallery: Transferences. Sidney Nolan in Britain, 18th February 2017, http://www.pallant.org.uk/...

[7]Dazu zählten auch die Anführer des irischen Chartisten- Aufstandes von 1848. Die gesamte britische Chartisten-Bewegung setzte sich für die Durchsetzung des gleichen Wahlrechts in Großbritannien ein. Vor allen Dingen ihr irischer Flügel entwickelte sozial-emanzipatorisches Gedankengut. Siehe: Münch-Heubner, Peter L.: Sanfter Paternalismus.  Entstehung, Geschichte und Gegenwart des Sozial- und Interventionsstaates in Australien: Reihe Zivilisationen & Geschichte, Bd. 49, Frankfurt am Main 2017, S. 56f.

[8]Barry, John V.: Biography – Edward (Ned) Kelly (1855-1880). Australian Dictionary of Biography, http://adb.edu.au/biography/kelly-edward-ned-3933, abgerufen am 23.4.2017.

[9]Nowey, Waldemar, 1983, S. 168 und: Kissings berühmtester Sohn.

[10]Barry, John V., Biography – Edward (Ned) Kelly.

[11]Leonardy, Heribert, 1997, S. 141.

[12]Zitiert aus den Prozessakten aus dem Public Record Office Victoria, in: Macfarlane, Ian: The Kelly Gang Unmasked, Oxford University Press Melbourne 2012,   S. 133.

[13]Siehe: Leben und Ende des berüchtigten Anführers einer Wildschützenbande, Vorrede, S. 2 f.

[14]Leonardy, Heribert,  S. 168.

[15]Aus den Quellen zitiert bei Nowey, 2003, S. 39.

[16]Klaus, Martin A, S. 131 u. S. 150ff.

[17]Macfarlane, Ian, S. 66 u. S. 83.

[18]Leonardy, S. 144.

[19]Zitiert in: Macfarlane, Ian, The Kelly Gang Unmasked, 2012, S. 110.

[20]Zitiert bei Leonardy, S. 142.

[21]Tieck, Ludwig, Mathias Klostermayr oder der Bayerische Hiesel,   S. 12.

[22]Zitate aus: Klaus, Martin A., S. 172f.

[23]Klaus, Martin A., S. 167.

[24]Klaus, Martin A., S. 6.

[25]Kristl, Wilhelm Lukas, S. 163.

[26]Zur Geschichte des australischen Sozialstaats siehe: Münch-Heubner, Peter L., Sanfter Paternalismus.

[27]Macfarlane, Ian, S. 23.

[28]Royal Commission on Police, Minutes of Evidence, Kelly Reward Board, Friday, 11th March 1881, S. 5.

[29]Victoria. 1881: Police Commission. Charges Against Members of the Police Force. Saturday, October 29, 1881, S. 5.

[30]Macfarlane, Ian, S. 23.

[31]Zitiert u.a. bei: Wolffsohn, Michael: Zivilcourage. Wie der Staat seine Bürger im Stich lässt, München 2016, S. 80.

[32]Zu den Anfängen der Geschichte des australischen Parlamentarismus siehe Münch-Heubner, Peter L., Sanfter Paternalismus, S. 38ff.

[33]Klaus, Martin A., S. 6.

[34]Royal Commission on Police: General Report, Victoria 1883, Present State and Organization of the Police Force, Parliament of Victoria, Library, No. 21, S. XXI.

[35]Kristl, 1978, S. 6 u. S. 13.

[36]Police Commission: Charges Against Members of the Police Force;  Return to an Order of the Legislative Assembly, Dated 22nd November 1881, Parliament of Victoria Library, C. - No. 6, Victoria 1881, S. 3 u. S. 4.

[37]Royal Commission on Police, General Report, A 2, S. VII. ff.

[38]General Report, S. XII.

[39]General Report, S. XI u. S. XXV.

 


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