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Die letzten Worte der „Heroen“ - Kriegsrecht und Selbstverteidigung in den Räuberlegenden

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

Die Legende von den letzten Räuber-Worten wurde in Australien tatsächlich Realität. Die Gerichtsakten zum Fall Kelly beweisen das. Um den Ausspruch „Such is life“ geht es dabei aber nicht. Denn am Ende des Prozesses, als das Todesurteil verkündet worden war, antwortete Ned Kelly dem Richter auf dessen letzten Satz „May the Lord have mercy on your soul“ - mit den Worten:

„Yes; I will meet (see) you there where I go“.[1]

Es war und blieb ein Muss der Legende, dass der Held des Heldenstücks kein Mörder war, sondern sich nur selbst verteidigte. Auch der Räuber Kneißl betonte selbst im Prozess um ihn immer wieder, die Polizisten „in Irchenbrunn nicht absichtlich erschossen“ zu haben. Polizeiliche Untersuchungen am Tatort bestätigten dies – im Prinzip. Kneißl habe nur „nach unten, vermutlich sogar auf den Steinboden geschossen... wo die Schrotkugeln abprallten und Brandmaiers Bein trafen“, heißt es in einem Bericht.[2]

Auch der Richter im Prozess selbst glaubte, dass „kein Mord“ vorlag – und richtete ein Gnadengesuch an den bayerischen Justizminister – das ohne Antwort blieb. Der Richter wollte die Bestrafung des Kneißl nicht verhindern, sah aber die Grundlage für die Verhängung eines Todesurteils als nicht gegeben an. Alles deutete für ihn auf Totschlag und nicht auf gezielten Mord hin.[3]

Als Ned Kelly in Australien zum Tode verurteilt wurde, wurden mehrere Petitionen, „die fast dreißigtausend seiner Anhänger für seine Begnadigung verfaßt hatten“, zurückgewiesen.[4]

Auch hier war die Frage: Hatte der „folk hero“ absichtlich getötet oder sich nur in Selbstverteidigung gegen Angreifer gewehrt?

Obwohl gerade im Fall Kelly die Aktenlage günstig scheint, bleibt vor dem Hintergrund aller in den Polizeiberichten enthaltenen Informationen die  Gesamtsituation in sich widersprüchlich.

Was den „Schusswechsel“ „am Stringybark Creek“ im Jahr 1878 anbetrifft, der für drei Polizisten „tödlich endete“, so wird wohl, wie Leonardy schreibt „die Wahrheit“ über den Vorfall „niemals dargestellt werden können.“ Täter und Opfer kannten sich seit langem, seit Kellys Jugendzeit. Es war nicht ihr erstes Aufeinandertreffen. Auch die Polizisten waren in Fälle von Viehdiebstahl verwickelt.

Doch zum Robin Hood- Menü gehört es eben, dass der Held sich immer in einer Verteidigungssituation in einem nicht erklärten Krieg befindet. Auf alle Legenden im Genre trifft dies zu.

In Australien ging die Robin-Hood Legende vom ´gerechten Dieb´ in vielerlei Hinsicht in die Realität über. War dies eine zufällige historische Parallelerscheinung oder eine herbei gezwungene Analogie?

Wie heißt  es so schön im Hiasl-Lied:

„I bin d´boarisch Hiasl

Koa Kugel geht mer ei´“

Das spiegelt, wie Waldemar Nowey schreibt, den „Aberglaube des »kugelsicheren Wilderers«“ wider, so wie er im „bayerischen Volk“ sich eingewurzelt hatte.[5]

Ein Jahrhundert nach der Hinrichtung des Hiasl fällt am anderen Ende in einer anderen legendären ´Räuber – Schlacht´ gegen die Obrigkeit in Glenrowan, der Satz:

„I am bullet proof. You can´t hurt me“

Die Worte stammen aus keinem Volkslied, sie sind nicht Teil einer Legende. Sie stammen aus einem Polizeibericht über die Vorgänge vor dem Hotel von Glenrowan.[6] Mehrere Polizisten sagten so aus, Ned Kelly habe diesen Satz gesagt, als er ihnen in seiner Rüstung gegenüber trat.

Die „Legenden-Adaption“, d.h. der Transfer von Inhalten der Räuber-Legenden über die Länder hinweg, ist, so Leonardy, „denkbar“, bleibt „aber oft nicht zu belegen“. Mit der englischen Auswanderung nach Nordamerika und nach Australien wanderte die „Robin-Hood-Figur“ mit diesen Menschen in die Neue Welt aus. Ein weiterer Punkt ist auch der Sachverhalt „der literarischen Beeinflussung“, die „vor allem im 19. Jahrhundert von England  nach Nordamerika und Australien ausging“.[7]

Doch „kugelsicher“ konnte am Ursprung aller Räuberlegenden die literarische Figur des Robin Hood nicht sein, gab es diese Kugeln zu jener Zeit, in die die Legendenfigur hineingesetzt wurde, noch nicht. Robin Hood hätte also höchstens ´pfeilsicher´ sein können. Wurde aus einer solchen Unverwundbarkeit dann später eine Kugelresistenz?

Ned Kelly wollte „bullet proof“ sein, eine Rüstung sollte ihm dabei helfen. Und eines fällt auf: Die Kelly-Gang ist nicht nur am Anfang ihrer Geschichte, sondern auch danach und über weite Teile ihrer Umtriebe hinweg so etwas wie eine ´deutsch-irische Koproduktion´gewesen.

Als die Kelly-Brüder mit ihren Viehdiebstählen beginnen, tun sich die jungen irischen bushrangers mit den Baumgarten-Brüdern Gustav und Wilhelm zusammen.[8] Die Baumgarten-Familie war in den 1850er Jahren nach Australien ausgewandert, zu einer Zeit also, in der in Deutschland eine nicht nur literarische Räuber – Begeisterung in Büchern, auf Bühnen und in weiten Teilen der Bevölkerung vorherrschte. War der Kissinger Hiasl mit den Baumgarten-Brüdern nach Australien gekommen?

Die Baumgartens waren nicht die einzigen deutschen Einwanderer,  die ab den 1830er Jahren sich in größerer Zahl in Australien anzusiedeln begannen. Ab dem Jahre 1847 ließen sich die ersten von ihnen auch in Victoria nieder.[9] Vor allen Dingen nach 1848 waren vermehrt enttäuschte Anhänger der Revolution von 1848 nach Australien gekommen, die aufklärerisches Gedankengut mitbrachten. Aufklärer in Deutschland waren mit dem Räuber-Mythos gut vertraut.

Unter den deutschen Neusiedlern befanden sich auch Einwanderer aus dem bayerischen Raum. Einer der bekanntesten von ihnen, Adolph von Teurer, kam zu Mitte der 1850er Jahre nach Südaustralien, wirkte über Jahre als Lehrer, stieg in den Council of Education der Kolonie auf und wurde zum Mitbegründer der Universität von Adelaide.[10] Pädagogen waren schon immer hervorragende Multiplikatoren im kulturellen Austauschprozess.

Die deutschen Einwanderer auf dem fünften Kontinent lebten in vielen Bereichen ihr eigenes Leben, sie gründeten ihre eigenen Städte – wie Gnadenfrei, was sich wie ein politisches Programm von Aufklärern anhört – und heirateten in erster Linie untereinander. Sie gingen als Farmer aber auch in irische Siedlungsgebiete, - wie in das „Kelly Country“ - wo sie dann, wie die Iren, zu den sozial schlechter gestellten „selectors“ gehörten und sich, wie die Iren, über die Vorrechte der „squatter“, der Großgrundbesitzer, beschwerten[11].

Die „Germans“ in Australien waren um die Erhaltung ihrer Kultur bemüht, sie gründeten eigene Schulen. Seit 1847 informierte sie die Zeitung Deutsche Post auch über Vorgänge in der alten Heimat. Zur Bewahrung der Kultur gehörte auch die Gründung von vielen „Liedertafeln“, von Gesangsvereinen, die auch in Deutschland in jenen Jahren einen lebhaften Aufschwung erlebten. Deutschsprachiges Liedgut sollte in diesen „German Liedertafeln“ auch in Australien erhalten werden. Und da waren schließlich auch die „German theatres“, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet und zum Bestandteil der jungen Kulturwelt des fünften Kontinents wurden. Zumeist Laiendarsteller spielten deutsche Stücke auf diesen Bühnen.

In Deutschland herrschte, wie schon betont, damals Räuberbegeisterung – und die „Hiaslstücke“ erfreuten sich im gesamten deutschen Sprachraum – Österreich und Böhmen mit einbezogen – auch „in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts“ noch immer größter Beliebtheit. [12]

Erst mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verschwand das deutsche kulturelle Biotop nach 1914, da Deutschland Kriegsgegner geworden war und die Kleinbühnen schließen mussten.[13]

War der Hiasl über die „Liedertafeln“ oder über das „German theatre“ nach Australien gekommen?

Das bleibt, wie Leonardy sagen würde, „denkbar“, aber nicht dokumentarisch anhand von Quellen beweisbar. Zwischen 1914 und 1918 verschwand vieles im Gewirr der antideutschen Grundstimmung im Land, das der Nachwelt heute z.B. Auskunft über die Programme von Liedertafeln oder deutschsprachigen Theaterbühnen geben könnte.

Das Hiasl-Lied in Deutschland selbst ist wohl wesentlich älter, als es das Jahr, in dem der Kiem-Pauli es in seine Sammlung aufnahm, vermuten lässt. Auch das Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern geht davon aus, dass erste Bänkelsänger und Lieddichter schon „kurz nach seinem“ - nach Hiasls - „Tod“  - ihre erste Strophen verfassten, die, in der „Ich-Form“ erzählt, der „Freiheitsliebe“ der Zeitgenossen Ausdruck verliehen haben.[14] Eine „Freiheitsliebe“, wie sie auch im Namen Gnadenfrei zum Ausdruck kam?

Und da bleibt auch ein letztes Indiz in dieser Beweiskette.  Wie bereits erwähnt, stellen die – hier so bezeichneten - ´letzten Worte´ des Räuberhelden eine genuin bayerische bzw. deutsche Zutat zum Robin Hood-Rezept dar. Die Robin Hood-Legende selbst schon kannte an ihren Anfängen viele der für sie typischen Motive. Doch als Robin Hood verraten wird und den Tod findet – es fehlen die letzten markigen Worte.

Und dies ist auch bei jenen markanten Robin Hood- Mythen der Fall, die im angelsächsischen Raum in Anlehnung an den Urmythos geschaffen wurden. Leonardy hat hier versucht, Spuren zu verfolgen. Doch bei all den Schwierigkeiten, die sich dabei ergaben, blieb eines erkennbar: Bei all den Figuren, die etwa in den USA im Nachhinein der Robin Hood- Legende angeglichen wurden, fehlt der rhetorisch überstilisierte Schlusssatz. Das beste Beispiel lieferte die Jesse James- Geschichte. Wie Leonardy aufzeigte, wurde hier von der Südstaaten-Presse bewusst ein klassischer Robin Hood-Mythos aufgebaut. Alle Inkredenzien enthielt hier das Robin Hood-Kochrezept  bis zum Schluss, bis zum heimtückischen Verrat. Doch für große pathetische Worte zum theatralischen Abgang reicht selbst hier nicht mehr der Atem.

Die Spur der berühmten letzten Worte führt zurück zum Kissinger Hiasl, führt von diesem aus zu deutschen Räuberlegenden wie auch dem Schinderhannes – dessen letzte Worte Leonardy zitiert hat – führt über Figuren wie dem Jennerwein und zum Matthias Kneissl. Ausgerechnet am anderen Ende der Welt schließt sich ein bushranger namens Ned Kelly dieser Tradition an?

Zufall? Möglich vielleicht, bei einem der Könner der Selbstinszenierung wie Ned Kelly aber vielleicht auch eher unwahrscheinlich.

Nach den Jahren des Hiasl scheint es in Kissing und Umgebung ruhiger geworden zu sein. Die Napoleonischen Kriege hinterlassen aber auch hier ihre Spuren. Das Kissinger Land wird im Rahmen der Prozesses der Säkularisation und der Mediatisierung endgültig und vollständig bayerisch.

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Zitiert bei Macfarlane, Ian: The Kelly Gang Unmasked, Melbourne 2012, S. 135.

[2]Klaus, Martin A., S. 129 u. S. 179.

[3]Klaus, Martin A. , S. 176 f.

[4]Leonardy, Heribert, S.144.

[5]Nowey, Waldemar, 1983, S. 172 u. Zitat S. 174.

[6]Zitiert bei Macfarlane, Ian, S. 1.

[7]Leonardy, Heribert, S. 79.

[8]Zu den Baumgarten-Brüdern siehe u.a. Macfarlane, Ian, 2012, S. 53 ff.

[9]Immigration Museum, Melbourne, Australia: Origins: History of Immigration from Germany, https://museumvictoria.com...

[10]Zu Adolph von Teurer sowie zu deutschen Einwanderung generell siehe: Flinders Range Research: German Settlers in South Australia,  http://www.southaustralianhistory.com.au/german.htm, Abgerufen am 29.7.2017.

[11]Siehe: The Argus at Kelly Gang, 20.3.1879.

[12]Nowey, Waldemar, 2003, S. 59.

[13]Siehe hierzu: Jupp, James (ed.): The Australian People. An Encyclopedia of the Nation, It´s People and Their Origins, Cambridge University Press, 2001, an mehreren Orten.

[14]Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern: Text zu: „Bin i der Boarisch Hiasl“ - Ein Bayrisch-Hiasl-Lied; http://www.volksmusik-archiv.de/...


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