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Der Kissinger Hiasl und seine Erben

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

Die Lebens- und Legenden - Geschichte des Matthäus Klostermair wurde zum Ausgangspunkt einer bayerischen Legendenbildung über das Wildererwesen schlechthin. „Die Hiaslgeschichten“ verbreiteten sich nicht nur im bayrischen Sprachraum, sondern darüber hinaus auch noch in das Böhmische und bis nach Südtirol hinein. Dabei wurde der Titelheld oft auch schon mit anderen Namen versehen. Im südlichen Mähren wurde er zum „Schwarzen Martin“. Vieles auch an den Lebensläufen anderer bekannter bayerischer Wildschützen, die es tatsächlich gab,  erinnert heute ebenfalls verdächtig an das ursprüngliche Vorbild z.B. im „Hiaslmotiv »Freiheit – Liebe – Macht«.“[1]

HiaslstatueDer Kissinger Hiasl wurde mehr, er wurde zum Ausgangspunkt für die Legendenbildung um das bayerische Wildschützentum bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Oft genannt wird dabei das Trio der „Volkshelden“ der „bayerischen Volksmythologie“ schlechthin in einer Reihe: „Der bayerische Hiasl“, die „Legende Jennerwein“ und der „Räuber Kneißl“.[2]

Wie sein Vorgänger wurde auch Mathias Kneißl, weil eben auch ein Mathias, unter seinem Rufnamen „Hiasl“ weit bekannt.[3] Ob er diese Analogie zum Kissinger Hiasl selbst hergestellt hat, muss auch an dieser Stelle als Frage im Raum stehen bleiben. Dass er vom Bayerischen Hiasl gehört haben musste, ist sehr wahrscheinlich, denn die Wilderer-Legende aus Kissing war über die Grenzen Schwabens hinaus sehr wohl bekannt. Und schließlich lagen auch die geographischen ´Tätigkeitsfelder und Wirkungsräume´ der beiden Gesetzlosen nicht weit auseinander: Betrachtete der Ur-Hiasl die Wälder am Lauf des Lech südlich von Augsburg als sein ´Königreich´, so trieb Mathias Kneißl nur ein wenig weiter östlich, im Wälderdreieck zwischen Augsburg, Freising und München, im Dachauer Raum sein Unwesen. Auch hier war der Kissinger Hiasl zu einer Legende geworden. „Aus diesem magischen Winkel der bayerisch-schwäbischen Hochebene“, schreibt Wilhelm Lukas Kristl, kamen sie, die prominentesten unter den Wilderern und bayrischen Robin Hoods. Ob und inwieweit allerdings die von Wilhelm Lukas Kristl wiedergegebene Erzählung tatsächlich stimmt, dass der junge Kneißl und sein Bruder vom „Bayerischen Hiasl“ denn „viel geschwärmt“ haben, ist nicht wirklich belegbar.[4]

Populäre Autoren, die sich des Kneißl-Stoffes angenommen haben, arbeiten und arbeiten mit demselben Mix aus Quellen und mündlichen Überlieferungen und Wunschvorstellungen, wie viele andere Schmiede von Räuber-Legenden zuvor auch. Zur Kochanleitung des Menüs gehören Fakten und Akten – soweit zugänglich – , Robin Hood-Zutaten sowie dann eben auch eine Priese Hiasl aus den Kissinger Wäldern, frisch auf- und zubereitet und auf den Tisch des Lesers serviert. Dabei ist aber, trotz aller literarischer und romantisierender Versuche, keine ´Kniasl´ - Mythenfigur entstanden, wenngleich viele schriftstellerische Verrenkungen solches herbeizaubern wollten.

Wilhelm Lukas Kristl arbeitete mit Quellenmaterialien, mit den „Akten von Innen- und Justizministerium (Bayer. Hauptstaatsarchiv München)“ und er zog auch „die des Kgl. Bezirksamtes Neuburg a.d. Donau (Bayer. Staatsarchiv Neuburg)“ zu seinen Recherchen hinzu. Hinzu kamen auch „Dokumente aus den städtischen Sammlungen Münchens (Stadtarchiv, Stadtbibliothek mit Monacensia und Handschriftensammlung) und Augsburgs (Stadtarchiv)“. Auch die damalige Tagespresse wurde vom Autor erneut ausgewertet.[5]

Doch Kristl läßt seine Leser nicht an seiner Freude teilhaben, zu wissen, welche Aussagen aus welchen Quellen stammen, Fußnoten oder Verweise fehlen. Insgesamt gehen Dokumentarisches und Erdichtetes somit nahtlos ineinander über und ergeben so den klassischen Räuber– Eintopf.

Quellenbezogen arbeitet 2008 auch Martin A. Klaus den „Fall Mathias Kneissl“ auf – doch eben wieder nicht nur. Die „Fahndungsakte Kneissl“ ist allemal von besonderer Bedeutung, erzählt aber weniger Konkretes über das frühe Leben und damit das Werden des  Gestrandeten. Auch an den „Fachbereich Polizei der Beamtenfachschule Fürstenfeldbruck“ ist der Autor herangetreten.[6] Ein allemal lohnender Schritt, später – siehe unten – wird Fürstenfeldbruck zum Fundort anderer wichtiger Dokumente für die Vorgänge um Mathias Kneißl - bzw. in erster Linie für das Umfeld, in dem der Mythos entstand. Wie für Kristl gilt auch bei Klaus: Fußnoten und damit Belege für die Herkunft der Quellen fehlen auch hier, Sage und Geschichte vermischen sich.

Beim Kneißl-Hias stellt sich bis heute wie beim Kissinger Hiasl die Frage: „War er Verbrecher? Ein Volksheld? Oder beides?“ Kann ein Mann „Volksheld“ sein, „der zwei Polizisten ermordet hat?“[7]

Auch der „Hiasl“ aus Kissing selbst war mit der Zeit immer gewalttätiger geworden. Aus dem „Wohltäter der Fronbauern“ wurde ein Mann, dem – und „seiner Bande“ - am Ende „neun Totschläge … zur Last gelegt“ wurden.[8] 1765 kam er, noch allein wegen Wilderei ins Gefängnis[9] , in eines des Kurfürsten von Bayern.

Als der Hiasl entlassen wurde, soll ihm der Landesherr einen erstaunlichen Vorschlag gemacht haben. Auch bis nach München war der Ruf des treffsicheren Schützen vorgedrungen. Der Wilderer hatte noch keine Menschenleben auf dem Gewissen und so wurde ihm das Angebot unterbreitet, „kurfürstlicher Jäger“ zu werden.“ Ob es dann tatsächlich sein „Freiheitsdrang“[10] war, der ihn dazu brachte, diese Offerte auszuschlagen, bleibt offen. Wieder stehen Fakt und Fiktion nah nebeneinander. Die Beweislage für diese wunderschöne Robin Hood ´erei bleibt offen.

Der Mensch Hiasl beging hier – aus heutiger Sicht -wenn es stimmt - wohl den größten Fehler seines Lebens. Für die Legendenbildung war dieser Schritt aber unverzichtbar. Denn der Unbeugsame wurde jetzt erst recht zum Symbol des stillen Widerstandes in der Bevölkerung, der sich gegen die Obrigkeit und deren Repräsentanten, die Jäger richtete.

Wieder in den Wald zurückgekehrt scheint sich die Person des Wilderers zu ändern: „ Seit 1768 wurde der Hiasl immer unheimlicher und brutaler und Ende dieses Jahres mußte ein Mensch sogar sein Leben lassen.“[11] Weitere werden folgen. Straftaten hinterlassen ihre Spuren, jetzt wird der Hiasl wieder aktenkundig und damit fassbar.

Der Wilderer scheint einen „Kleinkrieg gegen Förster und Gendarmen“[12] , eine Form von Partisanenkrieg gegen die Obrigkeit zu führen. Gehörte der Hiasl zu „Bayerns Rebellen“, war er ein Wirklichkeit gewordener Robin Hood, ein „Robin Hood vom Lech“ oder nur ein einfacher „Räuber“, ein Gesetzloser, der „Mord, Totschlag“ zu verantworten hatte?[13]

Waldemar Nowey schreibt, dass der mythologisierte Held „nach den damaligen und heutigen Rechtsbegriffen ein Krimineller“ war – dies vor  allen Dingen wegen der Mordtaten, er vermischte „Heroisches mit Niederträchtigem.“[14]

Obwohl in der Gegenwart das soziale Umfeld fehlt, in dem der Mythos geboren wurde, übt die Figur des gegen den Strom schwimmenden Abenteurers bis heute eine große Faszination aus. In Kissing findet man allenthalben Erinnerungen an ihn, auch im Wirtshaus Alt-Kissing.  Der Wirt, in Kissing kurz als „Grundler“, dem Namen der alteingesessenen Wirtsfamilie bekannt, hat auch eine Internetseite zum „Hiasl“ erstellt. Hier werden die beiden Seiten des Wilderers beschrieben. Da ist die Seite des Helden, den „die Bauern verehrten“. Und da ist die dunkle Seite des Heroen, der „Furcht und Schrecken“ in der Bevölkerung „verbreitete“[15]. Die Figur bleibt ambivalent.

Die Kissinger haben gelernt, auch mit der dunklen Seite ihres Helden zu leben und diese dunkle Seit nicht beschönigen zu wollen. Die dunkle Seite ist auch beim „Kneißl Hias“ schnell gefunden, dem zweiten „Hiasl“ in der Ahnengalerie der bayerischen Heldenganoven, der Heroen „mit düsterem Heiligenschein“. [16] Kneiß war „Einbrecher und Polizistenmörder“, zugleich aber auch – schon wieder  - „eine Art bayerischer Robin Hood“. Und der Mythos lebt: „ Nach dem Räuber Kneißl sind zwischen München und Augsburg Wanderwege, Gaststätten und Biersorten benannt. Der Kabarettist und Liedermacher Georg Ringsgwandl besingt ihn als einen, der das Erbeutete stets den Armen und Alten schenkte.Es gibt schon lange einen Räuber-Kneißl-Film und jetzt auch eine Räuber-Kneißl-Website (…).“[17]

Der Kneißl-Mythos und seine Entstehung ist in deutlichem Zusammenhang zu sehen mit dem Kissinger Hiasl-Mythos. Und so gleichen sich die Legenden in ihrer grundsätzlichen Ausrichtung an einigen Stellen sehr. Oder wurden beide Mythen nach Robin Hoodisiert? Da steht an herausragender Stelle schon das Leitmotiv des Verrats und der Hinterlist, das den Helden zu Fall bringt.  Wirklich besiegt wird ein Mythos nicht. Es gibt ein allen Robin Hood- Nachfolgenden einen "Judas". Dieses "Judas-Motiv" ist zum festen Bestandteil des Räuber-Mythos geworden.

Schon beim Bayerischen Hiasl sind typische Elemente der Legende vom gerechten Räuber erkennbar. Als am 14.1.1770 die Bande des Klostermair in einem Wirtshaus in Osterzell von den Soldaten des Fürstbischöflich-Augsburgischen Premier-Lieutnants umstellt wird, war er, so will es die Darstellung wissen, in eine Falle gelockt worden. Mehr noch, die Bande von 7-8 Mann konnte von den mehr als 300 gegnerischen Soldaten nur überwältigt werden, weil das Schießpulver der Wilderer zuvor von einem Verräter angefeuchtet worden war. So konnte der „Fürst der Wälder“ letztendlich nur „nach Verrat“ festgenommen werden.[18]

„Im bayerischen Volk war der Aberglaube des »kugelsicheren Wilderers« lebendig. Der Bayerische Hiasl wurde von keiner Jägerkugel erschossen.“[19]

Als die bayerische Polizei zum letzten Schlag gegen den „Räuber Kneißl“ auszuholen versucht, scheint sie ein Phantom zu jagen: „Kneißl steht allein gegen den ganzen Polizeiapparat. Trotzdem kriegen sie ihn nicht. Der kleine Mann – er misst knapp über 1,60 Meter – entpuppt sich als ein Meister des Versteckens. Er verbirgt sich in Heuschobern und unter Brennholzhaufen, übernachtet im Wald und in Dachstühlen … Die Polizisten sind überall, doch der Kneißl ist nirgends.“[20]

Geholfen haben Kneißl dabei anscheinend Bauern und Landbewohner in der Gegend, bei denen er „Unterschlupf fand“. Doch ist dies wirklich die Wahrheit?

Seit den Jahren des Bayerischen Haisl hatte sich trotz ´Bauernbefreiung´ auf dem Land nicht viel getan im Verhältnis zwischen Landbevölkerung und Obrigkeit. Das Umfeld des Mythos ist die bittere Realität jener Tage. Nach wie vor litten vor allen Dingen kleinere Bauern unter bitterer Armut. Der Fürstenfeldbrucker Heimatpfleger Toni Drexler sagt hierzu: „Im einfachen Volk gab es tatsächlich viel Hass auf die Obrigkeit und die Staatsgewalt.“

Drexler stieß bei seinen Recherchen zum ´Räuber Kneißl´ im Archiv der Polizeischule von Fürstenfeldbruck auf Polizeiakten, die die damalige tiefe Kluft zwischen dem Menschen und der Staatsmacht in dieser bayerischen Region offenbaren. So sei die Bevölkerung bei der Suche nach dem Delinquenten „gar nicht mitteilsam, auch irreführend“. Das ablehnende Verhalten der Menschen in der Gegend der Polizei gegenüber wurde sogar als „kneislerisch“ bezeichnet und so heißt es in den Polizeiberichten auch: „Die diesbezüglichen Wahrnehmungen ergaben, daß die Bevölkerung der Umgebung kneislerisch gestimmt ist ...“ und die Leute dort „mit Ausnahme von 2 bis 3 Bauern auf Seiten des Mörders Kneißl“ standen.[21]

So ist es denn auch hier wieder einzig nur der Verrat, der den unbesiegbaren Überhelden zu Fall bringt. Doch die Geschichte der Geschichten im Fall Kneißl kennt unstimmige Versionen hierzu: Bei Wolfgang Uchatius ist es die Mutter von Mathilde Danner, der Geliebten des Gesuchten, die sein Versteck verrät. Andere Darstellungen sprechen aber auch von „Mathildens Judaskuß“, mit dem sich diese vom Räuber vor seiner Festnahme verabschiedet hatte.[22]

Vielleicht aber handelt es sich bei allem aber nur um eine Steigerung der Dramaturgie.

Das Kneißlbild, das auch Film-Regisseure in der Gegenwart bedienen ist das Produkt der sozialen Verhältnisse in Bayern in jener Zeit in der der Räuber lebte. Damals „war das altbayerische Land westlich von Dachau noch ländlich. Dichte Wälder und unwegsames Moos riegelten die Dörfer von der Welt ab, einer Welt, die hier oft als bedrohlich empfunden wurde. Die Abneigung gegen den Staat, die Obrigkeit, gegen Richter und Gendarmen war tief verwurzelt im Milieu der Bauern und Kleinhändler.“[23]

Doch auch in diesem Milieu der „kleinen Leute“ ist der Räuber anfänglich äußerst unbeliebt. Als er nach dem Abbüßen seiner ersten Gefängnisstrafe Arbeit sucht, wird er überall auf den Dörfern und gerade von den „kleinen Leuten“ auf dem Land abgelehnt. Vom Kneißl-Mythos ist da noch sehr wenig zu spüren. Erst „in Nußdorf am Inn hat er Glück“ und findet eine Anstellung in einer Schreinerei. Doch er muss seine Stellung bald wieder aufgeben. Weder die Arbeitskollegen noch die Kunden des Schreiners wollen „vom Zuchthäusler“ etwas wissen in ihrem Dorf.[24]

Erst als der kleine Dieb und Wilderer zum Mörder wird, wird er zum Heroen - das wirkt wie eine bittere Ironie. Erst als sich Kneißl bei einem Schusswechsel mit zwei Polizisten in Irchenbrunn bei Altomünster, die tödlich getroffen werden, seiner Verhaftung entziehen kann, wird er bewundert. Denn jetzt mobilisiert die Staatsmacht den Polizeiapparat gegen den Flüchtigen, der zum „Staatsfeind“ ernannt wird. Jetzt auf einmal stehen alle die, die gegen die „Obrigkeit“ eingestellt sind, auf der Seite des Mannes, der zuvor nirgendwo Arbeit gefunden hat. Was jetzt geschah, hat Uchatius mit treffenden Worten beschrieben:

Plötzlich schaukelten sich „die Abneigung gegen die fremden Polizisten, die Abneigung gegen die hohen Herrn aus der Stadt“ gegenseitig im Volke auf. „Plötzlich erwuchsen aus dieser Mischung Witzpostkarten und Flugblätter. In den Brauhäusern auf den Marktplätzen fingen die Bänkelsänger an, Hohnlieder auf die Polizei zu singen und auf die Schlaumeier aus der Stadt. Sie erzählten von wahren Ereignissen und fügten erfundene hinzu. So wurde der Räuber Kneißl schon zu Lebzeiten zur Legende. Zu einem aus dem Volk, der es den Großkopferten zeigte.“[25]

Erst jetzt stand der Kissinger Hiasl in der Gestalt des Kneißl- „Hiasl“ wieder auf und das nur ein wenig östlich von jenen Wäldern, in denen der Klostermair-Hiasl gewildert hatte. Wie damals anno 1771 mobilisierte die herausgeforderte Staatsmacht eine unverhältnismäßig große militärische Streitmacht, um einen zahlenmäßig weit unterlegenen Herausforderer unschädlich zu machen. Und jetzt kam es zu dem, was der „Volksmund“ ironisch-bissig die „Kneißl-Schlacht von Geisenhofen“ nannte. Der „Außenseiter“ wurde zum „Helden“. Doch war Kneißl selbst nicht der eigentliche Akteur und schon gar kein ´Feldherr´ in dieser merkwürdigen „Schlacht“: „Tatsächlich bleibt er Statist. Was da im altbayerischen Land stattfindet, ist ein Spiel zwischen Staat und Volk, und der Kneißl Hias ist der Ball.“[26]

Bei seiner Verhaftung wird der Gesuchte, wie die Polizeiakten selbst aussagen, von den Gendarmen beinahe gelyncht. Die „Gefangennahme“ in Geisenhofen war „wohl eher ein vorgezogener Hinrichtungsversuch.“[27] Für die Vertreter der Staatsmacht war der Räuber, der zwei ihrer Kollegen umgebracht hatte. Doch heute würde eine solche Polizeiaktion ganz anders vor sich gehen.

Damals aber hatte man es im ´Schlachtgebiet´ nordwestlich von München aber offenbar mit einem Phänomen zu tun, das man heute als Staatsversagen bezeichnen würde. Schon der Schusswechsel von Irchenbrunn hatte gezeigt, dass beide Seiten mit der Situation überfordert waren. Gut geschulte Polizeibeamte, ein gezieltes und koordiniertes Vorgehen der Polizeikräfte und ein gutes Stück angewandter Polizeipsychologie würden den Verlauf der Aktionen sowohl in Irchenbrunn als auch in Geisenhofen heute ganz anders aussehen lassen.

Doch die Situation war schon vor der zentralen „Kneißl-Schlacht“ längst außer Kontrolle geraten. Der Titel „Western aus Bayern“ scheint mit einigem Augenzwinkern ein wenig das treffen zu wollen, was sich da abspielte. Doch die Gendarmen waren kein Sheriffs und der Kneißl war kein Billy the Kid. Es war das aufgeheizte Klima in diesen Tagen, es war der – wie man heute sagen würde – Kneißl-Hype – der die Staatsmacht eigentlich herausforderte. Dabei war der Mann, der sich da im Wald und in Heuschobern versteckte, kein großer „Staatsfeind“, als der er von der Staatsmacht tituliert wurde, sondern ein durchschnittlicher und gewöhnlicher Kleinkrimineller. Womit der Staat nicht fertig wurde, war die Volksmeinung – und eine noch schlecht ausgebildete Gendarmerie.

Es war eine „Kneißl-Schlacht“, aber auch eine Karrikatur einer militärischen  Auseinandersetzung. Ein kleines Gefecht der Kneißl-Kriege hatte sich auch in Kissing zugetragen. Als sich hier ein Mann einer Fahrkartenkontrolle durch einen waghalsigen Sprung aus dem Zug entzog und in die Wälder des Hiasl flüchtete, sah man schon einen historischen Kreis sich schließen. Doch der neue Kniasl der Zeit war nur ein Schwarzfahrer, den ganze „Streifenkommandos“ aus Augsburg und München als vermeintlichen „Staatsfeind“ gejagt hatten. Wieder lachte das ganze Land über die Staatsmacht.[28]

So ist denn auch die Hinrichtung des Kneißl-Hias ebenso wie die des Kissinger Hiasl nicht in erster Linie als eine Strafmaßnahme zu sehen, durch deren Vollzug ein Täter für seine Taten hätte büßen sollte. Beide Hinrichtungen waren in erster Linie als Warnung, als eine Drohung der Staatsmacht anzusehen, die an die unruhiger werdenden Bürger/Untertanen gerichtet war. Deren Loyalität konnte sich diese Obrigkeit in beiden Fällen nicht mehr sicher sein. Und es ging damit darum, staatliche Autorität wiederherzustellen.

In Augsburg setzte sich nach der Verhängung des Todesurteils gegen den Kneißl-Hias ausgerechnet der Oberlandesgerichtsrat, der dieses Urteil ausgesprochen hatte, bei Prinzregent Luitpold dafür ein, die Hinrichtung nicht zu vollziehen.[29] Zweifel daran, dass der flüchtige Straftäter die beiden Gendarmen in Irchenbrunn gezielt töten wollte, hatte es immer gegeben. Dies weil er - wie dies in vielen Darstellungen zu lesen ist – nur auf die Beine der Gendarmen gezielt haben soll. Doch Luitpold „wies“ die Bittschrift aus Augsburg „schroff zurück.“[30]

Dem Prinzregenten ging es nicht um juristische Feinheiten, die Staatsmacht war in die Lächerlichkeit gezogen worden. Genutzt haben die Warn- und Drohsignale des Obrigkeitsstaats in beiden Fällen längerfristig betrachtet eher weniger. Die ´alte Ordnung´, die sich in Dillingen wieder Respekt verschaffen wollte, wurde im Gefolge der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege abgesetzt. Sechzehn Jahre, nachdem der Räuber Kneißl 1902 in Augsburg hingerichtet wurde, wird die Revolution von 1918/19 die Monarchie der Wittelsbacher hinweg fegen.

Späte Siege der Hingerichteten? Dies ist wohl ebenfalls weniger der Fall, schon aufgrund der weitreichenden historischen Entwicklungsstränge zu den Revolutionen hin. Ob zudem der Kissinger Hiasl oder der Räuber Kneißl tatsächlich für die Errichtung einer neuen und gerechten Gesellschaftsordnung kämpften, mag eben dahingestellt und fraglich bleiben. Zu vieles in der Geschichte blieb der Fremdstilisierung des Hauptdarstellers überlassen. Der Heimatpfleger Toni Drexler meint abschließend zur Person des Mathias Kneißl: „Er war kein Robin Hood für die Armen, aber auch kein Mörder.“[31]

Die Wahrheit, die wir nicht kennen, scheint in der Mitte der Verzerrungen zu liegen. Auch Ringsgwandls spät-romantische Sozialkitsche - Verklärung trifft nicht den Kern der Sache.

Wenn Ringsgwandl den Kneißl beschreibt als einen gerechten Räuber, der das geraubte Gut an Arme verteilte, dann folgte er genau und präzise der Anleitung für die Zusammenstellung eines Robin Hood – Menüs, folgend hier die Punkte 2 und 3 der von Leonardy angeführten  Stereotypen – Folge für einen idealtypischen Räuber-Mythos.[32]

Der Kern des Mytho  liegt verborgen in der bitteren sozialen Realität der Zeit, in der die zu Heroen erhobenen, zumeist aber tragischen und zwiespältigen Gestalten lebten, die in die Ahnengalerie der Wilderer-Legenden aufgenommen wurden. Ein jeder von ihnen würde sich heute vermutlich wundern, was aus seinem Leben in Romanen, in Filmen und auf Theaterbühnen so alles gemacht worden ist.

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Nowey, Waldemar, 1983, S. 172f.

[2]Die Legende Jennerwein: Vom Wilderer zum Volkshelden, Bayerischer Rundfunk, https://www.br.de/themen/bayern/inhalt/geschichte/georg-jennerwein104.html, abgerufen am 28.3.2017.

[3]Uchatius, Wolfgang: Mörder, Volksheld der Bayern. Das erstaunliche Leben und noch erstaunlichere Nachleben des Mathias Kneißl, ZeitOnline, 6.4.2000, http://www.zeit.de/2000/15/Moerder_Volksheld_der_Bayern, abgerufen am 29.3.2017.

[4]Kristl, Wilhelm Lukas: Das traurige und stolze Leben des Mathias Kneißl. Bayerns größter Kriminalfall, 2. Auflage, Pfaffenhofen 1978, S. 8 u. S. 49.

[5]Kristl, Wilhelm Lukas, 1978, S. 166.

[6]Klaus, Martin A.: Der Fall Mathias Keissl, München 2008, S. 7 u. S. 9. Die Schreibweisen "Kneißl" oder "Kneissl" variieren von Autor zu Autor

[7]Uchatius, Wolfgang, sowie: Walter, Dirk: Geliebter Doppelmörder. Wie die Oberbayern den Räuber Kneissl versteckten, https://www.merkur.de/...“!!!!

[8]Nowey, Waldemar, 1983, S. 170 u. S. 172.

[9]Gemeinde Kissing. Der Bayerische Hiasl.

[10]Nowey, Waldemar, 1983, S. 168.

[11]Der „Bayrische Hiasl“. Kissings berühmtester Sohn, http://www.landgasthof-alt-kissing.de/html/bayrische_hiasl.html, abgerufen am 29.3.2017.

[12]Gemeinde Kissing, Der bayerische Hiasl. "Gendarmen" gab es zu dieser Zeit allerdings noch nicht.

[13]Hintergrund: Bayerns Rebellen. Der bayerische Hiasl – Robin Hood vom Lech, Bayerischer Rundfunk, http://www.br.de/themen/bayern/..., abgerufen am 29.3.2017.

[14]Nowey, Waldermar, 1983, S. 168 u. S. 170

[15]Der „Bayrische Hiasl“. Kissings berühmtester Sohn.

[16]Western aus Bayern: Mit düsterem Heiligenschein, in: Münchner Merkur, 21.8.2008.

[17]Uchatius, Werner, Mörder, Volksheld der Bayern.

[18]BR Hintergrund: Bayerns Rebellen. Der bayerische Hiasl – Robin Hood vom Lech.

[19]Nowey, Waldemar, 1983, S. 172.

[20]Uchatius, Wolfgang, Mörder, Volksheld der Bayern, Seite 6/7.

[21]Walter, Dirk, Geliebter Doppelmörder, Wie die Oberbayern den Räuber Kneissl versteckten.

[22]Kristl, Wilhelm Lukas, 1978, S. 109.

[23]Uchatius, Wolfgang, Mörder, Volksheld der Bayern.

[24]Uchatius, Wolfgang, Mörder, Volksheld der Bayern, Seite 4/7.

[25]Uchatius, Wolfgang, Mörder, Volksheld der Bayern, Seite 6/7.

[26]Uchatius, Wolfgang, Mörder, Volksheld der Bayern, Seite 7/7.

[27]Der Historiker Reinhard Jacob, zitiert bei: Walter Dirk, Wie die Oberbayern den Räuber Kneissl versteckten.

[28]Kristl, Wilhelm Lukas, 1978, S. 83.

[29]Der Richter musste dieses Urteil aussprechen, obwohl es nicht das seine war. Es handelte sich um einen Geschworenen - Prozeß.

[30]Walter, Dirk, Wie die Oberbayern den Räuber Kneissl versteckten.

[31]Zitiert bei Walter, Dirk, Wie die Oberbayern den Räuber Kneissl versteckten.

[32]Leonardy, Heribert, S. 168.

Foto: Gemeinde Kissing;
Das Hiasldenkmal steht vor der "Alten Schule" in der Bachernstraße
Hiasldenkmal
Foto: Gemeinde Kissing; Das Hiasldenkmal steht vor der "Alten Schule" in der Bachernstraße

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