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Der Hiasl, sein Leben, seine Legende: Fakten, Selbstinszenierung, Fremdstilisierung

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

In einem Nachwort zu einer Neuausgabe einer der ersten Hiasl- Biografien von 1792 – verfasst von Ludwig Tieck - schreiben die  Herausgeber bezüglich der herausragenden Rolle, die der Bayerische Held  unter allen „Wildschützen“ einnimmt:

„Daß Mathias Klostermayr … der bekannteste von ihnen wurde, hat verschiedene Gründe. Sicherlich ist der wichtigste der, daß er die Wilderei zu seinem politischen Programm erklärte und damit propagandistisch durch die Lande zog.“ [1]

Doch „sicherlich“ ist hier wenig. Wo, so fragt der Betrachter, ist jenes „Programm“, mit dem der „Hiasl“ „durch die Lande zog“? Wo sind die Quellen, wo die Beweise? Literaten – welche sich des Räuber-Stoffes annahmen - wandeln immer gerne an der Grenze zwischen Realität und Erdichtetem – es ist ihr Metier. Die Aufgabe des Historikers ist es – soweit dies möglich ist –, die Realität der Vergangenheit zu rekonstruieren. Das ist und bleibt im Falle des Hiasl schwierig. Ludwig Tiecks Biografie von 1792 beschreibt Waldemar Nowey denn auch generell als eine, „... die vielleicht gerade wegen des nicht unbedingt historischen Beiwerkes weite Verbreitung fand. Sicher auch ein Beispiel dafür, wie unter Vernachlässigung geschichtlicher Zusammenhänge allzu leicht Legenden entstehen können.“[2]

von Dr. phil. WaldemarNowey unterscheidet daher in seiner Untersuchung schon von der Kapiteleinteilung her den historisch belegbaren Wilderer, den „Hiasl in seiner Heimat“ , den Räuber als „Signal seiner Zeit“, den „Volkshelden“ und die Figur in der Literatur sowie „auf den Volksbühnen“.

1772 schon erschien die Schrift „Leben und Ende des berüchtigten Anführers einer Wildschützenbande, Mathias Klostermayrs, oder des sogenannten Bayerischen Hiesels, aus gerichtlichen Urkunden gezogen und mit genau nach den Umständen jeder Begebenheit gezeichneten Kupfern gezieret“, verfasst von einem bis heute anonym gebliebenen Autor.[3]

Inwieweit kann diese früh verfasste Lebensgeschichte als authentische Quelle angesehen werden – nur weil sie eine zeitnahe bzw. zeitgenössische ist? Vieles bleibt ungewiss. Die Darstellung der Hinrichtung hier scheint die Behauptung, dass Gerichtsunterlagen dieser Darstellung zugrunde lagen, zu bestätigen. Doch was können Gerichtsakten – zur damaligen Zeit zudem – zum gesamten Leben eines Delinquenten von dessen Anfängen an wiedergeben, was können sie uns erzählen vom Menschen Hiasl  - außer den angeführten Anklagepunkten?

Vorgeworfen wurden dem Hiasl in der von Nowey angeführten Urteilsverkündung neben seinen „vielfältigen Wilddiebereyen, offentlichen Gewaltthaten, Landesfriedbrüchen, Raubereyen“ an zentraler Stelle das Begehen von „fürsetzlichen Todschlägen.“[4]

Der Hiasl hatte also auch Menschenleben auf dem Gewissen. Vor Gericht wird er alle diese Taten damit rechtfertigen, dass er die Totschläge nicht absichtlich begangen habe. Diese Verteidigungsstrategie wird 1772  vom anonymen Schreiber der ersten Lebensgeschichte des Klostermayr übernommen und weiterentwickelt. Hier steht zu lesen, dass der Hiasl kein „Dieb oder Räuber nämlich“ gewesen sei, sondern „quasi jure belli (d.h. im Kriegsrecht) seinen Todfeinden“ gegenübergestanden hatte.

Viele seiner Bewunderer begannen früh schon, an der Legende des Helden zu stricken, und für jene war dieser Held kein „Gewaltverbrecher, sondern“ in erster Linie ein „Rebell gegen obrigkeitliches Unrecht.“[5]

Notwehr und Kriegsrecht kehren in den Argumentationssträngen  vieler anderer Räuber- und Wildererlegenden später immer wieder zurück. Es handelt sich hier nicht immer nur um immer wiederkehrende Motive, um literarische Topoi im engeren Sinne. Oft wird der Mythos auch zur Wahrheit, weil einzelne Akteure dem Idealbild zu entsprechen versuchen.

Waldemar Nowey schreibt, dass es die ersten der Hiasl-Biografien waren, „auf die sich die weiteren im 19. und 20. Jahrhundert“ dann beziehen.[6]

Doch zwei wesentliche Elemente im Leben des Hiasl, zwei prägende Ereignisse und Begebenheiten, die Waldemar Nowey schildert, enthalten die Lebensbeschreibungen des „Anonymus“ und des Ludwig Tieck noch nicht.

Als der junge „Mattheus Klostermair“, so registriert in der Gemeinde Kissing[7], „beim Seheransenbauern Baumiller“ als „Oberknecht“ arbeitet, wird er zum „Liebhaber“ der Bauerstochter Monika. Doch der Hiasl begann bereits, heimlich zu wildern, Es kam zum Bruch mit dem Bauern, der Knecht verließ den Hof, doch noch nicht ganz „seine Monika“. Monika Baumiller wurde die Mutter eines gemeinsamen Sohnes Korbinian. Als er zum Militär eingezogen werden soll, entzieht sich der Hiasl der Zwangsrekrutierung durch Flucht „über den Lech nach Oberottmarshausen.“ Dies war für Waldemar Nowey eine Flut von Schlüsselereignissen, die vor allen Dingen eines zur Folge hatte: „Damit zerbrach  … die Hoffnung, seine Monika zu heiraten und ein Kissinger Bauer zu werden.“[8] Den Fakten folgt die Interpretation.

Dass es sich bei der Liebesbeziehung zu Monika Baumiller um historische Fakten handelt, hat Waldemar Nowey anhand von Dokumenten und Einträgen aus dem Kissinger Kirchenbuch bewiesen. Hier fand er die entsprechenden Einträge nicht nur bezüglich der Taufe des Hiasl, sondern auch die über die Taufe seines Sohnes Korbinian und dessen Mutter Monika. [9]

Das bleibt bemerkenswert: Die ersten Biographien enthalten trotz ihrer Zeitnähe wichtige historische Fakten noch nicht, sie werden erst später ans Tageslicht gefördert. Auch das mag zu denken geben.

Zum Bruch mit seinem bisherigen Leben führte auch seine Entlassung „als getreuer Jagdgehilfe“ auf Schloß Mergenthau, dem zentralen Verwaltungssitz der Jesuiten in der Kissinger Region. Weil er einen Pater als „Katzenschützen“ verspottete – dieser soll auf der Jagd eine Katze mit Wild verwechselt haben – wurde er von den Ordensbrüdern dort „verstoßen“.[10]

Doch an dieser Stelle wird die Quellenlage schon schwieriger. Die ersten Biografien wissen von diesen Vorgängen nichts - aber das taten sie im Falle der Monika Baumiller auch nicht. Wie kam also dieses Kapitel in den Lebenslauf des Hiasl? Die Beweislage bleibt dokumentarisch und quellenbezogen unklar, auch wenn die Mergenthauer Ereignisse zum unverzichtbaren Bestandteil und zum Schlüssel-Element des Hiasl-Mythos wurden.

Heribert J. Leonardy, der sich eingehend mit dem „Mythos vom ´edlen´Räuber“ beschäftigt hat, hat in seiner Doktorarbeit eine Liste der Zutaten für die Zubereitung eines Robin-Hood- Cocktails, eine Bauanleitung für die Konstruktion eines Mythos vom gerechten Gesetzlosen zusammengestellt. Viele dieser Bausteinen aus dem Baukasten zum Zusammenbasteln einer Robin Hood – Legende kehren auch in verdächtig vielen bayerischen Wilderer – Legenden wieder.

Zutat „Nr. 1“ beim Rezept Robin Hood ist dabei:

„Erstens beginnt der Räuber seine Banditenkarriere nicht mit einem Verbrechen, sondern als Opfer einer Ungerechtigkeit, oder weil ihn die Obrigkeit für eine Tat verfolgt, die zwar von den Behörden als verbrecherisch angesehen wird, nicht jedoch dem Brauchtum seines Volkes widerspricht.“[11]

Und:

„Zweitens macht der ´edle´ Räuber ´begangenes Unrecht wieder gut´“
„Drittens ´nimmt er von den Reichen, um die Armen zu beschenken.´[12]

Diesem Motiv folgt auch das Kissinger Idol der Bauernschaft. Er wird durch eine Ungerechtigkeit aus seiner Lebensbahn geworfen, erscheint als „Rebell gegen die kleinen Fürsten“, kämpft gegen deren „Jagdprivilegien, die die Bauern schwer trafen.“ Seine Taten wurden von den Bauern nicht als „unehrenhaft“ angesehen. Die „Feudalherren“ aber „haßten ihn als »Räuber«“, für sie war er kein Held, sondern ein „Krimineller“.

Der „Volksheld“ überfiel auch „Amtsstuben“ und verteilte die erbeuteten „Steuergelder“ großzügig „an Arme.“[13]

Hier betritt nun das literarische zweite Gegen–Ich des Helden, das  des ´Robin Hiasl´, neben der historischen Figur die Bühne.

Robin Hood´s Geist war wieder unterwegs – und er sollte es im 19. Jahrhundert immer wieder in südbayerischen Waldungen tun. Anklagepunkte und Mythen vermischen sich hier, Dichtung und Wahrheit griffen ineinander. Auch die Hiasl-Biografien von 1772 und 1791 wenden diese Rezeptur an. Auf Fakten folgen Fiktionen. Für die geschilderten unheimlichen Begegnungen des Hiasl in den Wäldern der Region, für die Zusammentreffen mit Jägern und Jagdgehilfen dort, die ausgiebig geschildert werden, um den Charakter des Protagonisten zu beschreiben, gibt es keine Zeugen, keine Dokumente.

Die historische Figur des Wildererkönigs ist belegbar: Davon zeugt schon jener über die Grenzen Kissings hinaus weit „bekannte Söckler-Stich (um 1760)... Dargestellt ist der Hiasl mit seinem »Buben« (der aus Baierberg stammte)“ und sein nicht ungefährlich erscheinender „Hund Tyras“.[14]

Mit der Flinte in der Hand unterstreicht hier der Wilderer sein Selbstbewusstsein. Das Bild ist Zeugnis einer deutlichen Selbststilisierung. Mit heutigen Worten umrissen: Er betonte sein Geltungsbewusstsein bzw. sein, wie man heute wojhl sagen würde, ´Macho-Image´.

Auch die von Waldemar Nowey in seinem 2003 erschienenen Buch neben den Gerichtsakten abgedruckten Dokumente aus dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv beweisen die Umtriebe der Hiasl-Bande in den Wäldern am Lech – und sie zeigen auch, dass man behördlicherseits sehr wohl über die Identität aller Bandenmitglieder informiert war. [15]

Für Waldemar Nowey, der in seinen Veröffentlichungen Fiktion und Fakten voneinander deutlich trennt, ist der mythische  Kissinger Hiasl ein „bayerischer ´Robin Hood.“[16]

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Nachwort zu: Tieck, Ludwig: Mathias Klostermayr oder der Bayersche Hiesel. Neu herausgegeben von Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz, Frankfurt am Main/Leipzig 2005,  S. 170.

[2]Nowey, 2003, S. 56.

[3]Zu dieser Studie herangezogen in einer 1988 in Leipzig veröffentlichten Fassung.

[4]Zitiert bei Nowey, 2003, S. 55.

[5]Nowey, Waldemar, 2003, S. 47.

[6]Nowey, Waldemar, 2003, S. 18.

[7]Siehe: Dokument bei Nowey, 2003, S. 15.

[8]Nowey, Waldemar, 2003, S. 27 u. 30f.

[9]Nowey, 2003, Dokument S. 15.

[10]Nowey, Waldemar, 2003, S. 27.

[11]Leonardy, Heribert J.: Der Mythos vom „edlen“ Räuber. Untersuchungen narrativer Tendenzen und Bearbeitungsformen bei den Legenden der vier Räuberfiguren Robin Hood, Schinderhannes, Jesse James und Ned Kelly, Saarbrücken 1997, zugl. Diss. Univ. Saarbrücken,  S. 168.

[12]Leonardy, Heribert J., Der Mythos vom „edlen“ Räuber, S. 168.

[13]Nowey, Waldemar, 1983, S. 168 u. S.170.

[14]Nowey, Waldermar, 1983, S. 169.

[15]Nowey, Waldemar, 2003, S. 105 u. S. 129ff.

[16]Nowey, Waldemar, 2003, S. 37.


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