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Das Erscheinungsbild des Neuortes Kissing und die Architektenfamilie Elbl

Luftbild Kissing 1984

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

Wer sich mit der Entstehungsgeschichte von St. Bernhard beschäftigt, stößt bei diesen Recherchen auf den Namen der Architektenfamilie, deren Schaffen mit der Ortserweiterung Kissings und der Entwicklung des Neuortes untrennbar verbunden ist. Denn die „Kirchenbaupläne“ waren eine Kooperation zwischen dem „Architekten Professor Werner Schneider“ - dessen Namen dem Betrachter in Gestalt der Schneider- Blöcke bei St. Bernhard  begegnet – und dem Architekten „Josef Elbl, Kissing“,[1] der nicht nur bei der Umwandlung der Barackensiedlung auf dem Lechfeld in ein neues, ansehnliches und deutlich komfortableres Wohngebiet die zentrale Rolle spielte.

In jener bereits erwähnten bedeutenden Gemeinderatssitzung vom 28. Februar 1958, in der es unter Punkt b und c um die „Barackenauflösung im Wohnsiedlungsgebiet“ ging, stellte der „Herr Architekt Josef Elb“ sein „Reihenhausprogramm“ vor, das er „entworfen“ hatte, um den Flüchtlingen in Kissing „eine Eigenheimmöglichkeit zu schaffen.“ Nach Bereitstellung der „staatlichen Mittel“ und dann nach dem Abschluss der Baumaßnahmen sollten die Häuser „an die Baubewerber (Barackenbewohner) übereignet werden.“[2]

Die Grundlinien dieses Reihenhausprogramms folgten den Herausforderungen und Zwängen der Zeit. Diese schilderte Herr Reinhard Elbl, der Sohn des Josef Elbl, in einem interessanten und informativen Gespräch.

Kissing wurde damals, wie Herr Reinhard Elbl es schildert, von dem Flüchtlingsstrom der Deutschen aus dem Osten „überrollt.“ Es galt, neuen Wohnraum in einer möglichst kurzen Zeit zu schaffen. Im Wartezimmer seines Vaters standen die Menschen Schlange und der hier immer wieder zu hörende Satz war: „Ich brauche einen Plan“, einen Bebauungsplan, auf dessen Basis die Baumaßnahmen eingeleitet werden konnten. Viel Zeit für gestalterische Vielfältigkeit stand da nicht zur Verfügung und so entstand die „Reißbrettarchitektur“ von Neu-Kissing, so entstand die „Siedlerarchitektur“ des Neuortes mit ihren „Siedlerhäusern“. Die Menschen brauchten ein Dach über dem Kopf.

Raum für eigene Gestaltungsprinzipien bot von Anfang an das Konzept der „Selbstversorgungsgärten“. Hier sollten die Siedler Obst und Gemüse anpflanzen, um damit im Nachkriegsdeutschland ein großes Maß an Eigenständigkeit bei der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln wie Kartoffeln, Salaten, Tomaten, Karotten, mit Kohl, Bohnen, Erbsen, mit Äpfeln, Birnen etc. garantieren zu können.[3]

Vieles hat sich an der anfänglichen „Siedlerarchitektur“ bis heute geändert. Die Bewohner und Eigentümer der Häuser haben Um – und Ausbauten vornehmen lassen. Auch die „Selbstversorgungsgärten“ sind verschwunden, obwohl das Konzept noch deutlich in seiner Freiräumigkeit zu erkennen ist. Doch die Obst- und Gemüsegärten sind normalen Gartenstrukturen gewichen, sodass Reinhard Elbl heute von den aus seiner Sicht gegebenen Möglichkeiten einer „Nachverdichtung“ in der Siedlungsstruktur spricht.

Wer heute aber z.B. durch die Ehgartenstraße geht, kann trotz aller Veränderungen und Umbauten noch immer den Grundcharakter der alten „Siedlerarchitektur“ der Anfangsjahre erkennen.

Die frühere und notbedingte „Architektur vom Fließband“, die „Typenarchitektur“ lugt zwischen den Häuserreihen noch hervor, doch über die Jahre entwickelte sich ein gefälliges Gesamtbild, das von der Monotonie anderer Orts- und Stadtbilder, die von den Nachkriegsjahren geprägt wurden, abweicht.

Auch der gemeindliche / soziale Wohnungsbau in Kissing trägt die Handschrift der Architektenfamilie Elbl. Das ´Pilotprojekt´für diese Wohnbauprojekte, die Häuser in der Kirchstraße 2 und 4, stehen mit dem Namen Josef Elbl in Verbindung.[4] Dies gilt auch für die Wohnblöcke an der Pestalozzistrasse.[5]

In der Akazien- und der Asternstraße wurde nach den Anfangsjahren auch für  „Sowjetzonen-Flüchtlinge“ gebaut. Der Name der „Blindenblöcke“ verweist hier bis heute auf die ursprüngliche Funktion der Wohnhäuser an der Asternstraße als Unterkunft für Kriegsversehrte.

An vielen Komplexen werden später von Reinhard Elbl Nach- und Verbesserungen an der Arbeiten des Vaters vorgenommen.

Auf den Vater folgt der Sohn. Das trifft auch für den Bau des Schulgebäudes und des Rathauses zu. Das vom Vater konzipierte Schulgebäude – heute in direkter Nachbarschaft zum Rathaus stehend – war mit der Zeit „zu eng“ geworden und musste „erweitert werden.“

Die schnell wachsende Gemeinde brauchte in gleicher Weise auch ein größeres Rathaus, so dass auch hier Reinhard Elbl in den 1990er Jahren einen neuen An- und Erweiterungsbau schuf.

Nicht nur der Wohnungsbau oder die Errichtung öffentlicher Einrichtungen trugen und tragen bis heute die Handschrift von Vater und Sohn Elbl. Dies trifft auch auf wirtschaftliche Nutzgebäude im Gewerbegebiet, auf Geschäfts- und Bürohäuser in Kissing zu. Die Gebäude, in denen die Sparkasse und die Raiffeisenbank untergebracht waren, gehören dazu, der WEKA-Baukomplex im südlichen Gewerbegebiet ist ein architektonisches Großprojekt von Reinhard Elbl in jüngster Zeit gewesen. Auch das Haus, in dem sich heute die Apotheke in der Kirchstraße befindet, gehören zu den Spuren seines Schaffens in Kissing - und dazu noch vieles mehr.

Der Wohnpark „Am Wiesengrund“, - bewusst mit, wie Reinhard Elbl hervorhebt, „südländischem Flair“ und einem Hauch von „Piazza“ versehen - soll ein Gegenmodell zu modernen Wohn- und Mietskasernen darstellen und steht damit für angenehmes und menschennahes Wohnen in Gegenwart und Zukunft.

Das alles orientiert sich an dem von Vater Josef Elbl vorgegebenen Motto „Altes erhalten, Neues gestalten.“

 

Verwendete und weiterführende Literatur:


[1]Pfarrei St. Stephan – St. Bernhard, Kissing: Pfarrbrief 2015, Kissing im Juli 2015, S. 8.

[2]Gemeinderat Kissing, Sitzungstag 28. Februar 1958, Tagesordnung, Punkt 10 b und c: Barackenauflösung im Wohnsiedlungsgebiet; siehe oben.

[3]Gespräch mit Reinhard Elbl am 13.9.2017, gehalten im Archiv der Gemeinde Kissing.

[4]Gemeinderat Kissing, Sitzungstag vom 2.3.1962, Tagesordnungspunkt 5: Bau der 2. Wohnblockhälfte an der Kirchstraße; Sitzungsbuch der Gemeinde Kissing, Mai 1960 – Januar 1964, S. 210. Gemeindearchiv Kissing B024.

[5]Gemeinderat Kissing: Sitzungstag 29. Mai 1964; Tagesordnungspunkt 5, Sitzungsbuch Januar 1964 – Mai 166, S. 423.

Foto: Gemeinde Kissing
Luftbild Kissing 1984
Foto: Gemeinde Kissing

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