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Gemeinde Kissing

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Integration und Glaube

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

Foto: Gemeinde Kissing

GedenksteinDie Kirche St. Bernhard wurde 1957 geweiht.  Der Baustil, der sie prägt und die Inneneinrichtung entsprechen den architektonischen Leitbildern der 1950er Jahre. Dem Hintergrund Ihrer Entstehungsgeschichte begegnet man schon auf dem Vorplatz des Kirchengebäudes. Am nördlichen Eingang steht jener Gedenkstein,  an dem die Sudetendeutsche in Kissing bis heute gerne vorbeigehen. „Gedenke der Heimat – die Deutschen des Ostens“ lautet die Inschrift auf ihm. Das soll die enge Verbindung zwischen den Vertriebenen und St. Bernhard unterstreichen.

Zwei Kirchtürme prägen das Panorama der Gemeinde. Schon aus einiger Entfernung sind sie beide für den ankommenden Reisenden gut zu erkennen. Da scheint auf der einen Seite St. Bernhard die Lechebene zu beherrschenSt. Stephan. Die alte Pfarrkirche St. Stephan hingegen thront auf einem Höhenzug im Osten in einiger Entfernung über den beiden Kissings. Zwei Kirchen, zwei Ortskerne scheinen sich beim ersten Anblick anzudeuten. Doch wie immer sind die Dinge anders als sie auf den ersten Blick erscheinen.

Vor einem halben Jahrhundert indes zog sich noch eine unsichtbare Grenze zwischen dem Alt- und dem Neuort über das noch freie Feld, auf dem heute Rathaus und Schule stehen, hindurch. Eine Grenze zog sich auch durch die Köpfe der Menschen. Und so war es auch der Glaube, der eigentlich auf beiden Seiten in deutlicher Mehrheit der gleiche, der katholische, war, der nicht vereinte, wie er es vom Sinn der Religion her sollte, sondern der trennte.[1]

St. Stephan im Altort war für die Menschen in den Flüchtlingsbaracken schwer zu erreichen. Willkommen waren sie am Anfang in der alten Pfarrkirche zudem auch nicht. Wie an anderen Orten in Bayern auch, waren die Sitzplätze in der Messe den alteingesessenen Familien vorbehalten.

Böhmischer und Bayerischer Katholizismus unterschieden sich zudem in einigen wesentlichen Fragen, böhmische Bräuche blieben den Alteingesessenen oft fremd.

„Römisch-katholisch“ und „böhmisch-katholisch“, das schien sich nicht miteinander zu vertragen. Böhmische Katholiken gaben sich, wie Prof. Grulich es schildert, als „liberaler, pragmatischer und zeigten mehr Toleranz“. Sie knieten in der Kirche weniger.

Die Unterschiede zwischen dem bayerischen und dem böhmischen katholischen Glauben reichen geschichtlich weit zurück und haben ihre Wurzeln im aufgeklärten Absolutismus in der Donaumonarchie der Jahre der Reformen des Josefinismus. (s.o.) Diese josefinischen Reformen nahmen viel von dem vorweg, was die Säkularisation dann in napoleonischer Zeit auch in Bayern bringen sollte. Viele der Reformen Josephs trugen nach außen hin antiklerikale Züge. Doch der Habsburger Monarch war anders als Montgelas in Bayern ein gläubiger Katholik. Er hob Klöster auf, doch kirchliche Einrichtungen, die soziale Zielsetzungen verfolgten, sollten bleiben. In Böhmen bedeutete das, dass sogar neue Kirchen und Diözesen gegründet wurden, dass die böhmische Kirche sich weltlichen Aufgaben schon früh öffnete und damit in die Bevölkerung hineinwirkte.

Somit zeigte auch der Volksglaube selbst seine eigenen Züge.

In Bayern schienen sich nach 1945 zwei unterschiedliche katholische Glaubens- und Lebenswelten zu begegnen. Der „böhmische Katholizismus war … deutlich mehr auf Lebensfreude als dogmatisch ausgerichtet.“[2] Weihnachten feierte man mehr fröhlich als feierlich. Wie Boldt es schildert, schien diese Lebensfreude fast südländische Züge getragen zu haben.

Bayerischer und böhmischer Katholizismus beeinflussten sich über große Zeiträume hinweg gegenseitig. Da war die Architekten-Familie der Dientzenhofer, die aus Bayern stammte, nach Böhmen auswanderte und die Sakralarchitektur dort nachhaltig prägte. Nach 1945 interessierte das aber zunächst nicht viele Menschen.

1951 wurde in der Diözese Augsburg der Antrag zur Errichtung einer neuen Filialkirche auf dem Lechfeld eingebracht. Die Verbände der Vertriebenen unterstützen diesen Vorstoß. Vier Jahre später, 1955, führte Bischof Josef Zimmermann, der Gemeindepfarrer in Kissing gewesen war, die Grundsteinlegung durch.

1957 fand die Weihe von St. Bernhard statt. Das neue Gotteshaus wurde mit dem später errichteten Pfarrzentrum  - das den Namen von Bischof Zimmermann tragen sollte -  zu einer zentralen Einrichtung im  Neuort.

Orgel St. BernhardIm Gotteshauses selbst finden sich bis heute die Spuren seiner Entstehungsgeschichte: Arbeiter der Firma Frisch haben das Kreuz im Chorraum  angefertigt. Auch die Ausstattung des Portals unterhalb der Orgel-Empore stammt von ihnen.[3] Am westlichen Haupteingangsportal zum Kirchenschiff begegnet der Besucher einer nachdenklich stimmenden Figur.  Nur an ihrem Heiligenschein erkennt man sie als Taube, denn sanft und friedlich sieht sie die Gläubigen nicht an. Ihr Blick wirkt auf den Besucher eher erschreckend, fast hysterisch, abweisend und gleichzeitig auch irgendwie in einer Verteidigungshaltung einen Gegner abwehrend. Der Heilige Geist sieht in der Regel anders aus. Zudem scheint es, als sei die Taube an das Gatter angebunden und sie erweckt auch den Eindruck, als sei sie gekreuzigt worden.

Was wollten die Erschaffer der Figur den Kirchenbesuchern mitteilen?Sollte die verschreckte und verängstigte Friedenstaube die Leiden von Krieg und Vertreibung symbolisieren?

Das Bistum Augsburg förderte die Integration der Vertriebenen mit Sozialprogrammen wie etwa dem kirchlichen Flüchtlings- Wohnbauprogramm „Christvolk baut auf“ - hier im Landkreis Friedberg. Vertriebene sudetendeutsche Priester sollten die Neubürger sozial wie seelsorgerisch betreuen.

Doch auch Kritik wurde hier geäußert. Förderte dies alles nicht die Entstehung eines eigenständigen Vertriebenen-Katholizismus?

Eine Art von abgeschlossener katholischer Vertriebenen-Kirchengemeinde auf dem Lechfeld wäre beinahe entstanden. So plante das Bistum Augsburg am Beginn der 1950er Jahre die Vereinigung der Pfarreien der Flüchtlingssiedlungen von St. Afra und des späteren Neu-Kissing zu einer einzigen großen Pfarrgemeinde, zu einem „Seelsorgebezirk“. Dies war eigentlich gut gemeint.[4]

St. Afra, bei Mering, und Neu-Kissing aber wuchsen mit den beiden Altorten Mering und Kissing zusammen. Segregation wurde vermieden, anstelle dessen Integration erreicht.

St. Bernhard ist schon lange keine ´Flüchtlingskirche´ mehr allein, sie ist die Gemeindekirche aller Kissinger geworden. Dieses Zusammenwachsen der beiden Kissings haben auch die Gemeindepfarrer mit bewirkt. Sie besaßen die Fähigkeit, böhmische und bayrische Messen zu lesen, die Alt- und Neu-Kissinger in gleicher Weise ansprachen. Herbert Kessel – der 1951 die Anliegen der Neubürger im Bistum Augsburg vertrat - und  Pfarrer Matthias Christel, der in der Nachfolge Kessels 1955 folgte und die ersten Messen in St. Bernhard hielt, sind hier zu nennen.

Paul Großmann – ein Pallotiner - war von 1966 bis 1999  Gemeindepfarrer. Er konnte das Zusammenwachsen der Gemeinde der Alt- und Neu-Kissinger 33 Jahre lang gestalten.

Das Jahr 1973 und mit ihm die Einweihung des Gedenksteins auf dem Kirchplatz spielen eine wichtige Rolle in diesem Prozess. Der Gedenkstein spreche, so die Festredner damals, für die „Verbundenheit von Einheimischen und Vertriebenen“. [5] Auch Alt-Bürger hatten für seine Errichtung gespendet. Der Glaube war jetzt wieder zur Brücke geworden.

In St. Bernhard kann dem Besucher des Gotteshauses diese Geschichte bis heute begegnen, auch wenn dies nun oft melancholisch stimmt. „Aus Böhmen“ steht da immer noch auf dem ein oder anderen Sterbebild geschrieben, aufgehängt in einer kleinen Kapelle, die man gleich links nach dem Eingangsportal betreten kann.  Nur meint das ´nach Hause gehen´ in den Texten etwas ganz anderes als früher.

Nicht von Furcht ist hier die Rede, sondern von der Freude auf das ewige Leben im Jenseits. Anders als in der Großstadt, wo ständig wiederkehrende Mantras und leere Allerweltsformulierungen vorherrschen, scheinen die Sätze hier wohl gewählt und lassen die Empfindungen der Verwandten und Bekannten sehr wohl erahnen.

Der Heilige Hieronymus scheint  hier dem Leser die Angst vor dem Hinübergehen nehmen zu wollen und die Furcht vor einem Abschied, der kein Abschied ist, sondern nur der Übergang vom einen Leben in das andere, wenn er spricht:

„Nicht trauern wollen wir, dass wir dich verloren haben,
sondern dankbar sein, dass wir dich gehabt haben,
ja auch jetzt noch besitzen,
denn wer zum Herrn heimgegangen ist,
der bleibt in der Mitte der Seinen.“

Schon einen Blick weiter neben diesen Sätzen „spannt“ die Seele im Gedicht von Joseph von Eichendorff „weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande“ zur Heimkehr „nach Haus.“

Man glaubt hier, jenen „böhmisch-katholischen“ Volksglauben erkennen zu können, jene böhmische Spiritualität, von deren Wiederkunft  Autoren wie Peter Dermühl und Michael Westermann aus tschechischen Wallfahrtsorten heute berichten. [6]

Böhmisches allerdings findet man in Kissing nicht nur hier.

 

Verwendete und weiterführende Literatur:


[1]Zum Thema siehe auch: Münch-Heubner, Peter L.: Kirche St. Bernhard und Neubeginn in Kissing/Kreis Aichach-Friedberg. Dreiteilige Artikelserie, in: Sudetendeutsche Zeitung, Nr. 10/11/14, 2017.

[2]Boldt, Frank: Eger. Stadt der europäischen Geschichte. Ein Essay über die deutsch-tschechische Koexistenz, Paseka, Praha, Litomyšl 2010, S. 110.

[3]Merkl, Hanns, Kirchen und Kapellen der Pfarrgemeinde Kissing, S. 23f.

[4]Rauscher, Helmut, 60 Jahre Grundsteinlegung, S. 6

[5]Tag der Heimat mit Gedenkstein – Einweihung,  16.9.1973, Sudetendeutsche Landsmannschaft Kissing, Protokollbuch Nr. 2, 1966-1976, Gemeindearchiv Kissing, Sammlung Sudetendeutsche Landsmannschaft Kissing.

[6]Dermühl, Peter/Westermann, Michael: Die schönsten Wallfahrtsorte. Kraftquellen in Bayern, Böhmen, Österreich und Südtirol, Augsburg 2007.


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