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Gemeinde Kissing

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Kissings wechselvolle Geschichte: Welfen und Staufer

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

Die offizielle Beschreibung des Wappens von Kissing stellt zunächst die hier gezeigten Symbole vor:

Gemeindewappen Kissing

 

 

 

 

 

„In Rot ein gesenkter silberner Wellenbalken;
darüber ein silbernes Zelt mit zwei lanzenförmigen Stangen,
belegt mit einem schwarzen Schild,
darin ein goldenes Kleeblattkreuz;
unten ein unterhalbes Zahnrad.“

In der „Erklärung der Symbole“ heißt es dann:

„Farben rot/weiß: Bistum Augsburg
Zelt: Königszelt auf dem Gunzenlê
Schwarzes Wappen mit Kleeblattkreuz: Wappen des Hochstifts St. Ulrich und Afra
Silberner Wellenbalken: Lech
Zahnrad: Symbol der Neuzeit und Industrie.“[1]

Das Wappen hält damit wichtige Kapitel aus der Ortsgeschichte fest. Das von Klemens Stadler in seinem Standardwerk der Heraldik so bezeichnete „Kriegszelt erinnert an den Gunzenlee, einen Hügel, der als Gerichtsstätte und Platz für die in der Ebene beiderseits des Lechs im Mittelalter öfter hier stattgefundenen Heeresversammlungen eine große Bedeutung im Lechraum hatte.“[2]

Auf Geschichte, Bedeutung und Funktionen dieses Gunzenlee –  oft geschrieben auch Gunzenlê, Gunzenle oder Gunzile[3] – geht Heinz Schmidt in seinem Beitrag zur frühen Geschichte Kissings und seiner Umgebung ein.[4]

Heinz Schmidt beschreibt so auch das Auftreten der „Edlen von Chissingen“ in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, mit denen die Anfänge der Ortsgeschichte nun ein Stück mehr fassbar werden.

Die Zeit des Gunzenlee ist die Zeit der Welfen – nicht nur am Lech. Ein Welfenherzog feiert hier im Jahre 1127 Hochzeit mit einer Tochter des Kaisers Lothar von Supplinburg. [5]

Historische Ereignisse wie die „Schlacht auf dem Lechfeld“ im Jahre 955 finden hier und in der Umgebung statt. Doch genaue Angaben zur Rolle des Gunzenlee fehlen. [6]

Das Hochzeitsdatum des Welfenherzogs weist auf Zusammenhänge hin, da damals hin zur Reichspolitik führen. Der Welfe heiratet eine Tochter des Kaisers Lothar von Supplinburg. Damit beginnen schon die Probleme.

Bei der Königswahl des Jahres 1125 hatten die Welfen Lothar von Supplinburg, den Herzog von Sachsen gegen den staufischen Kandidaten Konrad, Herzog von Schwaben unterstützt. Und Lothar zeigte sich den Welfen gegenüber als ein dankbarer König, der den territorialen Besitzstand seiner Verbündeten erweiterte. Doch Schicksal und Geschichte sind launische Gesellen/Innen. 1137 stirbt Lothar von Supplinburg. Die Konstellationen im Reich hatten sich jetzt verändert. Die Mehrheit der Fürsten, die den König damals wählten, stand jetzt auf der Seite des Staufers Konrad von Schwaben und nicht auf der des welfischen Thronanwärters, des Günstlings des verstorbenen Königs . Konrad konnte erfolgreich nach der Krone greifen – und er hatte die Königswahl von 1125 offenbar noch gut in Erinnerung. Er hielt weniger von den neutestamentarischen Prinzipien der Verzeihung.  Das alttestamenarische Auge um Auge, Zahn um Zahn schien ihm besser zu gefallen.

Konrad nahm den Welfen die Herzogswürde in ihrem Stammland Baiern  - eigentlich waren sie oberschwäbischer Herkunft - und unterwarf sie einem Reichsbann. Doch die Verjagten und Verbannten kehren wieder. Der „staufisch-welfische Gegensatz“ entzweite Deutschland bis zum Ende der Staufer-Dynastie mehr als ein Jahrhundert nach diesen Ereignissen. Es war ein Konflikt, in dessen Verlauf sich das Blatt oft wenden konnte und ein wirklicher und endgültiger Sieger nie klar hervortrat. Die „Fehde zwischen Staufern und Welfen“ wurde „nahezu im ganzen Reich ausgefochten“.[7]

Die Spuren dieser innigen Feindschaftsbeziehung führen uns auch zurück an den Lech.

Am Ende des elften Jahrhunderts waren die Staufer mit dem Herzogtum Schwaben belehnt worden. [8] Das bedeutete, dass – solange die Welfen Herzöge in Baiern waren – die Frontlinien in diesem Dauerkonflikt auch entlang des Lechs, der die Grenze zwischen Schwaben und Baiern bildete, verliefen. Mitunter konnten die Welfen ihren Besitz im südschwäbischen Raum bis an den Bodensee erweitern.

Im zwölften Jahrhundert neigte sich das Ringen zwischen beiden Dynastien um die Vormachtstellung in Deutschland seinem Ende zu. 1254 starb der letzte staufische Kaiser, 1268 endete auch im Herzogtum  Schwaben die Linie seiner Familie ´im Mannesstamm´ , wie man damals noch sagte. Mit den Staufern erlischt auch das Herzogtum Schwaben. In der Folgezeit konnten die Bischöfe von Augsburg entlang des Lechs nördlich und südlich der Stadt ihre Besitztümer erweitern – im Norden später bis nach Donauwörth und im Süden bis in das Allgäu hinein.

Doch das Ende der Staufer bedeutet nicht den Sieg der Welfen. 1180 verdrängen die Wittelsbacher ihre Vorgänger in Baiern. Die Welfen treten langsam aber stetig von der großen Bühne der Reichspolitik ab, auch wenn sie nicht gänzlich verschwinden wie die Staufer. In Norddeutschland werden sie – wie in Braunschweig – auf die Bühne kleinerer Fürstenherrschaften ausweichen. Es schien so, als war Deutschland der alten Streithähne überdrüssig geworden.

Doch an vielen Orten werden neue Herren die Erben der alten Konflikte. Das war auch am Lech so. Aus der Konfrontation zwischen Staufern und Welfen wird nun die ständige Auseinandersetzung zwischen dem wittelsbachischen Baiern und dem Hochstift Augsburg. Der Lech blieb auch weiterhin eine Demarkationslinie, an der sich die Geister schieden und sich unerbittliche Gegner gegenüberstanden. Und auch Kissing bekam das bitter zu spüren. Doch die erste Frage war: Wo gehörte Kissing dann in dieser Zeit eigentlich hin? Denn seine Lehnsherren waren mittlerweile  Augsburger Bischöfe geworden.

Als Welf VI., der am Lech noch über Besitzungen verfügte, 1191 starb, wurden von ihm, der mit Bischof Udalschalk von Augsburg Freundschaft und Frieden geschlossen hatte, so vermutet Irmgard Hillar,  „Besitz der Kirche und des Dorfes Kissing … dem Hochstift Augsburg übereignet.“[9]

Bischof Udalschalk wiederum, lesen wir andernorts auch,  vermachte 1202 seine Kissinger Güter „an den bischöflichen Stuhl“ von Augsburg. Wurde Kissing zweimal an die Bischöfe von Augsburg vererbt bzw. übereignet? [10]

Einiges bleibt hier unklar.

Auf welche Art und Weise letztlich Kissing in den Besitz des Hochstifts geriet, ist, so schreibt Hilda Thummerer, „nicht bekannt“. „Mit Sicherheit“ kann nur davon ausgegangen werden dass das Dorf „beim Tod des Bischofs Udalschalk (1202)  … im Besitz der Augsburger Kirche“ sich befand.[11]

Irmgard Hillar schreibt schließlich über die Besitzverhältnisse südöstlich von Augsburg, dass Kissing , „aber unter der Landeshoheit des Herzogtums Bayern“ „stand“[12]. Aus heutiger Sicht bleiben da jetzt Fragen  offen. Die Landkarten, die die politische Geografie – wie wir es heute nennen - der damaligen Zeit widerspiegeln, lassen vermuten, dass das Kissinger Gebiet tatsächlich dem Herzogtum der Wittelsbacher einverleibt war.

Doch die politische Geografie ist ein Instrument der Neuzeit zur Darstellung von Ausdehnungen moderner Territorialstaaten und Rechtsräume, die klar voneinander abgrenzbar sind. Damals aber existierten unterschiedliche Ebenen der Machtausübung und der Rechtshoheiten oft nebeneinander und so können diese Machtverhältnisse in all ihren Dimensionen nicht kartographisch im Detail wiedergegeben werden.

Im klassischen Modell der „Lehnspyramide“ steht der Landesherr ganz oben, er verteilt die „Lehen“ - siehe dazu weiter unten – an weitere Lehnsträger auf unteren Stufen der Lehnspyramide – in seinem Territorium. Kissing stand also augenscheinlich „unter der Landeshoheit“, wie Hillar schreibt, der Wittelsbacher. Die „Lehnspyramide“, der Kissing zugeordnet war, endete an ihrer Spitze aber nicht in Bayern, sondern in Augsburg. Die Wittelsbacher konnten im Ort und in seiner Umgebung also keine Lehens- Abgaben einfordern, keine Lehen vergeben.

Recht und Staat sind für den Menschen von heute untrennbar miteinander verbunden – ein Staat ist ein geschlossenes Rechtssystem. Doch Kissing wird in den folgenden Jahrhunderten zwei unterschiedlichen landeshoheitlichen Rechtssystemen unterworfen sein.

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Kissing. Geschichte und Gegenwart, S. 5.

[2]Stadler, Klemens: Deutsche Wappen. Bundesrepublik Deutschland. Band 6: Die Gemeindewappen des Freistaates Bayern, Teil II, Nachträge zu Band 4 und 6; Bremen 1968, S. 109.

[3]Unglaub, Erich: Der Gunzenlê, in: Kissing. Geschichte und Gegenwart, S. 26.

[4]Siehe dazu Text von Heinz Schmidt.

[5]Unglaub, Erich, Der Gunzenlê, S. 26.

[6]Unglaub, Erich, Der Gunzenlê, S. 28.

[7]Zum „staufisch-welfischen Gegensatz“ und seiner Geschichte in den Grundzügen siehe: Reinhold, Dietger: Nach 100 Jahren Salierherrschaft : Lothar III. von Supplinburg und Konrad III. von Staufen, in: Pleticha, Heinrich (Hrsg.): Deutsche Geschichte, Band 2: Von den Saliern zu den Staufern 1024-1152, Gütersloh 1993, S. 215-244.

[8]Siehe: Grisshammer, Siegfried: Die Zeit des Investiturstreits, in: Pleticha, Heinrich, Deutsche Geschichte, Band 2,  S. 162.

[9]Hillar, Irmgard: Die drei Burgen von Kissing – heute Burgställe, in: Kissing.  Geschichte und Gegenwart,   S. 47.

[10]Thummerer, Hilda, Kissing von seiner ersten urkundlichen Erwähnung bis in die Hofmarkszeit, S. 55,

[11]Thummerer, Hilda, Kissing von seiner ersten urkundlichen Erwähnung bis in die Hofmarkszeit, S. 55.

[12]Hillar, Irmgard, Die drei Burgen von Kissing – heute Burgställe, S. 47.


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