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Kirchengeschichte und Ortsgeschichte

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

Die wissenschaftliche Annäherung an die Gründungsgeschichte Kissings lässt bezüglich der ersten urkundlichen Erwähnungen des Ortes keine definitiven und unwiderlegbaren Aussagen zum Gründungsdatum der ersten Ansiedlung zu. Es bietet sich für den Geschichtswissenschaftler aber auch noch ein anderer Weg zum Ziel an: Die Beschäftigung mit der Geschichte der Patrozinien, d.h. der Namensgebung der ältesten „Urkirchen“ in einer Ortschaft oder Stadt. Tatsächlich können auch hier letztlich nur Annäherungswerte erzielt werden, die Aufschluss darüber geben, was wahrscheinlich ist und was nicht.

PeterskircheDas Peterspatrozinium ist aufgrund seiner Bedeutung in der Kirchengeschichte Bayerns ein gut geeignetes Beweismittel in einem solchen Verfahren. Und die älteste Kirche Kissings ist eine St. Peterskirche. Sie steht zudem, wie die Peterskirche in München, auf einem Petersberg. Und wie Hanns Merkl schon betont: „Auch das Petrus-Patrozinium weist auf einen sehr frühen christlichen Bau“ einer Kirche auf dem Petersberg „hin“.[1]

Im Falle der „Kölner Erzdiözese“ hat Gerhard Pankalla betont, dass die „wissenschaftliche Untersuchung über das Alter der Kirchen“ sehr oft auch Aussagen über „die Zeit des Entstehens“ eines „Ortes“ zulässt. Denn „die ältesten Kirchen aus den Zeiten der Merowinger und Karolinger haben als Pfarrpatron St. Petrus...“.Und: „Dieses Peterspatrozinium kann“ so „auf eine alte Gründung hindeuten.“[2]

Es „kann“ so sein, muss es aber nicht immer. Im Erzbistum Fulda z.B. steht eine St. Peterskirche, die erst im Jahr 1927 geweiht wurde. [3]

Die zeitlich nicht einzugrenzende Bedeutung des Hl. Petrus in der Nachfolge Christi zeigt sich schon am Petersdom in Rom. Jesus Christus selbst bezeichnete Petrus „als »Fels«  - griechisch »pétros« - auf dem er seine Kirche bauen wolle (…)“ und den er damit unter seinen Aposteln mit der Führung der Gemeinde beauftragte.  Schon im vierten Jahrhundert wurden die ersten großen „Petrus-Kirchen“  - etwa „in Ravenna und Konstantinopel geweiht“. Und: „Das frühe Mittelalter war eine Hochzeit des Kultes um Petrus … die Karolinger ernannten ihn zu ihrem Patron“.[4]

Genau in dieser Zeit der Merowinger und Karolinger treffen aber nun jene Entwicklungslinien zusammen, die alle zusammen genommen eine beweiskräftige Indizienkette bilden könnten – aber nicht müssen.

751 lösen die Karolinger die Merowinger als Könige des Frankenreiches - das damals Frankreich und weite Teile Deutschlands einschließlich des Stammesherzogtums „Baiern“ umfasste - ab. Die Christianisierung  Deutschlands war unter den Merowingern eine eher oberflächliche Bekehrung der Bevölkerung geblieben. Das „kirchlich verwilderte Reich“ war aber schon zur Zeit der Merowinger in den deutschen Gebieten zum Zielort von „Wandermönchen“ von den britischen Inseln geworden, die eine gezielte und tiefgreifende „Mission“ betrieben. Die „iroschottischen Missionare“ - unter ihnen Emmeram, Rupert oder Kilian - legten ab dem „Beginn des 7. Jahrhunderts“ den Grundstein für eine neue und dauerhafte Kirchenstruktur in Bayern.  Das achte Jahrhundert wird zu einer herausragenden Periode dieser geschichtlichen Entwicklung.

Der aus England kommende Bonifatius „gründete“ 739 „in Baiern die Diözesen Passau, Regensburg, Freising und Salzburg“. In dieser Zeit weihten die Männer auf der „Wanderschaft für Christus“ eine große Zahl von Kirchen und Kapellen – auch und gerade im heute südlichen Bayern. Sie folgten dabei einem Prinzip, das die Annahme des christlichen Glaubens durch die einheimische Bevölkerung erleichtern soll: „An heidnischen Kultstätten … weihten sie christliche Kapellen, die Donarheiligtümer wurden auf St. Petrus umgewidmet. (Aus dem Wettergott Donar wurde so der »Wettergott« Petrus!)“[5]

Der hl. Petrus spielte für die Kirche bei der „Heidenmission“ nördlich der Alpen aus mehreren Gründen eine besondere Rolle.Dies nicht nur, weil er am Beginn der „apostolischen Nachfolge“ Christi steht: Er war es, der „mit dem Hauptmann Cornelius den ersten Nicht-Juden zum Christentum“ bekehrt hatte, nachdem ganz am Anfang die Verbreitung der christlichen Lehre nur innerhalb des Judentums erfolgen sollte.[6]

Die „Petrusverehrung“ nahm auch in Bayern ihren Lauf, nachdem Bonifatius 730 bei Geismar die „Donareiche“ gefällt hatte und den „Symbolismus“ der Ersetzung des Donar durch Petrus begründet hatte. Gerade in dieser Zeit entstehen südlich der Donau viele „Petrusorte“ (wie z.B. Petershausen oder Peterskirchen), werden viele Anhöhen „Petersberge“ benannt (Dachau, Flintsbach u.a.) und viele Peterskirchen und -kapellen geweiht. Das Erzbistum München-Freising beziffert deren Zahl allein auf seinem Gebiet mit 120. (Im Raum um München seien als Beispiele Aschheim, Baierbrunn oder Grünwald genannt,  dazu kommen weitere dem Petrus geweihte Gotteshäuser wie in Lindach oder Mittenwald).

Ein weiterer Gesichtspunkt kommt hinzu: Nachdem im Frankenreich der Merowinger sehr viele „Eigenkirchen“ errichtet worden waren, die als Pfarreien den jeweiligen Grund- und Landesherrn unterstanden, stellte das „Peterspatrozinium … symbolisch die Verbindung zur römischen Kirche, zum Papst“ als dem Nachfolger des Petrus „her“.   Außerdem lässt sich erkennen: Die „Peterskirchen liegen an Römerstraßen“, die durch das Land führten und als Wanderwege der anglo-keltischen Mönche identifiziert werden können.[7]

Die Entwicklung wird auch von den Agilolfingern, den damaligen Stammesherzögen von Baiern gefördert,[8] viele Petrus-Gründungen stehen im Zusammenhang mit ihnen.

Tassilo III z.B. „gilt als Begründer des Urklosters in Münchsmünster an der Ilm“, von dem 796 berichtet wird und das „dem hl. Petrus geweiht“ worden war.[9]

Aus dem Hause der Agilolfinger entstammten nicht nur Herzöge, sondern auch Geistliche, die Klöster leiteten. Und jene benannten sich als Äbte nach dem Apostelfürsten, auf den ihr Geschlecht und Fürstenhaus ausgerichtet war, wie etwa Abt Petrus von Reichenau.[10]

Ein anderer wichtiger Name im Zusammenhang mit der Verbreitung der Petrusverehrung im achten Jahrhundert ist auch der des Bischofs Atto von Freising. Er „hat die Erbauung von Peterskirchen in Altbayern begünstigt. Er stammte aus dem Geschlecht der Kienberger, deren Burg bei Kranzberg unter dem Schutz des Heiligen Petrus gestanden hatte. Bevor er den bischöflichen Sitz von Freising bestieg, war er Abt des Klosters Scharnitz, das dem hl. Petrus geweiht war.“[11]

Hier scheint sich der erste Kreis schon einmal zu schließen: Wir sind wieder in Scharnitz angelangt. Freilich widerlegt das allein noch nicht die These von der Erwähnung Giesings an dieser Stelle. Auch hier hätte Atto von Freising gewirkt haben können. Dagegen spräche aber – wie oben gesehen – der Stand der Forschung zur Frage der ersten urkundlichen Erwähnung des heutigen Stadtteils von München. Und in Giesing ist kein Peterspatrozinium nachzuweisen.

Auch in Schöngeising ist das so. Doch was beweist das?

Ein weiterer Argumentationsstrang könnte die These vom Jahr 763 als dem Datum der ersten Erwähnung Kissings untermauern:

In Feldmoching wird in jenen Jahren des Atto „die älteste Pfarrei im Norden Münchens“ geweiht. Die Feldmochinger „Kirchengeschichte“ vermerkt dazu: „Aus dieser Zeit stammt das Patrozinium St. Peter. Später, 1524, „kam dann noch der Hl. Paulus als Schutzheiliger hinzu.“

Zur Zeit der Begründung der „Urpfarrei“ von St. Peter in Feldmoching, die „an der Verbindungsstraße nach Oberschleißheim“ zu finden ist, war der Ort von großer Bedeutung für die gesamte Region, von größerer Bedeutung als München. Die „Urpfarrei“ erstreckte sich „im Süden bis Sendling, und schloss im Norden auch Oberschleißheim mit ein. Feldmoching lag „in der Nähe uralter Straßen“, auch einer kleineren römischen, die von Westen, von Augsburg her, vom Lech her über Dachau in das „Gfüll“, die Ebene im Norden von München führte.[12]

Pfarrei war St. Peter in Feldmoching 786 geworden, es war Sitz eines großen Dekanats, das erst im 11./12. Jahrhundert nach München verlegt wurde. [13]

Das hat zu der Vermutung geführt, dass „St. Peter in München ein Ausbruch aus dem Sprengel der Feldmochinger Pfarrei sein könnte.“[14]

St. Peter in München ist keine „Urpfarrei“ in der Geschichte der Christanisierung Bayerns. Die ´Feldmochinger Theorie´ könnte auch erklären, warum es in München zu einem relativ späten Zeitpunkt – im zwölften Jahrhundert – zu einem Peterspatrozinium gekommen ist.

Sie könnte auch ein Indiz dafür sein, warum dieser „Ausbruch“, d.h. die relativ späte Weihe einer Peterskirche – München ist eine im Vergleich zu anderen Orten und Städten in Bayern überhaupt späte Gründung - kein Argument dagegen sein kann, dieses Peterspatrozinium im Falle Kissings zur Grundlage einer Aussage über das Alter der ersten möglichen Ansiedlung zu machen.

Wichtig bleibt darüber hinaus auch die Routenführung der alten Römerstraßen als Wegweiser für die Entstehung von Peterskirchen im Missionsgebiet Bayern im achten Jahrhundert.

Hierzu schreibt Irmgard Hillar: „Wichtiges Indiz für die »Urkirche« St. Peter in Kissing … ist die Römerstraße, die durch das bayerische Lechfeld westlich des Ortes zieht; es wurde nachgewiesen, daß solche frühen Peterskirchen vornehmlich entlang dieser, in nachrömischer Zeit weitergenutzten Überlandstraßen liegen, heute noch in enger Aufeinanderfolge nachweisbar, besonders, wenn diese in bedeutende Römerstädte einmünden; im Kissinger Fall nach Augsburg, mit seinem frühchristlichen Afrakult“.[15]

So führen von Augsburg z.B. die Via Raetia nach Mittenwald und die Via Julia nach Salzburg, beide tun dies zunächst über Kissing, bevor sie sich teilen[16]. In Mittenwald findet sich das bereits erwähnte Petrus-Patrozinium. Entlang der Via Julia und ihrer Nähe finden sich viele Peterskirchen, die das Erzbistum München als Urkirchen auflistet: Besonders am Übergang über die Isar, in der Umgebung der Römerschanzen südlich von Grünwald, häufen sich die St. Peters-Benennungen in auffälliger Weise auf relativ kleinem Raum, neben Grünwald sind hier Baierbrunn und Straßlach in dieser Region zu erwähnen. Weiter auf dem Weg der Via Julia liegen u.a. noch die Petrus-Patrozinien von Holzkirchen und von Westerndorf[17] , das heute zu Rosenheim gehört. Am Ende dieser Römerstraße, im Bistum Salzburg, ist wieder eine große Anzahl von Petrus-Kirchen auf relativ kleinem Raum zu finden. Das von Bonifatius begründete Bistum Salzburg hat schon am Beginn seiner Geschichte den „hl. Petrus als Bistumspatron“ angenommen und die Salzburger „Mutterkirche“ dieses Namens ist in und um die Stadt an der Salzach herum von vielen Nachfolgebenennungen umgeben.

Stellt das Peterspatrozinium in Kissing ein Indiz, einen Anhaltspunkt für eine etwaige Gründung Kissings zur Zeit der Christianisierung Bayerns dar? Das 8. Jahrhundert stellt einen zentralen Zeitraum für Ortsgründungen im südlichen Bayern dar. Viele heutige Münchner Stadtteile, die von ihrer Gründung her als Orte wesentlich älter sind als München selbst, werden hier urkundlich zum ersten Male erwähnt. Doch was bedeutet das für Kisingas?  Eher scheint uns das alles zu sagen, dass es etwa für Giesing stehen könnte – aber eben nur ´könnte´.

Hanns Merkl schreibt zu St. Peter auf dem Kissinger Petersbergl: „ Eine Untersuchung des Fundaments durch Kreisheimatpflegerin Dr. Irmgard Hillar jedenfalls lässt von einem Erstbau vor dem Ende des 1. Jahrtausends ausgehen.“[18]

Und da gibt es auch noch einen anderen Anhaltspunkt:

„Ein System von geheimnisvollen unterirdischen Gängen und Kammern im Inneren des Petersberges, direkt unterhalb der jetzigen Kirche, weist auf eine sehr frühe, vorchristliche Besiedelung dieses Areals hin. Eine heidnisch-kultische Bebauung in dieser Zeit lässt sich nicht ausschließen, denn sehr häufig wurden bei der Christianisierung gerade an solchen Orten christliche Gotteshäuser gebaut.“[19]

Lassen sich in diesen „interessanten geschichtlichen Denkmälern“[20] Hinweise auf die frühe Geschichte Kissings ausfindig machen?

 

Doch die Spuren weisen hier alle in das zehnte/elfte und nicht in das achte Jahrhundert!

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Merkl, Hanns: Kirchen und Kapellen der Pfarrgemeinde Kissing. Gemeinde Kissing – Landkreis Aichach-Friedberg. Regierungsbezirk Schwaben – Diözese Augsburg,Passau 2007, S. 3.

[2]Dr. Pankalla, Gerhard: Die Geschichte und Entwicklung der Pfarrkirche St. Peter und des Ortes Königshofen; http://gemeinden.erzbistum-koeln

[3]Geschichte der Pfarrei St. Peter Bronzell, http://www.bistum-fulda.

[4]Ökumenisches Heiligenlexikon: Petrus – ursprünglicher Name: Simon, https://www.heiligenlexikon.de/BiographienP/Petrus.htm, abgerufen am 17.4.2017.

[5]Deutsche Geschichte, Band 1: Vom Frankenreich zum Deutschen Reich 500 – 1024, herausgegeben von Heinrich Pleticha, Gütersloh 1933, S. 97ff. u. S. 167.

[6]Ökumenisches Heiligenlexikon: Petrus, ursprünglicher Name: Simon.

[7]Erzbistum München und Freising: Die Verehrung des Hl. Petrus in Bayern, https://www.erzbistum-muenchen.de

[8]Prof. Helmut Bouzek: Tassilo III., der Verlierer, ein präsumtiver Sieger, in: Ökumenisches Heiligenlexikon, https://heiligenlexikon.de

[9]Haus der Bayerischen  Geschichte - Klöster in Bayern: Münchsmünster. Benediktiner-Kloster St. Petrus, von Christine Riedl-Valder, https://www.hdbg.eu/kloster/web/

[10]Beyerle, Konrad (Hrsg.): Die Kultur der Abtei Reichenau. Erinnerungsschrift zur zwölfhundertsten Wiederkehr des Gründungsjahres des Inselklosters 724-1924, Bd. 1, München 1925.

[11]Erzdiözese München und Freising: Die Verehrung des hl. Petrus in Bayern.

[12]Kirchengeschichte. Älteste Pfarrei im Norden Münchens, https://pv-fasanerie-feldmoching.de

[13]Junkelmann, Marcus: Schotter, Schwaigen, Schlösser,  in: Rumschöttel, Hermann (Hrsg.): Oberschleißheim. Eine Zeitreise, Oberschleißheim 2010, S. 157.

[14]Kirchengeschichte. Älteste Pfarrei im Norden Münchens.

[15]Hillar, Irmgard: St. Peter -  Gründungskirche von Kissing, in: Gemeinde Kissing (Hrsg.): Kissing. Geschichte und Gegenwart, Kissing 1983, S. 73.

[16]Lechrain-Geschichte: Römische Verkehrswege, http://www.lechrain-geschichte.de

[17]Erzdiözese München und Freising, Die Verehrung des hl. Petrus in Bayern.

[18]Merkl, Hanns, Kirchen und Kapellen der Pfarrgemeinde Kissing, S. 3.

[19]Merkl, Hanns, Kirchen und Kapellen der Pfarrgemeinde Kissing, S. 3.

[20]Merkl, Hanns: Die unterirdischen Gänge von Kissing, in: Kissing. Geschichte und Gegenwart, S. 141.


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