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Gemeinde Kissing

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Die Suche nach dem Gründungsdatum Kissings und die Ebersberger Annalen: Eine Sensation?

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

Im Rahmen dieser Studie schien es für einige Zeit so, als könnte für die Gemeinde Kissing ein neues und endgültiges Gründungsdatum festgelegt werden. Anlass zu dieser Hoffnung bot eine Publikation des renommierten Namensforschers Wolf-Armin von Reitzenstein. In seinem 2013 erschienenen Buch  „Lexikon schwäbischer Ortsnamen. Herkunft und Bedeutung. Bayerisch-Schwaben“ nannte er das Jahr 935 als das Datum der ersten urkundlichen Erwähnung Kissings.  Als Quelle benannte er die „Traditiones“ des Klosters Ebersberg.[1]

Doch eigene Recherchen im Hauptstaatsarchiv München führten zu keinen konkreten Ergebnissen. Eine Signatur 1 Tr. Ebersberg I Nr. 7 existiert so, wie von Reitzenstein angegeben, gar nicht. Unter Römisch I finden sich keine Traditiones, sondern die Annales des Klosters Ebersberg. Unter den Traditiones, die unter einer anderen Registratur und für andere Zeiträume zu finden waren, waren keine Hinweise auf die vom Autor angegebene Nennung eines Chissingun zu finden.  Eine Untersuchung der Annales für die Jahre 911 bis 961 brachte auch keine Aufklärung. [2]

Der Name von Kissing, gleich in welcher Form, war in diesen Jahren nicht auffindbar.[3]

Auch Gerhard Köbler hat sich bei der Aufstellung seiner Namenskette auf Reitzenstein berufen und so das Jahr 935 als urkundliche Ersterwähnung Kissings festgesetzt. Wir erleben hier das Entstehen eines Folgefehlers, der in den Geschichtswissenschaften gar nicht so selten vorkommt. Man übernimmt hier Angaben aus den Texten wissenschaftlich renommierter Autoren, gerade weil diese über eine sehr gute Reputation verfügen. Das  war auch hier der Fall. Wer sich zu sehr auf andere verlässt, der steht  oft selbst dann sehr verlassen da.

Es wäre schön gewesen, der Gemeinde Kissing hier eine neue und verlässliche Jahreszahl für eine urkundliche Ersterwähnung schenken zu können. Dieser Autor, da musste doch alles sicher sein. Doch aus der Traum. Wer immer auch etwas hört oder liest von einem Jahr 935 als dem Gründungsjahr Kissings, der muss wissen, dass er hier einem Irrtum erliegt, der daher rührt, dass irgendjemand etwas einfach übernommen hat, was er bei Reitzenstein und Koebler gefunden und nicht hinterfragt hat. Zwei Nennungen bei Reitzenstein und Koebler hintereinander, da muss doch alles sicher sein, hat sich dieser jemand gesagt. Ist es aber nicht. Und auf wie viel unsichererem Boden steht dann das Werk von Bitterauf von 1905?

Was wissen wir eigentlich wirklich ganz genau und was sind quellenkundlich nachweisbare Nennungen wirklich wert? Was hätte uns eine Nennung in den Ebersberger Annalen oder Traditionen wirklich bewiesen? Ist Kissing wirklich ´ärmer´, nur weil es im Gegensatz zu anderen Orten kein nachweisbares und konkretes Gründungsdatum hat? Wie nachweisbar überhaupt sind all diese Nennungen und urkundlichen Ersterwähungen.

Wie zuverlässig sind z.B. Annalen als Quellen für den Geschichtsforscher?

Annalen sind von ihrer Namensgebung her als Jahrbücher bzw. Jahresberichte einzustufen. Dabei kann die Erfassung der Chronologie etwa eines Klosters unterschiedlichen Wegen folgen. Zum einen können jährlich abgefasste Berichte, die „über Generationen“ hinweg von vielen Mönchen hintereinander durch die Jahrhunderte erstellt wurden, eine erstaunliche Kette von Jahresberichten ergeben.[4] Zum anderen können später zusammengefasste Überlieferungen aus früherer Zeit von Schreibern kompiliert, d.h. zusammengefasst worden sein. Anders als im ersten Fall berichtet hier kein Zeitzeuge, sondern ein Sammler, ein Kompilator, ein wörtlich Zusammenfassender und Vergleichender alter Dokumente über die Inhalte, wie er sie zu seiner Zeit in den ihn vorliegenden Texten vorfand. Man hat es hier also mit einer Art indirekter, sekundärer Quelle zu tun. Doch wie sicher sind all jene Dokumente, die von vielen Städten und Gemeinde als direkte Beweise für die Richtigkeit der Erstnennungen ihrer Heimatstädte und Heimatorte betrachtet werden? Wie sicher sind selbst als solche eingestufte Primärquellen?

Jäschke und andere Autoren reihen die Annalen in die Kategorie der „Geschichtserzählungen“ ein, deren „Erkenntniswert“ „kritisch“ zu betrachten sei. Vor allen Dingen sei die „Fehlerrate“ hier als zu hoch anzusehen.

Doch ist dies bei den hochgelobten und heißgeliebten Primärquellen wie den Urkunden anders? Jede Stadt freut sich über eine Urkunde, in der sich ihre erste Nennung nachweisen lässt. Doch die deutliche Großzahl der erhaltenen Urkunden sind ebenfalls keine Originale, sind also eigentlich keine primären Dokumente bzw. ursprünglichen Versionen. Erhaltene Erstschriften von Urkunden gibt es, wie Joachim Wild schreibt, „insgesamt sehr wenige.“ Es sind dies in erster Linie Dokumente von höchster Priorität, wie Königs- oder Herzogsurkunden, die über die Jahrhunderte mit anstrengendsten Bemühungen und unter speziellen Bedingungen der Aufbewahrung erhalten werden konnten. Dies, weil ihre Inhalte von reichspolitischer Bedeutung waren.[5]

Die Großzahl der Urkunden indes ist nur mehr in der Form späterer Abschriften erhalten. Die Zeit nagte an den in Klöstern aufbewahrten Dokumenten. Heutige Formen der Konservierung und Restaurierung alter Handschriften und Texte kannte man noch nicht, ebenso keine Kopiermaschine. Als solche wurden seinerzeit die ´menschlichen Kopierapparate´, die Schreiber, in den Klöstern die notarii, eingesetzt. In mühsamen und langwierigen Arbeiten wurden hier die alten Urkunden, die Zeichen der Abnutzung erkennen ließen, abgeschrieben und so der Nachwelt erhalten. So entstanden in den klösterlichen Schreibstuben die Kopialbücher als „abschriftliche Sammlungen von Urkunden“, [6] die aber keine Originale mehr waren. [7]

Auch der Freisinger Cozroh-Codex, auf den sich im südlichen Bayern so viele Gemeinden und Städte mit stolzem Brustton als Quelle ihrer Gründungsdaten berufen, ist keine Sammlung von Original-Urkunden, sondern von Abschriften von nicht mehr erhaltenen Originalversionen der ursprünglichen Texte. Zu diesem Codex gehört damit natürlich auch jene Urkunde aus dem Jahr 763, um dies es oben schon ging.

Da es sich bei den alten Dokumenten zumeist um beurkundete „Besitzübertragungen“, um Rechts- und Besitztitel ging, um „Eigentumsverhältnisse“ und „Gütergeschäfte“, sollten diese Grundbesitzverhältnisse auch für spätere Zeiten festgehalten werden. Sehr viel später werden diese Abschriften und die in ihnen erwähnten Namen dann auch für Landes- und Lokalhistoriker, für Ortschronisten und damit für Städte und Gemeinden zu den ´Geburtsurkunden´ ihrer Heimatorte werden. Doch für beide, sowohl für die Kanzleien der Klöster sowie heute für Ortshistoriker gilt in gleichem Maße: Die hier zusammengefassten Schriften bleiben letztlich nur „Ersatz für mittlerweile verlorengegangene … (Originale)“. Die meisten Gründungsdaten sind Notlösungen für Heimatgeschichtler.

Und dabei stellen sich, wie bei den Annalen auch, in gleicher Weise Probleme der „Echtheitskriterien“ und vor allen Dingen der „Abschreibfehler.“ [8]

Man braucht sich im südlichen Bayern nicht weit umzuschauen, um Orte zu finden, die die runden Jahrestage ihrer urkundlich scheinbar nachgewiesenen Gründung im falschen Jahr feiern bzw. gefeiert haben. Oberschleißheim nördlich von München z.B. feierte im Jahr  - zusammen mit Unterschleißheim -1985 den 1200. Jahrestag seiner Gründung/ersten urkundlichen Erwähnung. „Das war in historischer Hinsicht eine Fehlentscheidung, das richtige Jahr wäre 1975 gewesen, ...“, schreibt Marcus Junkelmann. Aber auch das könnte nur eine ungefähre Annäherung sein.

Die Urkunde wurde, so sagt ihr Text, „im 38. Regierungsjahr unseres Herrn Tassilo“ ausgestellt. Gemessen an der Regierungszeit des hier gemeinten Tassilo III. gelangt man so in das Jahr 785, in dem das Dokument ausgefertigt wurde. Das Problem, auf das Marcus Junkelmann in der Ortsgeschichte von Oberschleißheim verweist, ist aber das der „eindeutigen Nennung“ des Bischofs Arbeo von Freising in der Urkunde. Arbeo war bis 783/84 Bischof von Freising und 785 bereits „ein Jahr tot.“ So schreibt Junkelmann weiter: „Es muß daher ein Schreibfehler vorliegen, wie er beim Kopieren römischer Zahlen nur zu leicht vorkommt.“ Der Autor weiter: „Traditionell nimmt man an, der Abschreiber habe ein X zu viel gemacht … In jüngster Zeit wurde aber auch die Alternative erwogen, statt eines X könnte ein I zu viel gemacht worden sein.“ [9] Das Zielergebnis läge im letzteren Falle sehr knapp daneben, aber knapp daneben ist eben auch daneben. Und auszuschließen sind vor dem Hintergrund dieses Schreibfehlers größere Abweichungen beim Text- und Zahlenübertrag  in anderen Urkundentexten durchaus eben auch nicht. Im konkreten Fall von Oberschleißheim hat schon ein Abgleich des Textes mit den Lebensdaten eines hier erwähnten Kirchenoberen Widersprüche zu Tage gefördert. Scheint die Abweichung hier auf den ersten Blick von eher marginaler Natur zu sein, so weckt sie eben doch Zweifel an  einer allgemeingültigen Unfehlbarkeit der Kopierarbeit der Schreiber in den Klöstern – die ihre Arbeit aber auch unter schwierigsten mittelalterlichen Bedingungen durchführen mussten. Dies vor allen Dingen dann, wenn an den alten Vorlagen den Zahn der Zeit schon genagt hatte.

Bliebe hier letztlich noch der Begriff der „traditiones“, der Geschichtsüberlieferungen. Dies kann vieles bedeuten, denn es kann sich hier handeln um ein bereits erwähntes Jahrbuch, eine Form einer Rede oder eben eine Erzählung über ein geschichtliches Ereignis. Da ein Erzähler immer aus seinem eigenen Blickwinkel berichtet, muss dieser subjektive Faktor immer berücksichtigt werden. Anders als heute, wo wir die Erinnerung eines Erzählenden oft mit historischen Fakten oder mit anderen Berichten vergleichen können, haben wir im Mittelalter oft keine Vergleichsquellen. Es bleibt also offen, ob wir dem Erzähler von damals glauben bzw. wollen oder nicht.[10]

Zudem gilt bei vielen Geschichtsquellen, wie auch bei den Urkunden: Die Gefahr einer „Fälschung“ ist oft nicht auszuschließen, ging es doch hier z.B. um Eigentumstitel. Da konnte in dem ein oder anderen Fall schon einmal jemand der Versuchung nicht widerstehen, „sich Rechte zuzulegen“, die er „bis dato nicht besessen hatte, aber gerne gehabt hätte.“ Die wohl berühmteste Fälschung der deutsche Geschichte ist jene Urkunde, mit der sich Herzog Rudolf IV. von Österreich 1358/59 „Privilegien“ verschaffte, die ihm eigentlich gar nicht zustanden.[11]

Wenn sich die Repräsentanten des Hauses Habsburg oft rühmten, dass ihre Dynastie ihre größten Siege nicht auf dem Schlachtfeld errungen hatte, so gehörten zumindest in einem Falle die Schreibstufen versierter Fälscher auch zu den Orten eines Sieges, der zwar gewaltlos, aber dennoch rechtswidrig errungen wurde.

Im Zusammenhang mit den hier angeführten archäologischen Untersuchungsergebnissen vom Petersberg und vom Peterskirchlein aber lässt sich dann doch feststellen:  Alle Spuren weisen mit großer Wahrscheinlichkeit in das zehnte Jahrhundert und in die Zeit vor der Jahrtausendwende - von der auch Hanns Merkl gesprochen hat.

Nach all den Unsicherheiten über das Gründungsdatum ist eines im Falle Kissings schon eine kleine Feier wert: Die Spuren der Geschichte weisen an der Paar deutlich weiter zurück als an der Isar.

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Hier bei von Reitzenstein, Artikel „Kissing“, S. 207ff.

[2]BayHStA, Ebersberg KL Lit. 1.

[3]Für ihre Hilfe bei der Transliteration des aus dem 17. Jahrhundert  stammenden und schwer zu lesenden Textes bedankt sich der Autor bei Herrn Dr. Falk Bachter, Kreisarchivpfleger im Landkreis München und bei Herrn  Dr. Alfred Tausendpfund, Archivdirektor a.D., Staatsarchiv München.

[4]Zu dieser Quellengattung siehe u.a.: Jäschke, Karl-Ulrich: Annalen, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 5, München/Zürich 1991, S. 657-661.

[5]Siehe hierzu: Wild, Joachim: Kanzlei- und Urkundenwesen (Hoch- und Spätmittelalter), in: Historisches Lexikon Bayerns, unter dem Stichwort im Internet aufrufbar.

[6]Bayerische Landesbibliothek Online (BLO), Stichwort im Internet: Freisinger Handschriften (Traditionsbücher, Kopialbücher)

[7]Aus dieser Zeit stammt auch der heutige Begriff der notariellen Beglaubigung von Dokumenten, denn die notarii beglaubigten zusammen mit ihrer Abschrift die Richtigkeit der Inhalte dieser Abschriften.

[8]Siehe: Bayerische Landesbibliothek Online, Freisinger Handschriften.

[9]Junkelmann, Marcus: Schotter, Schwaigen, Schlösser, in: Rumschöttel, Hermann (Hrsg.): Oberschleißheim. Eine Zeitreise, Oberschleißheim 2010, S. 110f.

[10]Zur einführenden Literatur für den Interessierten  wird der Klassiker  der Hilfswissenschaften empfohlen: von Brandt, Ahasver: Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die historischen Hilfswissenschaften, 11. Aufl., Stuttgart 1986.

[11]Historisches Lexikon Bayerns, Kanzlei- und Urkundenwesen.


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