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Kissing und seine erste urkundliche Erwähnung. Eine historische Debatte

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

Das wahre Gründungsdatum eines Ortes, einer Stadt, wird sich im Normalfall – es sei denn, es handelt sich um eine zu einem bestimmten Datum bewusst vorgenommene Errichtung einer „Planstadt“ – in Mitteleuropa kaum ausfindig machen lassen. Archäologische Nachforschungen können beweisen, welche Zeitfenster sich für eine erste Ansiedlung an einem bestimmten Punkt für den Betrachter öffnen lassen. Man greift daher beim Festlegen eines bestimmten Datums für den Beginn einer Orts- oder Stadtgeschichte zur ´Behelfslösung´ der ersten urkundlichen Erwähnung der betreffenden Gemeinde bzw. Ansiedlung. Urkundlich erwähnt kann aber nur das werden, was schon einige Zeit bestanden hat und aufgrund seiner Bedeutung Anlass zur Erwähnung gibt. Die erste urkundliche Erwähnung ist und bleibt nur eine Eselsbrücke, über die man geht, um irgendein Datum zu ermitteln, das einen wahrscheinlichen Orientierungsrahmen für die Forschung vorgibt.

So eröffnet sich für den Forscher ein weites Feld der wissenschaftlichen Tätigkeit, denn z.B. schon die Namen von Ortschaften und Städten im heute südbayerischen Raum waren über die Jahrhunderte hinweg etymologischen Veränderungen unterworfen. Oft  finden sich ähnliche oder fast gleichlautende Ortsbezeichnungen. Auch die Herleitungen des Namens der ersten urkundlichen Erwähnung gleichen einander in vielen Fällen.

In Süddeutschland finden sich neunzehn Orte, die ihre Namen auf einen germanischen/bajuwarischen Sippenführer namens „Giso“ bzw. „Kiso“ zurückführen. Dazu zählen u.a Geising, Giesing (heute Stadtteil von München), Geisling, Schöngeising, Kaising und: Kissing. Als unter Umständen möglicher Namenspatron gilt Kiso/Giso auch im Falle von Bad Kissingen.[1] Gab es unter den bajuwarischen Clansführern zur Zeit ihrer Einwanderung am Beginn des Mittelalters so viele gleiche Namen?

Eher wahrscheinlich sind Namensähnlichkeiten. Im Falle Giesings gilt seit geraumer Zeit ein „Kyeso“ als jenes „Sippenoberhaupt“, auf dessen Namen in der „Frühzeit der bajuwarischen Stammesbildung gegen Ende des 6. Jahrhunderts nach Christus“ die erste Nennung als „Kyesinga“ zurückzuführen ist.[2] Giesing zumindest hat damit seine eigenen Wurzeln im Kiso-Gewirr  - mit großer Wahrscheinlichkeit - freigelegt.

In der Mehrzahl der Fälle der Kiso- oder Giso-Orte hat sich bis heute wissenschaftlich ein breiteres Spektrum der Namenswurzeln herauskristallisiert, als dies noch vor ein paar Jahrzehnten der Fall gewesen ist. Unwiderruflich geklärt ist die Frage, welche süddeutschen Gemeinden das geschichtswissenschaftliche „Urheberrecht“ auf ihre Namensherleitung von den „Leuten des Kiso“ beanspruchen können, aber noch lange nicht – und so wird dieses Feld wohl für immer der Austragungsort wilder Spekulationen bleiben.

Doch nicht nur hinsichtlich der stammesgeschichtlichen Herkunft vieler Ortsnamen sind viele Gemeinden in Bayern in Konkurrenz zueinander getreten. Auch was die Jahreszahl ihrer ersten urkundlichen Erwähnung anbetrifft, waren drei der Kiso- ( bzw. eben auch Kyeso) -Orte als „Kisingas“-Gründungen in Konkurrenz zueinander getreten.

 

Weitergehende Informationen:

Der Diskurs um die erste urkundliche Erwähnung Kissings

Kirchengeschichte und Ortsgeschichte

Die Erdhöhlen und Tunnelgänge von Kissing

Die Wichtelen, die wichtelen ...

Die Suche nach dem Gründungsdatum Kissings und die Ebersberger Annalen: Eine Sensation?

Kissings wechselvolle Geschichte: Welfen und Staufer

 

Verwendete und weiterführende Literatur

[1]Bähr, Ulrich: Die Schrift der Ersterwähnung Schöngeisings, Schöngeising o.J., S. 71f., abrufbar im Internet.

[2]Weigl, Johann Peter: 1200 Jahre Giesing, in: Gutmann, Thomas (Hrsg.): Giesing. Vom Dorf zum Stadtteil, Buchendorfer Verlag 1990, S. 16.


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