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Von der Weimarer Republik zur Bundesrepublik – von der Heimstätte nach Kissing – eine Spurensuche

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch – Heubner

Weit zuvor hatte die erste Republik trotz ihres schlechten Rufes  viel Neues im sozialen Bereich hervorgebracht. Neu in Weimar war auch, dass der Staat, der sozialpolitische Verantwortung übernommen hatte, nun auch einen wesentlich größeren Anteil an der finanziellen Unterstützung von sozialen Wohnbauprojekten übernahm als noch im Kaiserreich. Dies galt sowohl für den kommunalen Wohnungsbau wie auch für die Heimstätten-Siedlungen.  Er tat dies z.B. mit der Einrichtung einer Hauszinssteuer, „die für den gesamten Altbaubesitz“ galt. Dies war der zweite wichtige Baustein im Aufbau eines Siedlerhauses, nach dem der „Typisierung“ der Baupläne und der Grund- und Fließbandkonstruktionen. Wie Hildegard Schröteler-von Brandt schreibt, hätten „viele der neu gebauten Siedlungen“ in der Zwischenkriegszeit „ohne diese Finanzierungsquelle nicht errichtet werden können.“[1]

Nach dem Krieg, nach 1945, wird diese Spezialsteuer nicht mehr wiederkehren. Doch in den Jahren des Wirtschaftswunders wird man Mittel aus dem allgemeinen Steueraufkommen abschöpfen können.

Ein weiterer Baustein im Heimstättenwesen aber wird für den Eigenheimbau in Deutschland, dann  auch in der Bundesrepublik noch von großer Bedeutung sein. Die 1920er Jahre sind die Jahre der Bausparkassen. Die ersten von ihnen hatte es schon vor dem Ersten Weltkrieg gegeben. Doch sie blieben vorerst nur zaghafte erste Gehversuche auf diesem Weg. In Weimar explodiert die Zahl dieser Einrichtungen regelrecht, es ist „die Wohnungsnot“ gewesen, die zum Sieg der Bausparkassen führte. Nach 1924 „setzte sich das System Schritt für Schritt durch“ und es wurden in dieser Zeit und bis zum Ende der Republik etwa 400 dieser neuen Kassen gegründet.[2] Viele von ihnen gibt es heute noch, einige wurden Opfer der Weltwirtschaftskrise. Die Misserfolge aber trugen nicht dazu bei, dieses Erfolgsmodell der Weimarer Jahre zu diskreditieren. Im Nachkriegsmodell feiert es neue Erfolge.

Auch treten die Sparkassen, d.h. die Stadtsparkassen daselbst schon in jener Zeit als Kreditgeber für Bauvorhaben in Erscheinung.[3] Nicht alles wurde erst nach 1945 erfunden. Der düstere Schatten des NS-Zeit sollte sich später auch auf die Jahre vor 1933 legen.

Die eingeforderte Eigenleistung betraf in erster Linie die Beschaffung von Baumaterialien und - soweit möglich - den „Selbstbau“[4]. Nach dem Krieg wird es dann im Augsburger Raum auch die kirchliche Selbsthilfeinitiative des Ulrichswerks geben, das Vertriebenen bei ihren Hausbauprojekten auch mit der „Bereitstellung von Baumaterial“ weiterhalf.

Die Gründung der Selbsthilfegenossenschaft „Neue Heimstätte – Wohnsiedlungsgemeinschaft der Heimatvertriebenen und Kriegsgeschädigten“ im Augsburger Raum im Sommer 1949[5] zeigte, wie sehr die alten Modelle aus Weimar auch die Vorstellungswelt der aus dem Osten kommenden Vertriebenen schnell zu prägen begann.

Auch Reinhard Elbl, der Sohn des Architekten Josef Elbl, der das Kissing der Nachkriegszeit geprägt hat, spricht von jener „Siedlerarchitektur“ und von jenem „Siedlerhaus“, die das Aussehen von Neukissing geprägt hat. Er schildert die Zwangslagen jener Zeit und die Notsituation, aus der heraus sein Vater so schnell wie nur möglich Wohnraum für die Vertriebenen und Flüchtlinge auf dem Lechfeld schaffen musste. Da war nicht viel Spielraum für stadt- bzw. ortsplanerische Variationen gegeben. Es war eine „Reißbrettarchitektur“, die vor dem Hintergrund der realen Situation angewendet werden musste.  Häuser entstanden vom „Reißbett“[6], bzw.  eben wie bei den Fordisten vom ´Fließband´.

Entstanden ist dabei auf dem Ortsplan auch das Muster einer Plan- bzw. Quadratestadt, wie sie viele Stadtplaner zu unterschiedlichen Zeiten schon entworfen haben. Quadrate sind Luftbild Neukissing mit geometrischer Planungsstruktures ganz genau genommen nicht, die wir auf den Luftbildern von Neukissing erkennen können, wohl aber rechtwinklig zueinander angeordnete Straßenführungssysteme, die zusammen genommen ein geometrisches Anordnungssystem ergeben. Die Ursachen für die Entstehung solcher Planstädte sind oft Notsituationen, die Stadtplaner zu schnellem Handeln zwingen.

Hintergrundinformation zur Entstehung von Planstädten

1957 wurde das Standardwerk zur „gegliederten und aufgelockerten Stadt“ veröffentlicht. Es wurde zu einer Bibel für Funktionalisten. Schröteler-von Brandt schreibt, dass die Stadterweiterungskonzepte in  der Bundesrepublik bis zum Ende der 1960er Jahre „im Wesentlichen diesen Kriterien“ folgten. Ganz und gar durchgesetzt haben sie sich aber längerfristig und flächendeckend eher nicht.[7]

1956 begann im Gemeinderat von Kissing die Planung für den neuen Ortsteil, der später Neu-Kissing heißen wird. Von oben betrachtet, erweckt das Ergebnis dieser Planung heute den Eindruck, als  habe nirgendwo in Deutschland eine funktionalistischere Stadt- bzw. Ortserweiterung stattgefunden als in Kissing. Nirgendwo scheinen die Entwicklungslinien der Plan-, Flüchtlings-, Siedlungs- und „gartenstadtähnlichen“  sowie fordistischen Gestaltungsmuster deutlicher zusammenzufließen als hier.

Westlich der Münchner Straße das Gewerbeviertel, östlich davon, zunächst fein säuberlich getrennt vom Wirtschaftsraum, die „Wohneinheiten“. Dazu kam das System der vielerorts schon fast rechtwinkligen Anordnung der Straßen – geradezu die Erfüllung des Wunschtraums des Funktionalisten. Und alles ist sehr „raumoffen“ angelegt.

Das Muster der Straßenführung war an vielen Stellen für den Neuort durch die lineare Anlage der Flüchtlingsbaracken bereits vorgegeben.  Flüchtlinge sollten so  schnell wie nur möglich ein Dach über dem Kopf erhalten. Was scheint sich bei improvisatorischer und sporadischer Planung mehr anzubieten, als geradliniges Vorgehen – wie bei John Randel? Wer schnell handeln muss, folgt keinen komplizierten und umständlichen Lösungsmodellen. Das „raumoffene“ und quadratische Planungsmuster lag zudem in dieser Zeit geradezu ´in der Luft´.

Auch die „Garden City“- Konzeptionen hatten zwischenzeitlich eine erstaunliche Weltreise hinter sich gebracht, auf der sie im fernen Australien mit den Quadratmustern der Einwandererstadt zusammentrafen.

Hier, auf dem fünften Kontinent, hatte in der damaligen Kolonie von Victoria eine regelrechte ´Bevölkerungsexplosion´ stattgefunden. 1835 erst war Melbourne gegründet worden. Hinter Sydney, der zuerst  als Sträflingskolonie von Europäern in Australien gegründeten Stadt, schien sie weit zurückzuliegen. Doch von 1850 bis 1861 verdreieinhalbfachte sich die Einwohnerzahl hier, bis 1891 wuchs sie noch einmal um mehr als das Vierfache an.[8]

Die Goldfunde nördlich von Melbourne zogen seit Mitte der 1850er Jahre immer mehr Menschen in die Kolonie.[9] Doch die Stadt blieb nicht nur eine Übergangsstation zwischen dem Hafen und den Goldfeldern. Wirtschaftszweige entwickelten sich in der Folge des Goldrausches, zuerst in den verarbeitenden Gewerbezweigen, die mit dem Edelmetall zu tun hatten, dann in weiteren Branchen, die mit den ersteren ökonomisch zusammenhingen, und dann weiter und immer weiter, in rasanter Geschwindigkeit. Banken siedelten sich an, das kleine Dorf Melbourne, das es 1850 noch gegeben hatte, wurde zur Wirtschaftsmetropole des fünften Kontinents.

Diese Abbildung stammt aus der 4. Auflage des Meyers Konversationslexikons (1885–90). Das Urheberrecht ist erloschen, die Inhalte sind gemeinfrei.;https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Karte_Melbourne_MKL1888.pngWieder musste alles sehr schnell gehen. Was folgte, ist fast zu erahnen: Der Rückgriff auf das Schachbrett.

Doch war es nicht nur geometrischer Funktionalismus, der die Planer von Melbourne vorantrieb. Die alten Wunschvorstellungen von der Stadt als einem kleinem Kunstwerk kehrten am Yarra River zurück. Eine gefällige Wohnstadt sollte die Neugründung werden, große Grünanlagen, viele kleine ´englische Gärten´ sollten zwischen den Stadtvierteln liegen. Breite Alleen wie die Collins Street – durch die die alten Trambahnen bis heute fahren - sollten für ein  ansprechendes Ambiente im Stadtleben sorgen. Auch die Architektur selbst folgte bewusst victorianischen Vorbildern aus dem Mutterland.  Man plante hier für die Wirtschaft, für das demographische Wachstum, aber auch und zuletzt für den Menschen. Das zeigt sich auch im Stadtteil „Garden City“, wo zwei planstädtische Ideenstränge zusammenfließen. Auf dem Reißbrett geboren, ist „Garden City“ eine Plan-, Zuwanderer-, Kleinsiedlungs-, Garten- und auch eine Sozialstadt

Auf die Jahre des Aufbruchs folgte in den 1890er Jahren in Australien der Beinahe-Zusammenbruch der „kolonialen Depression“. Massenarbeitslosigkeit und Massenarmut prägten die gesellschaftlichen Verhältnisse bis über die Zeit der Depression hinaus: Aus vielen Vorstadtbezirken wurden Slums, Elendsquartiere.[10]

In Melbourne hatte jetzt die Stunde der Sozialstaatsplaner wie auch der Stadtplaner geschlagen. Die Metropolitan Town Planning Commission und die State Savings Bank machten sich in Kooperation an die Verwirklichung einer Vision, deren Vater  Ebenezer Howard gewesen war. Die Slum Clearance – Programme in ihrer Gesamtheit fielen in die Zuständigkeit der Bundesstaaten – hier in die von Victoria. Auch die Regierung des Bundesstaates schob die Wohnbauprogramme mit an. Aus Armutsbehausungen sollten schmucke grüne Wohngegenden werden, aus Bretterbuden ansehnliche Häuschen.

Jeder Arbeiter sollte die Möglichkeit erhalten, in einem kleinen Häuschen mit grünem Vorgarten und einem Stück Natur leben zu können, so hatte es Howard angedacht. Ab 1926 sollte dieser Gedanken umgesetzt werden in der „Garden City“ von Melbourne.

Doch das genossenschaftliche Modell Howards wird sich auch hier nicht in Gänze durchsetzen lassen. Wie bei den Kleinsiedlungen in Deutschland gilt als Zielrichtung: Die „Gartenstadt“ auf dem fünften Kontinent soll den Arbeitern den Weg zum Wohnungs- bzw. Hauseigentum ebnen. Möglich wird das durch die Zusammenarbeit zwischen der State Bank und der bundesstaatlichen Planungskommission. Dadurch ergab sich für viele Anwärter die Möglichkeit, Darlehen zu äußerst günstigen Konditionen aufnehmen zu können. Zentraler Bauherr blieb zunächst der Bundesstaat. Er nimmt die Anleihen auf, sucht die „Familien … in benachteiligten Umständen“ aus, die zu Nutznießern des Siedlungsprogramms und zu späteren Eigentümern der „Arbeiterhäuschen“, der „workers´cottages“ werden sollen. „Garden City“ in Melbourne gilt heute als ein Vorzeigemodell für „residential town planning“ in ihrer gelungenen – und auch optisch ansprechenden – Form.[11]

Im Nachkriegsbayern wird nach 1945 bei vielen Siedlungsprojekten die Landesbodenkreditanstalt die Rolle einer State Bank, die Rolle des Kreditgebers bei der Schaffung von Eigenheimen für Benachteiligte – in diesem Falle dann Flüchtlinge und Vertriebene – übernehmen. Ortsplaner, Kommunen, die Landeskreditanstalt und schließlich auch ausführende Gesellschaften und Organisationen wie z.B. die Bayerische Landessiedlung schaffen neue Siedlungsgebiete im ganzen Gebiet des heutigen Landkreises Aichach-Friedberg.

Die Kleinsiedlungen der Nachkriegszeit sollen wie in der Weimarer Republik der Selbstversorgung der Siedler dienen.  Das geht nicht ohne das grüne Element in der Gesamtplanung. Hier wie in Australien kommt damit letztlich wieder Ebenezer Howard zum Zuge – wenn auch nicht zur Gänze.[12]

Nach 1945 wird das Zusammenfließen all dieser unterschiedlichen Ideenstränge bei der Schaffung von Wohnraum angesichts des Zustroms von Vertriebenen eine zentrale Rolle bei der Erschließung neuer Wohngebiete auch in Schwaben und im Raum südöstlich von Augsburg spielen. Die „Schwabensiedlung“ ist nur eine von diesen Organisationen, nördlich von Mering wird 1955 die Siedlergemeinschaft St. Afra gegründet, in Aichach entsteht eine „Gemeinnützige Baugenossenschaft“, in der dann auch Vertriebene eine zentrale Rolle spielen. Im Landkreis Friedberg bemüht sich die Baugesellschaft „Christvolk baut auf“ im Auftrag der katholischen Kirche um die Schaffung von Eigenheimen für Familien.[13]

Das alles und damit der Kleinsiedlungsbau der Nachkriegszeit sind ein klassischer Rückgriff auf die Reichskleinsiedlung der Weimarer Republik. Doch ist dies auch in Neu-Kissing so? „Mit dem II. WoBauG ab 1956 ( d.h. mit dem Wohnbaugesetz von 1956 und damit mit der Förderung des Eigenheimbaus durch den Bund,  Anm. d. Verf.) … verlor der Kleinsiedlungsbau rasch an Gewicht und sank in der Folgezeit fast zu Bedeutungslosigkeit ab“ , so schreibt Tilman Harlander.[14] Der Betrachter steht zunächst etwas ratlos da. Wurde Neu-Kissing nicht erst nach 1956 errichtet?, und: Diente der Kleinsiedlungsbau denn nicht auch der Schaffung von Wohneigentum?

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Schröteler-von Brandt, Hildegard, S. 186.

[2]Siehe dazu den Beitrag „Bausparen ist Tradition. Wie entstand Bausparen“ auf den Internetseiten von Schwäbisch Hall sowie ebenfalls im Internet: Universität Greifswald. Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät. Projekte 2011-2015. Stichwort: Devaheim.

[3]Schröteler-von Brandt, Hildegard, S. 187.

[4]Schröteler-von Brandt, Hildegard, S. 187.

[5]Hallabrin, Otto: Die Aufbauleistung und die Integration der Vertriebenen in Augsburg in den Jahren 1945 – 1955, S. 102 u.  S. 117.

[6]Gespräch mit Reinhard Elbl, geführt am 13.9.2017 im Gemeindearchiv von Kissing.

[7]Schröteler-von Brandt, S. 231.

[8]Zur Bevölkerungsentwicklung siehe: McDonald, Peter: eMelbourne. The City past & present. Demography, in: The Encyclopedia of MelbourneOnline.

[9]Siehe hierzu: Münch-Heubner, Peter L.: Sanfter Paternalismus. Entstehung, Geschichte und Gegenwart des Sozial- und Interventionsstaates in Australien, S. 31f.

[10]Zur „Colonial Depression“ siehe: Münch-Heubner, Peter L., Sanfter Paternalismus, S. 42ff.

[11] Garden City 3207, http://onlymelbourne.com.au/garden-city-3207, abgerufen am 1.4.2017.

[12]Zur Geschichte der „Gartenstadt“ in Deutschland siehe: Will, Thomas/Lindner, Ralph (Hrsg.): Gartenstadt. Geschichte und Zukunftsfähigkeit einer Idee, Dresden 2012.

[13]Siehe:  Bauch, Richard: Flüchtlinge und Heimatvertriebene im Landkreis Aichach -  Friedberg, Aichach 1990, S. 204ff.

[14]Harlander, Tilman: 2. Kleinsiedlung und Selbsthilfe im Wiederaufbau, in: Gödde, Hermann/Harlander, Tilman/Hater, Katrin: «Siedeln tut Not». Wohnungsbau und Selbsthilfe im Wiederaufbau, Aachen 1992, S. 20.

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