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Neu-Kissing: Siedlungsbau im Übergang von der Kleinsiedlung zum modernen Eigenheimbau

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch – Heubner

Reinhard Elbl spricht von der „Siedlerarchitektur“, die bei der Ortserweiterung Kissings zum Zuge kam und er spricht auch von jenem „Siedlerhaus“, das Modell für den Hausbau in Neukissing wurde.[1] Dieses Siedlerhaus ist identisch mit jenem der Kleinsiedlungsprogramme zum Ende der Weimarer Republik.

Die Grundlinien des Reichskleinsiedlungsbaus, so wie sie ihre Fortsetzung nach 1949 wieder fanden, waren im Oktober/November/Dezember 1931 mit den entsprechen „Richtlinien“ geschaffen worden. Die zentrale Verantwortung für das Programm lag bei einem speziell hierfür ernannten Reichskommissar. [2]

Ziel war die Ansiedlung Erwerbsloser, deren „Seßhaftmachung“ und „die Bereitstellung von Kleingärten“, in denen die Neusiedler zu ihrem Unterhalt beitragen konnten. Auch beim Bau des Kleinsiedlerhauses sollten sie mitarbeiten.

Die „Eckpunkte“ des Programms waren:

„-die finanzielle Förderung durch das Reich
- die zentrale Organisation durch den Reichskommissar- die Nutzung von Siedlungsland öffentlich-rechtlicher Körperschaften,
- die persönliche Eignung und die Selbsthilfe der Siedler,
- die Möglichkeit der Eigentumsbildung in Siedlerland“[3]

Billiges Bauen war gefragt und so wurden schon vom Beginn an „einheitliche Typenpläne“ zum Charakteristikum der Kleinsiedlungen und ihrer Häuserstrukturen. [4]

aus: "Siedeln in der Not" auf S. 188 (GFA = Garten- und Friedhofsamt Düsseldorf), zit. in: Harlander, Tilman u.a.: Siedeln in der Not, Hamburg 1988, S. 188

GFA = Garten- und Friedhofsamt Düsseldorf), zit. in: Harlander, Tilman u.a.: Siedeln in der Not, Hamburg 1988, S. 188

Obwohl explizit nicht von den „Richtlinien“ gefordert, griffen die Siedlungsplaner bei ihren Anlagemustern auf geometrische Formen zurück.

In den von Harlander/Hater/Meiers in ihrem Buch abgedruckten Musterplänen für Kleinsiedlungen aus ganz Deutschland zeigt sich überall deutlich ein geometrisches Anordnungssystem -  und alle Grundstücke bzw. „Siedlerstellen“ waren immer gleich groß. [5]

Hatte Tomas Morus hier nicht einen späten Sieg gefeiert?

Um das Aussehen des Siedlerhauses gab es zwar einen Wettbewerb. Das siegreiche, uns hier schon bekannte Modell aber wurde mit gewissen Variationen zum Einheitsmodell, das den Siedlungsbau auch der Nachkriegszeit und damit auch den in Kissing prägen sollte.

Siedlerhäuser in Lohhof - Unterschleißheim:

Siedlerhaus in Lohhof - Unterschleißheim

Siedlerhäuser in Lohhof - Unterschleißheim

 

Siedlerhäuser in Kissing:

Siedlerhaus in Kissing

Siedlerhausreihe in Kissing

Die „aufgelockerte“ Siedlungsweise ist über die Jahre hinweg genau so erkennbar wie der Selbstversorgungsgarten. Hatte hier nicht Ebenezer Howard seine Spuren hinterlassen?

Politisch aber blieb es erst einmal allemal. Schon in Weimar galt das Projekt  als Bollwerk gegen den Kommunismus. In Zeiten des Kalten Kriegs hören sich die Ausführungen der Kleinsiedlungsbefürworter ähnlich an wie in den Jahren vor 1933.

„Krisensicherung, Eigentumsbildung, Entproletarisierung, Verwurzelung mit dem Boden“, dies waren, ähnlich wie in den Weimarer Jahren, die Schlagworte der Kleinsiedlungsbewegung. So sollte hier gerade der „Besitzlose durch Sparen, Selbsthilfe und öffentliche Förderungsmittel zum Eigenheim gelangen.“ Und: „“Das Siedlungshaus mit Garten ist nach jeder Richtung hin als die glücklichste Verwirklichung des Familienheimgedankens anzusehen“, die die Menschen von den Verlockungen des „Radikalismus von Rechts und Links“ bewahren könne.

Doch die „wichtigste soziale Zielgruppe“ dieser Programme der eigentumsorientierten  Sozialsiedlung waren nun nicht mehr die Arbeitslosen der Weltwirtschaftskrise, „sondern die von den Folgen des Krieges unmittelbar betroffenen Ausgebombten, Flüchtlinge, Vertriebenen etc.“[6]

Träger der Idee waren die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen und ihre Interessenvertretungen. So entstand auf kirchlicher Seite der Katholische Siedlungsdienst. Die katholische Kirche nahm sich der Konzeption an, weil sie in der langfristig geförderten Eigentumsbildung auch eine Unterstützung der Familienförderung sah: „Es schwebt uns als Hauptaufgabe ja vor, eine Heimsiedlung mit einem bescheidenen Haus und einem dazugehörigen Stück Land, auf dem die Familie sich entfalten und mit Fleiß und Ernst durchkommen kann.“[7]

Siedlungshäuser in Haunstetten

Foto: Dr. Münch-Heubner

Siedlungshäuser in Grünwald

Foto: Münch-Heubner

Im Landkreis Friedberg wurde „das Siedlungsprojekt ´St. Benedikt´ … von der christlichen Baugenossenschaft ´Christvolk baut auf´ initiiert.“ Die Genossenschaft hatte sich in ihrem Programm vorgenommen, die Grundlagen für ein „gesundes Wohnen als Voraussetzung für ein gesundes Familienleben im Sinne der christlichen Weltanschauung“ zu schaffen. „Christvolk baut auf“ „steuerte“ selbst Gelder zur Baufinanzierung bei, Staatskredite kamen hinzu sowie Zuschüsse „aus der Soforthilfe“. „Bereits nach drei Jahren konnten die Siedler Eigentümer werden.“[8]

Aber auch auf z.B. gewerkschaftlicher Seite gab es Zuspruch für den Kleinsiedlungsbau. Auch wenn man hier vor allen Dingen auf den sozialen Mietwohnungsbau setzte, so befürwortete etwa die IG Bergbau explizit diese Form von Wohnbauprogrammen. Die Gewerkschaft hatte selbst Umfragen „unter Bergleuten“ durchführen lassen, welche zu dem Ergebnis kamen, „daß unter der Bergarbeiterschaft ´der Wille zum Eigenheim nicht nur vorhanden ist, sondern in überragenden Maß´ existiere.“[9]

Vor allen Dingen an Rhein und Ruhr, im Kohlerevier hatte der Kleinsiedlungsbau eine lange Tradition. Von den in der Weimarer Republik geschaffenen “Siedlerstellen“ - dies war die offizielle Bezeichnung für die den späteren Besitzern zugewiesenen Parzellen in den Siedlungen – entfielen  rund 10 % auf den geographisch zwar kleinen, als Bergbauregion aber dicht besiedelten „Ruhrkohlenbezirk“. Hier entstanden damit fast genau so viele Siedlerhäuser wie in ganz Bayern. Zusammengenommen mit der Rheinprovinz, die wie der Ruhrkohlenbezirk damals zu Preußen gehörte und neben dem westlichen heutigen Nordrhein – Westfalen auch das nördliche heutige Bundesland Rheinland Pfalz umfasste, wurden hier im Kohlenpott ca. 19% aller Siedlerhäuser in ganz Deutschland erbaut.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten sich CDU und CSU für die Kleinsiedlung ein, am Anfang auch die SPD. 1950 erklärten die Sozialdemokraten ihre „volle Zustimmung“ zur Kleinsiedlung.[10] Mit der Zeit aber musste die Kleinsiedlung mit dem Eigenheim und der sozialen Mietwohnung konkurrieren – und unterlag.

Doch wo sind die Trennlinien zwischen diesen Konzeptionen zu ziehen? Beim Unterschied zwischen Eigenheim und Mietwohnung sind sie klar. Doch die Kleinsiedlung bleibt facettenreich und in ihrer Entwicklung trotz aller generalisierender Grundkonzepte historischen Veränderungen unterworfen. Und in unserem Kontext gefragt: Wo gehört Kissing in der Geschichte des deutschen Siedlungsbaus genau hin?

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Gespräch mit Reinhard Elbl, geführt am 13.9.2017 im Gemeindearchiv von Kissing.

[2]Harlander, Tilman/Hater, Katrin/Meiers, Franz: Siedeln in der Not. Umbruch von Wohnungspolitik und Siedlungsbau am Ende der Weimarer Republik, Reihe Stadt – Planung – Geschichte Bd. 10, Hamburg 1988, S.27 f. u. S. 68ff.

[3]Harlander/Hater/Meiers, Siedeln in der Not, S. 68f. Allerdings konnte der Siedler auch als „Pächter“ oder als „Erbbauberechtigter“ auftreten. Zentral anvisiert aber wurde als Ergebnis die Eigentumsbildung.

[4]Harlander/Hater/Meiers, S. 45

[5]Siehe Lagepläne bei Harlander/Hater/Meiers, S. 89ff.

[6]Harlander, Kleinsiedlung und Selbsthilfe im Wiederaufbau, S. 20 u. S. 22.

[7]Zitiert bei Harlander, Kleinsiedlung und Selbsthilfe im Wiederaufbau, S. 25.

[8]Bauch, Richard: Flüchtlinge und Heimatvertriebene im Landkreis Aichach-Friedberg. S. 207f.

[9]Harlander, Kleinsiedlung und Selbsthilfe im Wiederaufbau, S. 29.

[10]Zitiert bei Harlander, Kleinsiedlung und Selbsthilfe im Wiederaufbau, S. 28.

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