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Hintergrundinformation zur Entstehung von Planstädten

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch – Heubner

Als John Randel Jr. 1807 mit der Aufgabe betraut wird, in einem bis dahin unbebauten Gebiet eine neue und große Stadt zu errichten, sieht er große Schwierigkeiten auf sich zukommen. Südlich des Planungsgebietes gibt es bereits eine Stadt  -  früher New Amsterdam genannt, weil die Holländer hier zuerst da waren -  in die massenhaft Einwanderer strömen, in der der Wohnraum unerträglich eng geworden ist und die sozialen und hygienischen Verhältnisse die Grenze des Zumutbaren weit überschritten haben. Die alte City ist nicht mehr in der Lage, die vielen Zuwanderer aufzunehmen. Von 1771 bis 1809 hat sich ihre Einwohnerzahl schon vervierfacht, in naher Zukunft wird angesichts der anhaltenden Immigration von einer Einwohnerzahl bis zu einer Million ausgegangen. Unter diesen Umständen soll Randel eine neue Stadt für diese Millionenmenge errichten, die erwartet wird. Das soll auch noch schnell geschehen. So greift der Stadtplaner zum Lineal und überzieht seinen Plan einfach mit geraden Linien von oben nach unten,von rechts nach links, mit Rechtecken in der Gesamtheit. Er zieht seine Geraden quer durch Wiesen und Felder und auch durch Sumpfgebiete hindurch . Es entsteht ein „grid pattern“. In den Rechtecken sollen so gut wie gleich aussehende Häuserblocks – der Begriff Block wird hier im reinen Sinne verstanden als ein Gleicher unter vielen – gebaut werden. Als der Architekt seiner Stadtplanungskommissiocopyright: Ester Inbar, http://commons.wikimedia.org/wiki/User:STn und seinem Bürgermeister seinen später berühmten Randel-Plan vorlegt, liegt vor ihnen der Entwurf für eine neue Einwanderer - und Wirtschaftsmetropole, liegt vor ihnen der Entwurf von Manhattan.[1]

Die geometrische Struktur soll nicht nur schnelle und effektive Bebauung ermöglichen, in der Stadt selbst soll sie dann auch der Schaffung „bequemer Handelswege“ dienen. Auf einer Halbinsel gelegen, in einer Hafenstadt, soll der Transport von Waren und Produkten schnell und reibungslos erfolgen können. Auch das war ein Schritt auf dem Weg des städteplanerischen Funktionalismus.

In der Schnelle der Planung gibt Randel den Straßen auf seinen Skizzen auch keine Namen, er zählt sie einfach durch. Aus der Notlösung, aus dem Provisorium ist später ein Charakteristikum für New York geworden, das auch andere amerikanische Städte übernehmen werden.

Hat Randel die Stadt der geometrischen Anordnungsmuster erfunden, hat er andere Ideen aufgegriffen? Oder haben ähnliche Ausgangsbedingungen ähnliche Lösungsansätze bedingt? Mit Sicherheit können wir diese Frage nicht beantworten, denn Planstädte hat es seit dem Beginn der Neuzeit schon einige gegeben – und auch schon in der Antike. Gewandelt aber hatte sich über die Jahrhunderte hinweg die Funktion, der sie dienten und dienen.

Manhattan/New York war nicht der erste Fall einer verwirklichten Planstadt – Konzeption auf dem amerikanischen Kontinent. In der Geschichte der Vereinigten Staaten war New York nicht die erste geometrisch angelegtLizenz: openstreetmap.org; Dr. Blofeld [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)]e Planstadt, sondern zeitlich nur ganz kurz zuvor die Bundeshauptstadt Washington D.C. Doch Washington sollte keine Einwandererstadt sein und werden, Bau und Planungskonzept waren von Anfang an auf eine begrenzte Zahl von Menschen und Einwohnern angelegt.

Im Falle der ´geplanten´ neuen US-amerikanischen Bundeshauptstadt diente die Rasterplanung bei den Straßenzügen repräsentativen Aufgaben. Die Vereinigten Staaten waren und sind eine Republik. Doch Washington stand bei seiner Gründung -  bis heute auch in seinem Stadtbild erkennbar - für den Wunsch der jungen Demokratie, sich nach außen auf gleicher Augenhöhe mit den Monarchien des alten Europa messen, präsentieren und repräsentieren zu können. Allein Capitol Hill setzte ein Signal für diese neue republikanische Selbstbehauptung in einer damals noch Welt der Königsherrschaften[2]. Man wollte mit den alten Monarchien des europäischen Kontinents in Glanz und Glorie gleichziehen – und sie vielleicht dabei sogar ein klein wenig übertreffen. Und so sollte auch das Stadtplanungskonzept für Washington Elemente royaler monumentaler Selbstdarstellung und deren Symbolik enthalten. Washington D.C. stellt bis heute auf seinem Stadtplan eine kongeniale Mischung zweier Planstadt-Konzepte dar, deren Wurzeln wir in Deutschland finden können. Washington erscheint wie eine Planstadt-Mischung aus Karlsruhe und Mannheim, eine Mischung aus bürgerlich-republikanischem Quadratmuster und fürstlichem Radialsystem. Pierre Charles l´Enfant, dem ersten Planer der neuen amerikanischen Bundeshauptstadt, der aus Frankreich in die USA gekommen war, lagen bei seinen Entwürfen Stadtpläne vor, die der spätere US-Präsident Thomas Jefferson von seinen Reisen aus Europa und u.a. auch aus Deutschland mitgebracht hatte.[3]

Mitunter sind die Wege eines Ideentransfers eben doch sehr gut nachzuvollziehen.[4]

Es gab sie am Anfang tatsächlich beide, die fürstliche und die bürgerliche geometrische Planstadt. Die fürstliche wird mit der Zeit verschwinden, die bürgerliche bleiben, dies vor allen Dingen als Flüchtlings- und Zuwandererstadt. War für Randel das Lineal der Ausgangspunkt seiner Planungsmuster, so stand am Beginn der Entstehung der Stadt Karlsruhe ein in die Geschichte eingegangener „Zirkelschlag.“

Ein „kreisförmiges Wegenetz“, ein „Strahlensystem“ soll in der Planstadt Karlsruhe den „absoluten Herrschaftsanspruchfreie Nutzung; Quelle: http://www.karlsruhe-antiquarisch.de/Plane_/Heinrich_Schwarz_koloriert/heinrich_schwarz_koloriert.html“ des Fürsten unterstreichen.  Das ganze ist wie „ein barockes Theater“ inszeniert, in der Mitte das Schloss des Fürsten, von dem alle Strahlen der Sonne ausgehen und über allen Einwohnern der Stadt sich erheben. Man ahnt an dieser Stelle: Es geht hier um den absolutistischen Anspruch des allein herrschenden Fürsten, kopiert wird hier „das Strahlensystem von Versailles“, angelehnt ist diese Stadtplanung an ein konkretes politisches monarchisches Selbstverständnis, an die Erhebung des Herrschers zum Zentrum eines Planetensystems gemäß des französischen ´Sonnenkönigs´ Ludwigs XIV.

Auch das Fürstenschloss in Karlsruhe ist jene Sonne, deren Strahlen in die neue gegründete Residenzstadt hinein leuchten sollen. „Gestaltungsspielraum gibt es nicht – der Stadtgründer bestimmt die Geschosshöhe, die Fassadengliederung und den Grundriss der Häuser.“ Zeitnot oder der Gedanke an eine etwaige Gleichheit aller Stadtbürger sind es nicht, die diese Uniformität bedingen: „Streng hierarchisch gestaffelt, soll die ständische Ordnung auch an der Architektur abzulesen sein“. Den Ständen im Fürstentum werden spezielle Wohnviertel zugewiesen, die hierarchische Ordnung, der ständische Aufbau der Gesellschaft soll so im Stadtplan seinen Niederschlag finden. [5]

Stadtplanung als gesellschaftspolitisches Programm, das steht am Beginn der Planstadtkonzeptionen in der Neuzeit. Doch es gab eben unterschiedliche Programme, ein königliches und ein früh – demokratisches.

Mit dem Beginn der Renaissance, mit der „Wiedergeburt“ bzw. Wiederanknüpfung an antikes Gedankengut – wie die griechische Philosophie – kehren im 15. und 16. Jahrhundert auch alte Stadtplanungsmuster aus der Welt der Griechen und Römer zurück. Die liebten auch schon die Geometrie und machten sie zur Grundlage mancher Stadtplanung – nicht immer, die Römer bevorzugten sie in erster Linie im Rahmen der Anlage von Militärlagern und Garnisonsstädten. Jetzt, am Beginn der Neuzeit, wird dieses „rationale Ordnungsmuster“ aus alter Zeit zum Grundkonzept einer neuen „Staats- und Sozialutopie“. [6]

Vor allen Dingen aus den Stadtrepubliken Norditaliens kommen zuerst Denker und Staatsphilosophen, die den Gedanken der geometrischen Stadtplanung mit dem der gleichberechtigten Bürgergesellschaft in Verbindung bringen und so die neue Konzeption von der „Idealstadt“ in einer Gesellschaft der Gleichen entwickeln. Es ist kein Zufall, dass die ersten gedanklichen Spielvarianten für die neue „Idealstadt“ aus jenen Regionen Europas kamen, in denen die Ansätze zur Entwicklung demokratischer Mitbestimmung des Bürgertums am Beginn der Renaissance bereits vergleichsweise fortgeschritten waren: Aus Norditalien und daneben auch aus England. „Sozialutopie und Stadtbaukunst“ verbinden sich hier miteinander, ebenso wie die Renaissance als Ära großen künstlerischen Schaffens in der Malerei, der Bildhauerei, der Dichtung (Leonardo da Vinci, Michelangelo  etc.) gilt, bringt sie auch die Idee „von der Stadt als Kunstwerk“ hervor. Leon Battista Alberti schuf zur Mitte des 15. Jahrhunderts sein Werk der „Zehn Bücher über die Baukunst“ , in denen er über „die einer Republik angemessene Stadtplanung“ schrieb. „Gesellschaftsentwürfe“ und „Stadtstruktur“ wurden miteinander in Verbindung gebracht.[7] Die alte Stadt des Mittelalters – beengt, unwohnlich, in deren Häuser  kaum ein Sonnenstrahl eindrang, in der es bestialisch stank, in deren kleinen Gassen oft zwei Menschen nicht aneinander vorbei kamen und in die hinab aus den Fenstern menschliche Veräußerungen flogen, in der keine Hygiene herrschte und in der der Mensch kümmerlich existierte und nicht lebte, - sollte verschwinden.

Filarete entwarf zur Mitte des 15. Jahrhunderts den Plan seiner „visionären Idealstadt.“ „Kanäle“ und ein „Ringkanal“ lassen bereits erste konkrete Gedanken über eine geregelte Wasserversorgung und Abwasserentsorgung erkennen. Doch zuerst blieben die Entwürfe Visionen. [8]

Das galt auch für eine andere „Sozialutopie“, die aus England kam und von Thomas Morus bzw. Thomas Moore stammte. Morus erlangte Berühmtheit als Gegenspieler von Heinrich VIII. bei dessen Plan, sich seiner Frauen durch Hinrichtung zu entledigen. Dem blutrünstigen royalen Frauenmörder Heinrich fiel dann auch noch das Leben von Thomas Morus selbst auf dem Schafott zum Opfer, eben weil dieser Heinchrichs unliebsame Praxis, Ehescheidungen durch den Henker vollstrecken zu lassen, nicht hinnehmen wollte. Doch der Lordkanzler verlor die Machtprobe mit dem König.

1516 veröffentlichte Morus, als Lordkanzler von England noch am Leben, sein Buch „Utopia“. Es war eine Utopie, ein Traum von einer zukünftigen Stadtgesellschaft, die Morus da zu Papier gebracht hatte. Doch in keiner Darstellung der Geschichte der Planstadt bzw. der Stadtentwicklungsplanung darf sie fehlen, denn das Saatgut seiner Ideen sollte später in unterschiedlichen Variationen dann doch noch aufgehen.

Bezogen auf die Zukunft des Königreichs, schwebte Morus „die ideale Gesellschaft … mit 54 gleichförmigen, quadratisch angelegten Städten“ vor.[9]

Alle Städte sollten „dasselbe Aussehen und dieselben Einrichtungen“ haben, das Element Grün sollte schon eine Rolle spielen und die Idealgesellschaft von Morus sollte eine „ohne Privateigentum“ sein.

Wer zynisch denkt, zieht da schon im Kopf eine – historisch gedacht nicht angebrachte – Linie von Morus zu den Plattenbauten des Sozialismus. Tatsächlich schreibt auch Hildegard Schröteler-von Brandt, dass „´Utopia´ bereits kommunistische Grundzüge in sich“ trug. Morus aber war überzeugter Christ, der seine Position Heinrich gegenüber mit seiner Glaubensüberzeugung begründete.

„Utopia“ ist im Kontext der Zeit der Entstehung des Textes zu sehen und damit „vor dem Hintergrund des niedergehenden Feudalsystems und der Stagnation der mittelalterlichen Zunftwirtschaft.“ Karl Marx war noch weit weg, es ging um „ein neues Gesellschaftsbild“ und Vertretern der neuen Idealstadt wie Morus einer war, schwebten auch Visionen einer christlichen Urgesellschaft vor Augen – so, wie sie sie sahen. Es ging - wie schon betont - um einen radikalen Bruch mit der mittelalterlichen  Stadt.[10]

Doch es blieb ein Faktum: Die Idee der Planstadt wird mit dem Konzept einer gewissen Gleichförmigkeit im geometrischen Aufbau des Stadtgrundrisses und in der architektonischen Gestaltung der Bauten und Häuser verbunden bleiben - bis hin zu den Kleinsiedlungsplanungen im 20. Jahrhundert.

Die Quadrate entwickelten sich immer mehr zum Kennzeichen der bürgerlichen Planstadt als Symbol der Gleichheit. In Paris greift nach 1848 der Neffe Napoleon Bonapartes, als Kaiser Napoleon Bonaparte III im Rahmen seiner radikalen Stadterneuerung noch einmal auf das  fürstliche Radialsystem als Anlageplan zurück. Das Ganze unterstreicht seinen „autoritären, imperialistischen Kurs“. Radikal bleibt diese Erneuerung, denn in der Regel entstehen Planstädte als neue Städte auf bis dahin unbebautem Boden. Doch Kaiser Napoleon III. lässt das ganze alte Paris abreißen und eine neue französische Hauptstadt auf den Trümmern der alten errichten. Ironie der Geschichte: Was zum Symbol des „Second Empire“, des „Zweiten Kaiserreichs“[11] werden sollte, wurde dann zum Vorzeigeobjekt der späteren französischen Republik, bzw. der nachfolgenden Republiken. Und der im Kern der Stadtplanung, im Kern des sternenförmigen Strahlensystems  angelegte „Place de l´Etoile“, der ´Platz des Sterns´, der im Zentrum des kaiserlichen Strahlensystems lag und heute noch liegt. wurde mehr als ein Jahrhundert später zum „Place Charles de Gaulle“, zum Platz eines republikanischen Präsidenten. Das Ideal der fürstlichen Radial – Planstadt aber war schon zur Mitte des 19. Jahrhunderts längst in die Jahre gekommen.

Ein deutscher Fürst – das wirkt wie ein weiterer Widerspruch – war aber lange zuvor zum Architekten und Planer einer bürgerlichen Plan-/Idealstadt geworden, deren Spuren bis in die Gegenwart führen. Von Mannheim aus lassen sich diese Spuren bis in das 20. Jahrhundert und bis zur Zuwanderer- und Flüchtlingsstadt der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verfolgen.

Urheber: Bürgermeisteramt Ludwigshafen, Immanuel Giel at de.wikipedia; https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:MannheimRheinschanze.jpgDieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.Mannheim, das ist bis heute die „Stadt der Quadrate“. Kurfürst Friedrich von der Pfalz gründete im Jahre 1606 das neue Mannheim und seine Stadtplanung folgte dem „Schachbrettmuster der Bürgerstadt“.[12] Warum tat der Kurfürst dies?

Der Kurfürst war sich wohl nicht nur allein der Tatsache bewusst, dass das Zeitalter der allein herrschenden und sich selbst glorifizierenden Sonnenkönige sich irgendwann ihrem Ende nähern wird. Wichtiger war für ihn: Er dachte modern ökonomisch-rational, mit wirtschaftlicher Vernunft. Und er dachte an das, was für ihn wirtschaftlichen Aufschwung versprach, an Zuwanderer aus Frankreich und aus den Niederlanden.

Die Zeit, in der Friedrich von der Pfalz lebte, war eine Zeit gewaltiger Bevölkerungsbewegungen in Europa, die in Zusammenhang standen mit der religiösen Spaltung des Kontinents.

Das Prinzip des Augsburger Religionsfriedens von 1555 - „cuius regio eius religio“[13] - was bedeutete, dass die Landesherrn nun ihre Religionszugehörigkeit, ob katholisch oder protestantisch, selbst wählen konnten, ihre Untertanen aber nicht - führte mit dem Beginn des 17. Jahrhunderts zur ersten großen Welle von Flucht und Vertreibung in der neuzeitlichen Geschichte Europas. Katholiken mussten protestantische Herrschaftsterritorien verlassen, Protestanten die katholischen. Mehr noch, im protestantischen Lager herrschte auch keine Einheit, lutheranische Protestanten vertrieben oft reformierte Glaubensbrüder, was zur Gründung etwa der Neustadt von Hanau führte – siehe unten.

Das alles hörte sich noch lange nicht nach Religionsfreiheit im heutigen Sinne an. Das 17. Jahrhundert wird mit diesen Vertreibungen in Europa  zur ersten großen Ära der Gründung von Flüchtlingsstädten. Denn was die einen an Menschenmassen aus Gründen religiösen Eiferertums vertreiben, wird von der jeweils anderen Seite als Chance für einen wirtschaftlichen Aufschwung begriffen. Denn die Intoleranten auf beiden Seiten verjagten aus fanatischer Blindheit  Menschen, die für die Gesellschaft, aus der sie ursprünglich kamen, von größtem Nutzen hätten sein können. Europa befand sich bereits in einer ersten großen Welle von industrieller Innovation und Erneuerung. Ihre Träger waren aber die oft in ihrer Heimat verfemten „Häretiker“.

Die Entstehungsgeschichten der „Exulantenstädte“ im Südwesten Deutschlands zeugten davon.

„Exulanten“ - das ist kein Schreibfehler, sondern die geschichtswissenschaftlich korrekte Schreibweise - [14] waren die Religionsflüchtlinge jener Tage. Im Falle von Mannheim und Neu-Hanau kamen diese in erster Linie aus Frankreich und den Niederlanden – oder einfach nur aus dem nahen Frankfurt. Sie waren oft handwerklich-industriell gut ausgebildet. Landesherrn wie Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz, die das wirtschaftliche Potenzial erkannten, das sich in dieser Gruppe von Zuwanderern/Religionsflüchtlingen verbarg und die sahen, was deren Fähigkeiten für die Entwicklungsmöglichkeiten ihrer Landesterritorien bedeuten könnten, strebten nach einer Ansiedlung dieser Menschen in ihren Ländern:

„Zentral für die Ansiedlung von Exulanten war der Innovationsschub, den sich der jeweilige Landesherr versprach. Mit den Flüchtlingen kamen Know-how, neue Wirtschaftszweige und vor allem Kapital in die Städte. So zeichneten sich niederländische Zuwanderer ´im gewerblichen Bereich durch hohe Spezialisierung und moderne, fortgeschrittene Produktionsmethoden und – techniken ´ aus.“

In Mannheim lässt der Kurfürst unterhalb der Zitadelle, die militärischen Zwecken dient – in Kriegszeiten lebt man ja auch noch – die Zuwandererstadt errichten. Die „rasterartige Anlage der Baublöcke“ prägt die Neustadt, die Mannheim berühmt machen wird. Die Stadt soll auch ein Wirtschaftszentrum werden. Neben der Quadratstruktur der Neustadt  sollen in Deutschland auch „Privilegien“ für die Neubürger helfen - wie z.B. die „Befreiung von Zöllen und Steuern“, „die unentgeltliche Bereitstellung von Bauplätzen“ und die „Aufhebung von Handelsbeschränkungen“ - die mit den Zuwanderern geschaffenen neuen Wirtschaftszweige zu fördern und den Aufstieg des neuen Handelszentrums zu begünstigen.

So wird auch andernorts in Südwestdeutschland damals gedacht. In Hanau empfängt der Landesherr Philipp Ludwig II. die aus dem nahen Frankfurt von den dortigen Lutheranern vertriebenen reformierten Protestanten mit offenen Armen. Auch sie bringen Scan des historischen Dokuments: Titel: Hanau - Auszug aus der Topographia Hassiae; http://www.digitalis.uni-koeln.de/digitaletexte.html; Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.ihre gewerblichen  Talente mit und werden vom Landesherrn in der von ihm begründeten Neustadt Hanau angesiedelt, in einem Neuort mit einem ebenfalls „schachbrettartigen Grundriss.“ [15]

Das Faszinierende an der Neustadt Hanau – aus der Sicht einer Kissinger Betrachtung – ist: Neu-Hanau und Alt-Hanau scheinen auf der Karte zueinander zu liegen wie Neu-Kissing zu Altkissing, nur in spiegelverkehrter Ausrichtung. Auch der Neuort Hanau stellt eine Ortserweiterung dar, die nicht konzentrisch um den Altort herum erfolgte, sondern sich nur in eine Himmelsrichtung hin vollzog. Beide Neuorte vereint die geometrisch – rechteckige Planungsstruktur.

Es wurde im Falle der Exulantenstädte aber auch mit anderen geometrischen Gestaltungsmustern experimentiert, wie etwa im Falle des „Mühlebretts“ von Freudenstadt. Letztlich obsiegte unter den architektonischen Brettspielen aber das Schachmuster.

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Siehe dazu u.a.: Holloway, Marguerite: The Measure of Manhattan. The Tumultuous Career and Surprising Legacy of John Randel, Jr, Cartographer, Surveyor, Inventor, 2013.

[2]Die imposante Kuppel, die heute das Bild des Kapitols prägt, wurde ihm allerdings erst in den 1850er Jahren aufgesetzt. Die alte Kuppel war deutlich niedriger und flacher und ähnelte in ihrer Form dem Aufbau einer osmanischen Moschee wie etwa dem der Haghia Sophia.

[3]Siehe dazu u.a.: Orvell, Miles/Meikle, Jeffrey L. (eds.): Public space and the ideology of place in American culture, Amsterdam/New York 2009.

[4] Zu Washington siehe auch: U.S. Department of the Interior: Washington DC. : The L´Enfant & McMillan Plans.

[5]Vaupel, Bettina: Idealstädte. Vom Reiz der Planstädte, Monumente Online, Februar 2015.

[6]Schröteler-von Brandt, Hildegard, S. 58.

[7]Vaupel, Bettina, Idealstädte.

[8]Schröteler-von Brandt, S. 60.

[9]Vaupel, Bettina, Idealstädte.

[10]Schröteler-von Brandt, Hildegard, S. 59f.

[11]Zu Paris siehe: Schröteler-von Brandt, Hildegard, S. 118ff.

[12]Vaupel, Bettina, Idealstädte.

[13]Siehe dazu: Van Dülmen, Richard: Entstehung des frühneuzeitlichen Europa, 1550-1648, Weltbild Weltgeschichte (Lizenzausgabe der Fischer Weltgeschichte, Band 24, Augsburg 1998,  S. 259.

[14]Der Begriff der „Exulantenstadt“ wurde geprägt von Heinz Stoob. Siehe dazu: Heinz Stoob: Über frühneuzeitliche Städtetypen, in: Räume, Formen und Schichten der mitteleuropäischen Städte. Eine Aufsatzfolge, hg. v. Heinz Stoob (Forschungen zum Städtewesen in Europa 1, Köln u.a. 1970, S. 246-284)

[5]Lampen, Angelika/Schmidt, Christine D.: Exulantenstadt; Universität Münster: Städtegeschichte.de;  http://www.staedtegeschichte.de/einfuehrung/stadttypen/exulantenstadt.html.

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