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Gemeinde Kissing

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Die politische Integration der Kissinger Neubürger

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch – Heubner

 

1964/65 wurde in der Gemeinde ein neues Rathaus errichtet. Sein Bau auf zu diesem Zeitpunkt „freien Feld“ zwischen Alt- und Neu-Kissing sollte den Charakter des Rathauses „als Bindeglied [1] zwischen Altort und Siedlung“ unterstreichen.

1956 war das Jahr eines entscheidenden kommunalpolitischen Umbruchs in der Nachkriegsgeschichte Kissings. Sudetendeutsche Kandidaten erzielten große Erfolge bei den Gemeinderatswahlen in diesem Jahr. In den Sitzungsberichten des Gemeinderats finden sich in den Anwesenheitslisten zuerst die Namen von Gerhard Janisch und Karl Schwarz. Karl Schwarz wird später Zweiter Bürgermeister hinter Otto Wohlmuth werden. Bei den Gemeinderatswahlen von 1966 wird auch Josef Gilch in das Gremium eintreten. Mit der Sitzungsperiode von 1972 bis 1978 kommt auch Gerhard Hlawa zum Kreis der Kommunalpolitiker sudetendeutscher Herkunft hinzu.[2]

Schon 1948 wurde Karl Schwarz, wie man aus den Archivakten erfährt, neben Josef Dimter, als „Vertreter der … Flüchtlinge“ in den Gemeindewohnungsausschuss gewählt. Zwei von sechs Mitgliedern dieses Ausschusses waren Vertriebene.[3] Ein zu diesem Zeitpunkt im landesweiten Vergleich hoher proportionaler Anteil von Neubürgern in einem kommunalen bayerischen Gremium.

Die Berührung mit der Wohnungspolitik prägt das politische Engagement der Vertriebenen in der Gemeinde. Im Zusammenhang mit der Errichtung der Gemeindeblöcke wird man die Namen von Gemeinderäten aus ihrem Kreis in den entsprechenden Quellenunterlagen finden.

Die Behebung der Wohnungsnot in Kissing war das gemeinsame Werk von Alt- und Neu-Kissinger Gemeindepolitikern. Forciert wurde die Umsetzung nicht nur der Wohnbauprojekte durch die enge Verzahnung von gemeindlicher Politik und landsmannschaftlichen Initiativen. Otto Wohlmuth war häufiger Gast bei den Vorstandssitzungen der SL Kissing. Sogar Faschingsbälle der Sudetendeutschen wurden zu politischen Kontaktbörsen im Gemeindeleben.[4] Anträge der SL-Kissing wurden im Gemeinderat in der Regel einstimmig angenommen.[5]

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft war in Kissing von Anfang an auf eine positive Außenwirkung in der Gesamt-Kissinger Bürgerschaft, auf ein konstruktives Hineinwirken in das Gemeindeleben ausgerichtet. Das war nicht überall so, an manchen Orten  in Bayern werden Ortsgruppen der SL nach der Zeit der gesellschaftlichen Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft noch für lange Jahre eher unter sich bleiben wollen. Das Bild von der In – sich - Gekehrtheit der Deutschen aus dem Osten und aus Böhmen, von deren Fixierung auf die alte Heimat und deren Verklärung als „verlorenes Paradies“, wird hier mitgeprägt.[6] In Kissing luden die Sudetendeutschen zu ihren Veranstaltungen und Festivitäten – das kulturelle Leben war hier ausgeprägt, man unterhielt sogar eine eigene Theatergruppe – immer Vereine und Organisationen aus Alt-Kissing ein. Dies unterstrich den konkreten Willen der Neubürger zur Selbsteingliederung in die Gesellschaft des Aufnahmeortes.

Das alles erfahren wir heute auch aus den Protokollbüchern der SL Kissing. Diese Bücher wurden dem Gemeindearchiv übergeben. Als historische Dokumente lagern die Sitzungs- und Veranstaltungsberichte der Sudetendeutschen nun als eigenständige „Sammlung“ hier.

Damit hat mit dieser ´archivarischen Integration´ des Beitrags der Neubürger zur Entwicklung Kissings auch auf dieser Ebene das Zusammenwachsen der beiden Ortsteile seinen Ausdruck gefunden. Integration ist in Kissing eben auf allen Ebenen gelungen.

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Hoechstetter-Müller, Adelheid, S. 24.

[2]Sehe hierzu die Einträge in den Anwesenheitslisten des Gemeinderats bzgl. der Sitzungsberichten der Ausschüsse.

[3]Gemeinderat Kissing. Der Bürgermeister der Gemeinde Kissing, Kissing, den 3.Juli 1948, Betreff: Mitteilung über die Wahl zum Gemeindewohnungsausschuß durch den Gemeinderat, Gemeindearchiv Kissing A 024.

[4]Siehe: Protokollbücher der SL-Ortsgruppe Kissing im Gemeindearchiv von Kissing, an mehreren Orten.

[5]U.a. traf dies auf die im Gemeinderat eingebrachten Anträge der SL Kissing zur Benennung von Straßennahmen zu. So wurde am 6.12.1968 ein solcher Antrag zur Benennung einer Straße nach dem böhmischen Dichter Adalbert Stifter „mit 17:0 Stimmen“ durchgewunken. (Gemeinderat Kissing, Sitzungstag 6. Dezember 1968, Sitzungsbuch der Gemeinde 1966 - o.N., S. 196). DJO

[6]Siehe: Münch-Heubner, Peter L.: Bayern, Tschechen und Sudetendeutsche: Vom Gegeneinander zum Miteinander, Aktuelle Analyse, Bd. 63, München 2015, S. 77.

1. BGM

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