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Gemeinde Kissing

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Das Bevölkerungswachstum und die wirtschaftliche Entwicklung der Gemeinde

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch – Heubner

 

Nach 1945 wandelte sich Kissing vom Agrarort zum Gewerbe- und Industriestandort. Die Namen der Betriebe und Unternehmen, die ganz am Anfang der Industrialisierung der Gemeinde standen, begleiteten die wirtschaftliche Entwicklung am Ort noch für lange Zeit. Die Firma Frisch war im Bereich Maschinenbau der große Arbeitgeber in Kissing, vor allen Dingen die Vertriebenen, die Sudetendeutschen haben den Namen Frisch in guter Erinnerung behalten. Weitmann und die Baufirma Kreuzer hatten ihre Hauptstandorte hier nach 1945 beibehalten oder bezogen.[1] Und der Steinwollehersteller Grünzweig & Hartmann hat sich aufgrund seiner Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung Kissings namentlich im Straßennetz und damit auf dem Ortsplan verewigt. Die Firma Frisch zählte in den 1960er Jahren „zu den führenden deutschen Baumaschinenherstellern“. Doch die „hohen Kosten für Neuentwicklungen auf dem Baumaschinensektor“ brachten mit der Zeit Finanzierungsschwierigkeiten für das Unternehmen mit sich. 1977 übernahmen die Faun-Werke eine „Mehrheitsbeteiligung“ an der Firma und damit auch deren „Leitung“.

Faun blieb „größter Arbeitgeber“ in Kissing. Ein wichtiger Arbeitgeber war die Firma Frisch schon immer für die Vertriebenen gewesen, die ihre Fähigkeiten mit gebracht hatten. Man kann sich heute im Ort kaum mit einem Kissinger mit sudetendeutschen oder schlesischen Wurzeln unterhalten, ohne dass dabei der Name Frisch fallen würde.

Die Produkte dieses „Unternehmens mit Weltbedeutung“ wurden, wie Winfried Fleck schreibt, „ in alle Welt exportiert“.[2] 1986 wurde das Werk an einen neuen Mehrheitsinhaber verkauft, der die Produktion von Kissing weg „nach Berlin“ verlagerte. „Damit war“, wie Adelheid Hoechstetter-Müller schreibt, „eine Ära in Kissing zu Ende gegangen.[3]

An die Weitmann´schen Kiesgruben erinnert heute noch der Weitmannsee südwestlich des Ortes, der aus den alten Fördergruben hervorgegangen ist. Aus einer Industriestätte ist ein Naturgebiet geworden, das sich bei der Kissinger Bevölkerung großer Beliebtheit erfreut und Ausflugsziel geworden ist.

Alte Arbeitsplätze gingen, neue kamen. Das Ende der großen Namen wie Weitmann bedeutete für Kissing nicht den Absturz in den Status einer Krisenregion. Neue Branchen wie u.a. die im Bereich EDV und IT kamen, das Baugewerbe und das Handwerk haben im Ort nie an Bedeutung verloren. (Siehe Kissing heute).

Das Bild, das das Kissinger Gewerbe bot, änderte sich jedoch. Kleinere Geschäfte im Altort verschwanden,  - diese Amerikanisierungstendenzen sind überall in Deutschland zu beobachten - das wirtschaftliche Geschehen verlagerte sich in den Neuort, auch was den Einzelhandel betraf. Das Konsumangebot im Neu-Kissing ist heute als facettenreich zu bezeichnen.

Das Absterben der kleinen Läden jedoch betraf auch eine Bevölkerungsgruppe, deren Ankunft nach 1945 den Boom ausgelöst hatte: Die Vertriebenen. Obwohl die Mehrzahl von ihnen in den großen Industrieunternehmen Anstellung fand, entstand in Kissing eine erstaunlich große Zahl von „Flüchtlingsbetrieben“, was in beiden Fällen die frühe ökonomische Integration der Neubürger belegte.

Als „Flüchtlingsbetrieb“ definiert wurde eine Firma/ein Unternehmen, wenn

„a) der Firmeninhaber Vertriebener war oder
b) die Mehrheit der Gesellschafter Vertriebene waren oder
c) mehr als 50% des Kapitals bei Vertriebenen war oder
d) mehr als 50% der Beschäftigten Heimatvertriebene waren und einer von ihnen in leitender Stellung.“[4]

Richard Bauch hat in seiner Untersuchung über „Flüchtlinge und Heimatvertriebene im Landkreis Aichach-Friedberg“ für Kissing in den 1950er Jahren 9 „Flüchtlingsbetriebe“, in erster Linie kleine Einzelhandelsgeschäfte, ausgemacht.  Es handelte sich dabei um zwei Schneidereien, zwei Geschäfte für Haus- und Küchengeräte, ein Geschäft für Eisenwaren, eines für Holzwaren, einen Maurerbetrieb einen Schlosser und einen Schuhmacher. [5]

Für die gesamte Region, also auch für Mering, von Bedeutung waren die von Vertriebenen gegründeten Unternehmen Franz Nowak (Bau) und Ludwig (Beleuchtungskörper).

Alle sie existieren schon seit einiger Zeit nicht mehr, doch die Konzentration im wirtschaftlichen, im Unternehmensbereich hat viele, auch bayerische Opfer gefordert. Die von Bauch angeführten Erhebungen zeigen jedoch, wie rege die Sudetendeutschen und andere Deutsche aus dem Osten am entstehenden Wirtschaftsleben in Mittelostschwaben teilgenommen haben.

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Siehe: Hoechstetter-Müller, Adelheid, S. 33f., sowie: Rauscher, Helmut:  60 Jahre Grundsteinlegung der Filialkirche St. Bernhard Kissing, Pfarrbrief 2015, Pfarrei St. Stephan – St. Bernhard, Kissing, S. 6.

[2]Fleck, Winfried: Die Entwicklung der Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Kissing. Geschichte und Gegenwart, S. 235.

[3]Hochstetter-Müller, Adelheid S. 34.

[4]Bauch, Richard: Flüchtlinge und Heimatvertriebene im Landkreis Aichach-Friedberg.  S. 170.

[5]Bauch Richard, Flüchtlinge und Heimatvertriebene im Landkreis Aichach-Friedberg, S. 184.

1. BGM

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1. BGM

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