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Gemeinde Kissing

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Die Ankunft der Vertriebenen in Kissing

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch – Heubner

„Über Jahrhunderte war“, so schreibt Hanns Merkl in seiner Abhandlung über die „Kirchen und Kapellen der Pfarrgemeinde Kissing“,„ ein geschlossenes Ganzes mit einer relativ gleich bleibenden Bevölkerungszahl.“ [1] Es war jenes Dorf, das Toni Mahl, der Ortschronist und Sammler von Bilddokumenten zur Geschichte seiner Heimat, in seinen Büchern beschreibt. Es war die Zeit, da „Bauernarbeit“ und das „Dorfhandwerk“ das Ortsbild bestimmten, das der Autor in „Kissing, Bilder erzählen Geschichte“ schildert. Dieser kommentierte Bildband gibt einen Einblick in die damalige „Lebenswelt“ und zeigt dem Leser die Grundzüge „einer uns heute fast archaisch anmutenden Arbeitswelt“ .[2]

Altkissing lässt heute den Besucher immer noch das Bild des früheren Dorfes nachempfinden, obwohl viele der alten Häuser mittlerweile neu aufgebaut wurden und die alten Handwerksberufe aus dem Ortsleben verschwunden sind. Doch die Häuser tragen hier immer noch jene Namen der alten und ursprünglichen Besitzer, die dem Postboten in jener Zeit, als es hier noch keine Hausnummern gab, bei der Postzustellung den Weg wiesen – aber oft auch Schwierigkeiten bereiteten.

Einen deutlichen Gegensatz zum ländlichen Flair des Altortes bietet heute Neu-Kissing, das nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Lechfeld nordwestlich von Alt-Kissing entstanden ist.

Um nach Neu-Kissing zu kommen, muss man vom Altort kommend den Jesuitenweg verlassen und der Bahnhofstraße nach Norden folgen. Vom Bahnhof im Westen kommend gelangt man über die Bahnhofsallee hin zur Kirche St. Bernhard und damit auch zu jenem Gotteshaus, das mit der Entstehungsgeschichte von Neu-Kissing untrennbar verbunden ist.

St. Bernhard - Neu-Kissing entstehtAls 1955 der Grundstein für St. Bernhard gelegt wurde, hatte es zunächst den Anschein, als würde die Kirche nach ihrer Fertigstellung auf einem unbewohnten Feld im Freien stehen. Doch schon bald wurden die ersten Siedlungshäuser um das kirchliche Areal herum gebaut. In diese Häuser zogen jene Menschen, die zuvor in den Holzbaracken untergebracht waren, die nicht weit entfernt ebenfalls auf dem Lechfeld gestanden hatten.

Vertriebene waren es, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in dieseHolzbaracken auf dem Lechfeld Wohnbaracken auf dem nur wenig fruchtbaren Ackerland eingewiesen worden waren. Es waren Sudetendeutsche in großer Zahl, aber auch Donauschwaben, Schlesier und andere „Deutsche aus dem Osten“. Von 1950 bis 1963 verdoppelte  sich die Zahl der Einwohner der Gemeinde, am Beginn der 1960er Jahre waren 33% der Gemeindebürger Vertriebene und Aussiedler. [3]

Kissing war mit dem Jahr 1946 zu einem der Hauptzielorte der Weiterleitung von Sudetendeutschen geworden, die aus der Tschechoslowakei ausgewiesen und zunächst nach Augsburg verbracht worden waren. Einmal in Kissing angekommen, wanderten später viele Neuankömmlinge weiter in die Region hinein, nach Merching etwa oder Mering. Die Großzahl aber blieb.

Auskunft über diese Wanderungsbewegungen geben die Lebensmittelkarten, die bis heute im Gemeindearchiv von Kissing zu finden sind[4]. Die Quellenbestände hier, die Akten, die Sitzungsbücher des Gemeinderats, die Protokolle der Ausschusssitzungen und andere Dokumente vermitteln bis heute ein lebendiges Bild von der damaligen Zeit, von den Problemen der Kissinger, der Alteingesessenen wie der Zugewanderten, von der Geschichte des Zusammenwachsens beider Bevölkerungsteile und von den Bemühungen der Kommunalpolitik, die Integration der Neubürger zu einem erfolgreichen Ende zu führen.

Kern des Problems ganz am Anfang war die Praxis der Wohnraumbewirtschaftung und mit ihr die der „Zwangseinweisungen“ von Vertriebenen in vom Krieg unzerstört gebliebenen Wohnraum. Da in den größeren, vom Luftkrieg betroffenen Städten, aufgrund der Zerstörungen in den Wohngebieten ein akuter Wohnraummangel herrschte, wurden die unfreiwilligen Neuankömmlinge den ländlichen Regionen zugewiesen. Eingewiesen wurden die heimatlos gewordenen Menschen dann in Wohnungen und Häuser, in denen bereits Eigentümer oder Hauptmieter wohnten. Es wurde eng in diesen Zimmern, Konflikte zwischen Alt- und Neubürgern waren vorprogrammiert.[5]

In Kissing fand vor der „Zwangseinweisung“ der Neubürger zunächst im ganzen Ort eine „Wohnraumerfassung“ statt, die auf Weisung des zuständigen Flüchtlingskommissars im nahen Friedberg erfolgte. Die Akten im Gemeindearchiv lassen den Ablauf des Verfahrens deutlich erkennen. Dem/der betroffenen Wohnungsinhaber/in bzw. Hausbesitzer/in wurde schon in der Ankündigung vor Augen geführt, dass es sich hier um eine Zwangsmaßnahme handelt, der er/sie sich kaum entziehen konnte. Erklärt wurde, dass die „Erfassung … gemäß Art. V des Gesetzes Nr. 18 des Alliierten Kontrollrates (Wohnungsgesetz)“ erfolge. Die vom Flüchtlingskommissariat erfassten Räume waren „innerhalb einer Woche freizumachen“ und konnten „im Falle Sie sich weigern, diese freizumachen, unter Mithilfe der Polizei geräumt werden.“ „Beschwerde“ gegen eine solche Flüchtlingszuweisung konnte „eingereicht werden“, sie hatte aber „keine aufschiebende Wirkung“ [6].

War einer Vertriebenen-Familie Wohnraum zugewiesen worden, so hatte der Inhaber dieses Wohnraums „innerhalb einer Woche nach Zustellung dieser Verfügung einen Mietvertrag“ mit den neuen Mitbewohnern abzuschließen.[7]

Weigerte sich der Besitzer, dies zu tun, so konnte das Landratsamt Friedberg eine „Mietverfügung“ erlassen. Weigerte er sich dann immer noch, so wurde die „Anwendung polizeilichen Zwangs“ angedroht.[8]

Diese Verfahrensweisen trugen nicht unbedingt dazu bei, ein Klima für eine frühe Verständigung zwischen Alt- und Neubürgern zu schaffen.

Schon anlässlich der Erfassung, zu der Vertreter des Kommissars in Wohnungen und Häusern erschienen, ohne vorher lange nach Einlass gefragt zu haben und im Verlauf derer alles notiert wurde, was die Wohnungssituation der Familien betraf, zeigten die Betroffenen ihren Unmut. Sie gaben wie in einem Falle verärgert zu Protokoll, dass sie den Eindruck hätten, es bei den Beamten „mit Kommunisten … zu tun zu haben.“[9]

Als die Zugewiesenen dann kamen, stand ihnen oft kein freundlicher Empfang bevor. Schon den Beauftragten des Flüchtlingskommissars gegenüber hatten einige Wohnungseigentümer unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass sie den Flüchtlingen das Leben schwer machen wollten. In einem Falle wurde eine Vertriebenen-Familie von den Eigentümern „nach 3 Tagen … einfach auf die Straße gesetzt.“ Die Flüchtlingsfamilie musste anderweitig untergebracht werden. Die Behörden registrierten eher hilflos die „flüchtlingsfeindliche Einstellung“ der Hausbesitzerin, die in diesem Falle selbst den Polizeikräften die Zwangseinweisung unmöglich machte. Von einer „Strafverfolgung“ der Zuwiderhandlung wurde hier – da diese erst kurz zuvor „ihren Sohn verloren hat“ - abgesehen. Jedoch wurde unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass bei weiteren Vorkommnissen dieser Art „ein Entgegenkommen der Behörden nicht gerechtfertigt ist.“  [10]

Auch wurden Fälle aktenkundig, in denen es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Wohnungseigentümern und Zugewiesenen kam. Dabei konnte diese Gewalt auch von beiden Seiten ausgehen. Sowohl die einen wie die anderen wurden bei einer schwerwiegenden Auseinandersetzung im Jahre 1949 „tätlich angegriffen und mißhandelt“. Eine „Zwangsausquartierung“ war hier „unvermeidlich“ geworden.[11]

Flüchtlinge und Vertriebene kapitulierten aber auch mancherorts selbst vor den Anfeindungen, die ihnen entgegenschlugen und sind „aus dem … zugewiesenen Raume freiwillig wieder ausgezogen.“[12]

Tatsächlich sind solche Fälle aber nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Denn behördlich erfasst und dokumentiert wurden nur die schweren Konfliktfälle, in denen die Polizei einschreiten musste. Jene Fälle aber, in denen die Einweisungen problemloser erfolgten, wurden in den Akten nicht registriert. Gemessen an der Größenordnung des Zuzugs nach 1946 stellen die offiziell registrierten Auseinandersetzungen eine eher geringe Größe dar. Zu den Akten gingen indes auch Fälle, in denen Kissinger auch ohne Zwang „Zimmer an Flüchtlinge abgetreten“ haben. [13]

Es kann davon ausgegangen werden, dass es in der überwiegenden Mehrzahl der Zuweisungen eigentlich eher friedlich zuging. Hanns Merkl erinnert sich heute noch daran, dass die in das Haus seiner Familie gekommenen Menschen aus Saaz im Nordwesten Böhmens freundlich aufgenommen wurden und er die Väter und Mütter der neuen Hausbewohner als „Onkel“ und „Tanten“ ansprach.[14]

Doch als gleichberechtigte Neubürger in allen Bereichen wurden die Vertriebenen für lange Zeit von den Alteingesessenen in ganz Deutschland nicht angesehen. Es bedurfte so einer beherzten Kommunalpolitik, um das Zusammenwachsen von Alt- und Neubürgerschaft in Kissing voranzutreiben. Namen wie die des langjährigen Bürgermeisters Otto Wohlmuth stehen für die Erfolgsrezepte, die hinter dem Gelingen der Eingliederung standen. So waren es die klaren Worte einer Gemeindespitze, die den Altbürgern verständlich zu machen versuchte, dass die Neuankömmlinge bleiben werden und dass nur ein Miteinander von Alteingesessenen und Zuwanderern den einzig gangbaren Weg in eine gemeinsame Zukunft weisen kann.

 

Weitergehende Informationen:

Die Ortserweiterung: Neu-Kissing entsteht

Die "Siedlung" der Nachkriegszeit und ihre historischen Wurzeln

Von der Weimarer Republik zur Bundesrepublik - von der Heimstätte nach Kissing - eine Spurensuche

Neukissing: Siedlungsbau im Übergang von der Kleinsiedlung zum modernen Eingenheimbau

Neukissing als Neusiedlung im Nachkriegsdeutschland: Ein Einordnungsversuch

Die politische Integration der Kissinger Neubürger

Das Bevölkerungswachstum und die wirtschaftliche Entwicklung der Gemeinde

Das Bevölkerungswachstum und das Schulwesen

Ein neues Rathaus für das zusammengewachsene Kissing

 

Verwendete und weiterführende Literatur

[1]Merkl, Hanns: Kirchen und Kapellen der Pfarrgemeinde Kissing, Passau 2007, S. 23.

Der Autor beschäftigt sich mit der Geschichte und der Sakralkunst in seiner Heimatgemeinde Kissing und führt auch Kirchenführungen für Interessierte durch.

[2]Mahl, Toni: Kissing, Bilder erzählen Geschichte, Horb am Neckar 2003, S. 4.  Toni Mahl hat über die Jahre hinweg unzählige historische Lichtbilder, Fotografien von großem Wert gesammelt, die Kissinger Geschichte und auch Familiengeschichten im Ort erzählen. Schon 1997 erschien seine Bilddokumentation „Kissing als es noch ein Dorf war“ im Geiger-Verlag in Horb am Neckar.  Toni Mahl hat als Postbote gute Kontakte zu den Kissinger Menschen aufgebaut, die ihm Einblick in ihre Familienschätze gewährten. Auch mehrere Bilder in dieser Ortsgeschichte stammen aus seiner Sammlung. Der Verfasser der Ortsgeschichte dankt Toni Mahl dafür.

[3]Siehe dazu: Münch-Heubner, Peter L.:  Bayern, Tschechen und Sudetendeutsche: Vom Gegeneinander zum Miteinander, Aktuelle Analysen, Band 63. München 2015, S. 70ff.

[4]Siehe dazu im Gemeindearchiv den Bestand an Lebensmittelkarten unter A

408: Soziale Unterstützungsmaßnahmen.

[5]Siehe: Münch-Heubner, Peter L., Bayern, Tschechen und Sudetendeutsche, S. 71 f. und S. 75ff.

[6]Landratsamt Friedberg, Friedberg, den 16.1.1952. Betreff: Erfassung von Wohnraum, Gemeindearchiv Kissing, A 680 - 18/23

[7]Landratsamt Friedberg, Kreiswohnungsamt, Friedberg, den 30.8.1952, Gemeindearchiv Kissing, A 680 -18/83.

[8]Landratsamt Friedberg, Kreiswohnungsamt, Friedberg, den 3.7.1951, Gemeindearchiv Kissing A 680 - 18/89.

[9]Gemeinde Kissing, 24.6.1953, Beschwerde einer Vermieterin über behördlich angeordnete Zwangsvermietungen, Gemeindearchiv Kissing, A 680 - 18/31.

[10]Der Flüchtlingskommissar, Friedberg, den 20.1.1947, Wohnraumerfassung, Gemeindearchiv Kissing A 680 – 18/62, sowie: Aktenvermerk zur Sache Familie XX, Kissing, ebenda.

[11]Der Gemeinderat der Gemeinde Kissing, Herrn XX, Kissing, den 6.1.1949, Gemeindearchiv Kissing, A 680 - 18/62.

[12]Kissing, den 16.9.1953, Aktenvermerk Frau XX, Gemeindearchiv Kissing, A – 680 – 18/31.

[13]Augsburg, den 2.10.1947, An Herrn Flüchtlingskommissar (…) beim Landratsamt Friedberg, Gemeindearchiv Kissing, A 680 - 18/77.

[14]Gespräch des Verfassers mit Herrn Hanns Merkl im Rahmen eines im Herbst 2016 als Lehrveranstaltung der Universität Augsburg abgehaltenen „Werkstattseminars“ über die Integration der Vertriebenen in Kissing.

zur Verfügung gestellt von Toni Mahl
St. Bernhard - Neu-Kissing entsteht
zur Verfügung gestellt von Toni Mahl
zur Verfügung gestellt von Toni Mahl
Holzbaracken auf dem Lechfeld
zur Verfügung gestellt von Toni Mahl
1. BGM

Reinhard Gürtner_2019

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