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Ulrichsbrunnen – Kissing, ein Ulrichsort? Ein Kapitel „vergessener Geschichte“?

 

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

Der Wanderer, der vom Burgstall aus indes nicht nach Norden, sondern weiter nach Süden Richtung Paar talabwärts zum Moosbach wandert, begegnet – ohne dass er es in der Regel heute noch weiß – dort, wo die Paar von Süden kommend an einem Knie westwärts abbiegt, einem Kapitel der „vergessenen Geschichte“ des Ortes Kissing. Nichts erinnert heute dort, wo auf der rechten Seite des Wanderwegs ein kleines Wäldchen an einem steilen Abhang zur Paar wuchert, mehr an jenen Ort, an dem in früheren Zeiten die Kissinger im Sommer ihren Durst stillten  - und gebetet haben.

Standort UlrichsbrunnenGeorg Kistler, aus einer alteingesessenen Familie am Ort stammend, kann als einer der letzten Ortsbewohner jene Geschichte erzählen, die heute fast niemand mehr kennt, die aber über lange Zeit hinweg Bestandteil der Kissinger Gläubigkeit gewesen ist und die das Leben der Menschen hier bestimmt hat.

Einen „Ulrichsbrunnen“ hat es hier an der Paar früher einmal gegeben. Georg Kistler hat ihn selbst nicht mehr gesehen, sagte er in einem ersten Gespräch im September 2017. In seiner Jugendzeit hat ihm aber sein Großvater von diesem Brunnen erzählt, der eigentlich eine Quelle war und er hat ihm auch die Stelle gezeigt, an dem dieser Quell sich befand. Auch heute noch kann er Auskunft darüber geben und den Besucher  an diese Stelle führen. Georg Kistlers Aussagen zur Lage des ´Brunnens´decken sich mit den Ausführungen, die in der spärlich gesähten historischen Literatur zu diesem Thema wie bei Adolf Layer zu finden sind. Doch Layers Aufsatz datiert aus dem Jahre 1973 lässt viel Interpretationsspielraum offen. Ein anderer prominenter Kissinger, der Gemeinderat Johann Oberhuber, spricht davon, dass er diese Ulrichsquelle noch aus seiner Jugendzeit kennt. Auch Gregor Kistler konnte sich nach einem Gespräch mit Gemeinderat Johann Oberhuber wieder an den Fortbestand der Kissinger Ulrichsquelle erinnern.

„Aus der Quelle soll der hl. Ulrich an einem heißen Sommertag während einer Firmungsreise getrunken haben“, so schreibt Adolf Layer über die historische Entstehung des Ulrichsbrunnens bei Kissing.  [1]

Der Heilige Ulrich, im zehnten Jahrhundert Bischof von Augsburg, ist eine der großen Heiligenfiguren im süddeutschen Raum und in weiten Teilen Österreichs. Ganz besonders am Lech hat er große Verehrung gefunden. Denn sein Name ist verbunden mit der Schlacht auf dem Lechfeld. Im Jahre 955 „befehligte Ulrich als Reichsfürst hoch zu Ross die Verteidigung von Augsburg gegen die andrängenden Ungarn[2].“ Ein Reiterstandbild vor dem Augsburger Dom erinnert bis heute daran.

Nach der Verteidigung Augsburgs leitete der Bischof den Wiederaufbau in den Regionen seiner Diözese ein, ließ den Dom wieder errichten. Die Domstadt selbst entwickelte – historisch bedingt – aber über die Zeit hinweg ein eher ambivalentes Verhältnis zur historischen Figur des Heiligen Ulrich – bedingt durch die beiden Zeitalter der Reformation und der Säkularisation und durch die Geschichte der Reichsstadt Augsburg.

Im Jahre 1806 wurde der Ulrichsplatz in Augsburg zum Maximiliansplatz. [3] Gemeint mit diesem Maximilian war der erste bayerische König Max I. 1806 war Bayern zum Königreich erhoben worden – von Napoleons Gnaden – und alle Augsburger Gebiete fielen jetzt der Wittelsbacher Herrschaft zu. Das Hochstift wird im Rahmen von Säkularisation und Mediatisierung aufgelöst, kirchlicher Besitz wird im Geist der Französischen Revolution, enteignet.

1955 wird der Ulrichsplatz wieder seinen ursprünglichen Namen erhalten. Die Maximilianstraße, die historische Prachtstraße in der Fuggerstadt, wird dann wieder nicht an Max von Bayern, sondern an Maximilian I., den deutschen Kaiser aus dem Hause Habsburg erinnern. Eine bemerkenswerte Sinnänderung ohne Namensänderung! Als oberster Stadtherr von Augsburg im 16. Jahrhundert hatte Maximilian eine große Bedeutung für die Entwicklung der Reichsstadt – und er begegnet dem Besucher in Augsburg beinahe überall.

1955 wird anlässlich der 1000-Jahr-Feier der Schlacht auf dem Lechfeld im Dom von Augsburg ein Ulrichsbrunnen errichtet. Vier Jahrhunderte zuvor hatte es in Augsburg schon einmal einen Ulrichsbrunnen gegeben. Doch in der Zeit der Reformation wird aus dem Ulrichsbrunnen, der erst zwei Jahrzehnte zuvor errichtet worden war, 1537 der bekannte Neptunbrunnen in der -heutigen -  Maximilianstraße. 1955 hat in Augsburg alles wieder seine historische Richtigkeit zurückerhalten. Auch im Sinne der Ulrichs- Verehrung. [4]

Natürlich hatte über all die Zeit hinweg der Heilige Ulrich Augsburg nie wirklich verlassen: Die mächtige Kirche St. Afra und Ulrich, die sich am südlichen Ende der Maximiliansstraße über die Altstadt fast schon erhebt und mit ihrem Turm gen Himmel ragt, erinnert daran.

Die „Erinnerung an den hl. Ulrich“ ist im schwäbischen Raum in vielen Formen über die Jahrhunderte hinweg „lebendig und gegenwärtig“ geblieben. In „Patrozinien von Kirchen und Kapellen, in Altären, Skulpturen, Fresken oder Tafelbildern, in Personen- und Ortsnamen, in Namen von Fluren, Straßen und Plätzen, in Inschriften von Steinmalen und Glocken“ hat sie sich vielerorts erhalten. Und auch in den „verhältnismäßig häufigen Ulrichsbrunnen“ lebt sie fort. [5] Doch die Zahl der Urichsbrunnen im heutigen Regierungsbezirk Schwaben hat über die Zeit hinweg deutlich abgenommen.

Adolf Layer erklärte, dass das „Wasser- und Quellenpatronat“ im Falle des   St. Ulrich „seinen unmittelbaren Niederschlag in der häufigen Darstellung des heiligen Bischofs mit einem Fisch“ in Verbindung zu bringen sein könnte. Allerdings schränkte auch er ein, dass „das Fischattribut auch als Symbol der Mäßigkeit und des Fastens gedeutet“ werden kann.[6]

Tatsächlich gibt es – bzw. gab es – in ganz Mitteleuropa viele, sehr viele Brunnenheilige. Karl Weinhold hat vor über hundert Jahren in seiner Geschichte der „Verehrung der Quellen in Deutschland“ neben dem Hl. Ulrich annähern siebzig Heilige – hier nur die „häufiger erscheinenden“ - genannt, die im mitteleuropäischen Raum zu Quellenheiligen geworden waren. „In der Regel“ war es ein „Kirchenheiliger“, der zu einem Quellenpatron ernannt wurde. Es konnte aber auch eine Kirchenheilige sein, wie etwa die „hl. Hedwig“, deren „Hedwigsbrunnen“ nicht nur dort, wo sie Herzogin war, in Schlesien, zu finden waren.[7]

„Der Kultus der Brunnen“ aber geht weit in vorchristliche Zeit zurück, er ist ein „uralter Gottesdienst durch die Geschichte der Völker“, mit dem das Wasser als Quelle des Lebens verehrt wurde. Uralt ist damit auch das Grundmotiv, das allen – fast allen – Quellenheiligen – Geschichten zu Grunde zu liegen scheint. In der christlichen Überlieferung ist es so dann der Kirchenheilige, der „seinen Stab in die Erde stößt … um Menschen und Vieh … Wasser zu schaffen.“ Dieses Grundmotiv durchzieht auch in der Mehrzahl die Ulrichs – Erzählungen, denn hier ist es dieser Heilige, „der mit seinem Stabe mehrere Brunnen hervorbrachte,...“[8]

Bei Donaumünster habe so St. Ulrich auf einer Reise durstig innegehalten, und er: „... klopfte mit seinem Stabe gegen den Berg. Da sprudelte ein Quell, der … Ulrichsbrunnen.“ Ähnliches ereignete sich bei Schwabmünchen. Hier „stieß“ er „mit seinem Stab in den Boden – und sieh, ein klarer Bronnen sprudelte aus der Erde ...“.[9]

Nicht selten werden diese Erzählungen in Verbindung gebracht mit frühen Formen des Wünschelruten – Gängers. Den Leser der Bibel- und nicht nur diesen – erinnert dieses Motiv hier aber sehr an das alte Testament, an die Bücher Mose, an die Reise des Volkes Israel durch die Wüste – und an das Quellenwunder des Moses:

„Und Mose erhob seine Hand und schlug den Felsen mit seinem Stab zweimal, da kam viel Wasser heraus.“[10]

Dass im Rahmen späterer Heiligsprechungen das Wirken verdienter Kirchenmänner mit  Ereignissen und Wundern aus der Bibel verglichen wurde, um eben die angestrebte Heiligsprechung zu unterstützen, war indes kein seltener Vorgang. Man erinnert sich dabei an den Hl. Severin, der Wunder von der Größe Jesu Christi vollbracht haben soll.

Um wie viel profaner – aber vielleicht eben gerade deswegen authentischer, liebens - und glaubwürdiger und so vom Glauben geprägter – liest sich die Ursprungsgeschichte des Ulrichsbrunnens bei Kissing. Da kommt der Heilige Ulrich einfach seines Wanderwegs von einer Firmung an einem heißen Tag daher, ist durstig und lässt sich an einem Quellwasser an der Paar nieder. Und dann kommen später die Menschen an diese Stelle, erinnern sich an den Heiligen Ulrich und beten dort. Keine großen Wunder, keine Mirakel, kein sich teilendes Meer oder andere Sensationen. Aber vielleicht doch eine schöne Glaubensgeschichte, denn die Wunder des Glaubens ereignen sich im Inneren der Menschen und in der Art und Weise, wie sie alles, was um sie herum geschieht, das, was andere nur Zufall nennen, oft als kleine Wunder und Zeichen Gottes und der Seelen wahrnehmen.

Diese Geschichte fällt in Kissing aus der Reihe der Ulrichsbrunnen – Erzählungen in Schwaben, enthält aber dennoch vielleicht gerade deswegen etwas mehr Glaubwürdigeres als andernorts.

In Donaumünster und Donauwörth, bei Haunstetten und bei Schwabmünchen, in Ichenhausen und auch in Kaufbeuren z.B. gab es Ulrichsbrunnen. Seit langer Zeit sind sie alle „in Vergessenheit geraten.“[11]

Ihre Entstehungszeit ist mit großer Wahrscheinlichkeit in das späte Hochmittelalter bzw. in das Spätmittelalter zu legen. Urkundliche Erwähnungen liegen selten vor. Der Ulrichsbrunnen südlich von Haunstetten hingegen wird „in einer Urkunde aus dem Jahre 1409 erwähnt“,  ein weiterer wird für Kaufbeuren „in einer Verkaufsurkunde aus dem Jahre 1369 und nochmals 1374 genannt.“ Doch beide verschwinden wie andere auch im Dunkel der Geschichte.

So stellt sich die Frage: Was war hier passiert, was verursachte das Verschwinden gerade der Ulrichsbrunnen, während andere Formen der Erinnerung an den heiligen Kirchenvater, wie die Ulrichskreuze, die Pilger mit auf ihre Reise nehmen, überlebt haben.

Die Suche nach den Spuren einiger Ulrichsbrunnen in Schwaben führt hin zu einem interessanten Faktum: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts scheinen sie in großer Zahl zu verschwinden. Oder sie werden umgewandelt in das, was man heute unter einer Brunnenanlage versteht, nämlich ein „künstlich gefaßtes oder geleitetes Wasser“, das nicht einfach aus der Erde quillt, sondern aus einer Brunnenzuleitung kommt und in einem Brunnenbecken aufgefangen wird.

Früher bezog sich generell der Begriff des Brunnens in der „mittelhochdeutschen Sprache“ auf viele, eben auch natürliche Formen von „Quellwasser“[12] und konnte sich, wie z.B. im Falle des Hirschbrunnens im Deisenhofener Forst südlich von München auch auf kleine Weiher beziehen.

In Donaumünster verschwand das Ulrichswasser nicht einfach, es wurde unterirdisch „in einem Wasserschacht gefaßt“ und wird bis heute in die Trinkwasserversorgung der Haushalte eingespeist. Das Quellwasser war hier ein „kräftig sprudelndes Wasser“[13] und es eignete sich vor allen Dingen für die Zuleitung in das öffentliche Wasserleitungssystem, das nun entstand.

In Eresing stand schon seit dem 18. Jahrhundert ein altes Brunnenhaus. Es wurde im 19. Jahrhundert durch ein neues ersetzt, dessen Wasserzuleitungssystem nun den neuen Hygiene-Standards der Trinkwasserversorgung in Deutschland entsprach.

Im „Gebiet um Friedberg lagen früher nicht nur einer, sondern zwei Ulrichsbrunnen“, einer bei Eurasburg, der andere eben bei Kissing. Beide sind heute „zugeschüttet.“[14]

In Eresing im Landkreis Landsberg hingegen findet sich ein Ulrichsbrunnen, wie ihn sich der Pilger und Wanderer kaum besser für eine Rast und ein Gebet vorstellen könnte. Der Brunnen ist hier tatsächlich ein Brunnen, gefasst in einem ansprechenden Brunnenhaus. Daneben lädt eine Ulrichskapelle zum Verweilen ein.

Der Ulrichsort wird hier gepflegt, erst vor einigen Jahren wurden in Eresing weitere Sanierungsmaßnahmen am Brunnenhaus beschlossen.[15]

Der Dreh- und Angelpunkt in der Geschichte vieler Ulrichsbrunnen in Schwaben fällt zusammen mit einem historischen Wendepunkt in der Trinkwasserversorgung Deutschlands. Denn die Brunnen, die altgewohnten „Lebensspender“, waren überall auch zum „Höllenschlund“ geworden. Sie waren das vorher schon gewesen. Doch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkannte man dies in vollem Umfang auf der Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse. Es war die Zeit der großen Seuchen, die Cholera wütete an vielen Orten und in vielen Städten in Deutschland. Erst jetzt begann man zu erkennen, dass das Wasser in den alten Brunnen „schmutzig“ war, dass sich in ihm Keime und Erreger verbargen und dass „mangelhafte Hygiene“ wie in der Stadt Witten die Stadtbrunnen zu großen Gefahrenherden gemacht hatte.[16]

Robert Koch hatte den Cholera-Erreger entdeckt und erforscht, wie er sich verbreitete. Die „Erkenntnis... dass verunreinigtes Wasser die Hauptursache für viele Krankheiten und Seuchen war“, führte zu der  Überzeugung, dass nur eine „kontrollierte Trinkwasserversorgung“ weitere Katastrophen verhindern konnte. [17]

Wie in der Stadt Witten begannen die alten Brunnen jetzt aus den Stadt-  und Ortsbildern langsam, aber kontinuierlich zu verschwinden , wurden neue Wasserleitungen angelegt und wurde das Wasser nun mit Chlorgas behandelt.

Das Wasser auch der alten Ulrichsquellen konnte jetzt mit neuen Methoden auf seine Beschaffenheit und Reinheit hin untersucht werden. Oft war es auch die Kirche selbst, die Wasseruntersuchungen in die Wege leitete und Heiligenbrunnen, die Gesundheitsrisiken  in sich bargen, zuschütten ließ.

Vielerorts in Schwaben geschah dies so. War dies auch in Kissing so der Fall? Diese Frage ist schwierig zu beantworten.

Führte die Lage des Brunnens, am unteren Ende eines steilen Abhangs zur Paar gelegen, oberhalb dessen sich weite landwirtschaftliche Nutzflächen erstrecken, zur Aufhebung dieser Wallfahrtsstätte?

War Kissing tatsächlich ein Ulrichsort. In den Kirchen des Ortes begegnet der Besucher vielen Heiligen, doch St. Ulrich scheint auf den ersten Blick zunächst zu fehlen. Und dies an einem Ort, an dem – vom Kirchberg aus gesehen - Augsburg und St. Afra und Ulrich in Sichtweite liegen.

In Augsburger Chroniken, die sich mit den Wundern beschäftigen, die mit der heiligen Afra und dem heiligen Ulrich in Verbindung gebracht werden,  ist – auch wenn sich diese später ereignet haben – aber dennoch für das Jahr 1618 von einem „St. Ulrichs Kelch“ in Kissing die Rede, aus dem zwei Ortsbewohner getrunken hatten und daraufhin von einem Fieber „befreit“ wurden.[18]

Tatsächlich begegnen dem Wanderer und Kirchenbesucher der Heilige Ulrich und die Heilige Afra – wenn er es weiß  - in St. Stephan, im Chorraum, und, wenn er die Chance hat, an einer Kirchenführung teilzunehmen, in einer alten Kapelle unter dem heutigen Kirchenschiff.

Der Tabernakel von St. Stephan zeigt die Heiligenfiguren  von St. Ulrich und St.Afra.  Beide stammen aus dem 17. Jahrhundert.[19]

Weitaus älter hingegen scheinen die Ursprünge einer kleinen Sensation zu sein, die Ende 2015 auf einer Führung durch St. Stephan den anwesenden Gästen präsentiert wurden: „Als Höhepunkt wurde den Besuchern zum ersten Mal die Möglichkeit geboten, die original gotische Ulrichs- und Afrakapelle mit ihren Fresken aus dem 14. Jahrhundert im Turmuntergeschoss zu besichtigen.“[20]

Schon Irmgard Hillar hat diese Kapelle erwähnt, die in deren „Fensterlaibungen“ aufzufindenden Abbildungen von „St. Afra und St. Ulrich“ hervorgehoben, die „aus dem 14. Jahrhundert“ stammen, diese „Turmkapelle“, da auch andere Fresken hier vorzufinden sind, aber nicht gesondert mit den beiden Augsburger Bistumspatronaten von St. Ulrich und St. Afra in Verbindung gebracht.[21]

Dies zeigt, dass die Geschichte von Kissing noch viele Geheimnisse verborgen hält, die vielleicht noch aufzudecken sind.

Und da sind dann auch noch die Verkündbücher aus dem Archiv der Pfarrgemeinde. Sie vermitteln für den Geschichtswissenschaftler und denjenigen, der die Ortsgeschichte Kissings schreiben darf, wesentliche neue Erkenntnisse. Einige neue Fragen werden aber auch wieder aufgeworfen.

Zunächst kann die zentrale Frage, ob Kissing ein „Ulrichsort“ gewesen ist, mit einem deutlichen ´Ja´ beantwortet werden. Dass Kissing ab 1951/52 kein Ulrichsort mehr war, lässt sich auch aus diesen Quellen herauslesen.[22] Wie und warum aber am Beginn der 1950er Jahre mit dieser Tradition gebrochen wurde, bleibt Spekulationen überlassen, die Quelle schweigt hierzu – ebenso wie die Kissinger Ulrichsquelle? 

Doch zuerst einmal die Fakten. Der Ulrichstag war noch im 19. Jahrhundert in Kissing ein Feiertag, der den ganzen Tag über mit Messen und Andachten in Würdigung des „Diözesanpatrons“ begangen wurde. Mehr noch, eine dieser Messen war ein „Hochamt“. Dies war eine außerordentliche „missa solemnis“, eine besondere Feierlichkeit bzw. feierliche Hochmesse, die etwa mit Chören abgehalten wurde. In der alten Tradition der Römischen Kirche war das „Hochamt“ Kathedralen, Kloster- und Stiftskirchen vorbehalten. Im ganzen Bistum Augsburg war der Ulrichstag aber seit jeher traditionell ein „Hochfest“.[23]

Dies unterstrich die Bedeutung des Hl. Ulrich für das Schwabenland.[24] Doch warum nahm diese Bedeutung in Kissing von einem Jahr zum anderen so schnell und abrupt ab? Auf eine Entwicklung im gesamten Bistum ist dies nicht zurückzuführen. Hier war zwar der Ulrichstag schon seit der Säkularisation kein ´gesetzlicher´ Feiertag mehr, er blieb aber ein Kirchenfest, das mit besonderen Feierlichkeiten bis heute begangen wird. In vielen Kirchengemeinden in Schwaben wird der Ulrichstag immer noch gefeiert, wenngleich das „Hochamt“ an einem der Sonntage nach dem 4. Juli zelebriert wird. [25]

Warum erfolgte also der Bruch in Kissing so schnell und kompromißlos? Ein Wechsel im Pfarramt in den Jahren 1951 bzw. 1952 ist eher auszuschließen.Pfarrer in Kissing war von 1948 bis 1955 Herbert Kessel.[26]

Bliebe letztendlich der Versuch, die Abkehr vom Hl. Ulrich mit einem anderen wichtigen Vorgang in der Kissinger Geschichte zu bringen, der gerade in diese Zeit fiel, mit der Entstehung und Gründung von St. Bernhard. Im „April 1951“ wurde von der Kissinger Pfarrgemeinde in Augsburg zum ersten Male der Wunsch nach der Gründung einer Filialkirche auf dem Lechfeld vor den Toren Altkissings vorgetragen. St. Stephan war angesichts des Bevölkerungswachstums im Gefolge der Zuwanderung von Flüchtlingen und Vertriebenen zu klein geworden. Der Bischof von Augsburg lenkte ein, doch er stellte eine Bedingung:
„1953 beging man in der Katholischen Kirche den 800. Todestag des Hl. Bernhard von Clairvaux: Darum wünschte sich der Bischof von Augsburg eine Bernhardskirche in Kissing. Diese sollte der kirchliche Mittelpunkt der Lechfeldsiedlung sein.“  [27]

Ein Patrozinium, der Name eines Heiligen, der einer neuen Kirche gegeben wird, als Ursache für die Verdrängung einer anderen Heiligenverehrung in einem Ort? Das ist historisch und glaubensbezogen eher unwahrscheinlich, wurde und wird der Hl. Ulrich doch in vielen Orten und Städten im Bistum Augsburg verehrt und gefeiert, deren Kirchen keine Ulrichskirchen sind. Auch in Kissing selbst wurde ja der Ulrichstag begangen in Zeiten, in denen die St. Stephans- und St. Peterspatrozinien  die Namensgebung der Gotteshäuser  geprägt hatten.  
Dass die Vertriebenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in großer Zahl nach Kissing gekommen waren, den Hl. Ulrich verdrängten und aus den Gottesdienstordnungen herausgenommen hätten, ist ebenfalls keine Erklärung für  diesen ´Umsturz´ am Beginn der 1950er Jahre. Immerhin war  ja im Jahre 1950 jeder vierte Schwabe im Regierungsbezirk eigentlich  ein Deutscher aus dem Osten[28] und diese Zuwanderung hat im ganzen Bistum Augsburg der Ulrichsverehrung – die auch ohne Brunnen fortbestand - keinen Abbruch getan. 

Zu alledem kommt: Der Heilige Ulrich verschwindet 1952 aus dem liturgischen Jahresablauf in Kissing.  Der Grundstein für St. Bernhard wurde aber erst 1955 gelegt, die erste Heilige Messe in der neuen
„Flüchtlingskirche“ wurde 1957 gelesen. (Siehe dazu auch das Kapitel über die Vertriebenen in Kissing.) Die Frage, warum die Ulrichsverehrung in Schwaben ausgerechnet in Kissing am Beginn der 1950er Jahre ihr abruptes Ende fand, kann letztlich nicht beantwortet werden. Es fällt aber auf, dass das Ende der Kissinger Ulrichstage in einen Zeitraum fällt, der – so die Aussagen von Gemeinderat Oberhuber – in diesem Fall in Ungefähr mit dem Verschwinden des Ulrichsbrünnleins zusammenfallen könnte.

Viele Geheimnisse umranken auch eine andere Kissinger historische Gestalt, die weit über die Grenzen des Ortes hinaus Bekanntheit erlangt hat.

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Layer, Adolf: Ulrichsbrunnen in Süddeutschland und Österreich. Ein Beitrag zur religiösen Volkskunde, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg, Bd. 67, 1973, S. 99.

[2]Siehe: Ökumenisches Heiligenlexikon im Internet: Ulrich von Augsburg.

[3]Auf den Spuren von Kaiser Maximilian, in: Augsburger Allgemeine, 29.10.2015.

[4]Zur Augsburger Brunnengeschichte siehe: Schad, Martha: Brunnen in Augsburg, 1992.

[5]Layer, Adolf, Ulrichsbrunnen in Süddeutschland und Österreich, S. 95.

[6]Layer, Adolf, S. 96.

[7]Weinhold, Karl: Die Verehrung der Quellen in Deutschland, Abhandlungen der Koeniglichen Akademie der Wissenschaften in Berlin, 1898, S. 2/3, S. 17. Weinholds Ausführungen stehen hier nicht für einen aktuellen Stand der Forschung, sie sind vielmehr selbst zur ´Quelle´ bezüglich früherer ´Quell´- brunnen geworden.

[8]Weinhold, Karl, S. 1/2. u. S. 4

[9]Erzählt aus alten Legenden bei: Layer, Adolf, S. 96 u. S. 97f.

[10]4. Moses, 20,11.

[11]Layer, Adolf, an mehreren Orten.

[12]Layer, Adolf, Ulrichsbrunnen in Süddeutschland und Österreich, S. 95.

[13]Layer, Adolf,, S. 97.

[14]Layer, Adolf, S. 99

[15]Ulrichsbrunnen: Neues Dach fürs Gnadenwasser, in: Augsburger Allgemeine, 14.7.2011.

[16]Brunnen in Witten, in: Stadtmagazin Witten, Ausgabe 108, 4/2017, S. 59.

[17]Geschichte der Wasserversorgung, zu finden auf den Internetseiten von Wasser-Bayern.de, Wasserportal.

[18]Zitiert bei: Leinfelder, K.: Die Märtyrerin St. Afra, in: Friedberger Heimatblätter, I, 1951, S. 9f.

[19]Merkl, Hanns, Kirchen und Kapellen der Pfarrgemeinde Kissing, S. 9f.,

[20]Pfarrbrief. Weihnachten – 2015. Pfarrei St. Stephan – St. Bernhard Kissing, PDF-Datei im Internet, Punkt: Förderkreis/Renovierung 15, Führung rund um St. Stephan.

[21]Hillar, Irmgard, St. Stephan, S. 89.

[22]Siehe dazu die Verkündbücher des 19. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Archiv des Pfarrverbandes Kissing.

[23] Zur Einführung in den Themenkomplex  siehe: Kathpedia,com; Die freie katholische Enzyklopädie im Internet und hier den Artikel „Hochamt“.

[24]Die Literatur zum schwäbischen Kirchenpatron und zu seiner Bedeutung  für die gesamte Region ist kaum  zu überblicken. Stellvertretend für alle Autoren sei hier auf den Theologen Peter Rummel  und sein Werk „Ulrich von Augsburg. Bischof – Reichsfürst – Heiliger, Augsburg 1992, verwiesen.

[25] Siehe: Pfarramt feiert Kirchenpatron „Sankt Ulrich“, die Schwäbische, Schwandorf, 25.7.2016.

[26]Siehe: Großmann, P. Paul: Die Pfarrer von Kissing, in: Kissing. Geschichte und Gegenwart, S.262.

[27]Großmann, P. Paul: Die kirchliche Entwicklung der katholischen Pfarrgemeinde von Kissing nach dem  Zweiten Weltkrieg, in: Kissing. Geschichte und Gegenwart, S. 264.

[28]Siehe: Piegsa, Bernhard: Die Umsiedlung der Heimatvertriebenen und der Freistaat Bayern. Eine statistische Analyse, München 2009, S. 207, Tabelle 7.


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