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Das Kissing der Jesuiten

Autor: PD  Dr. habil. Peter L. Münch – Heubner

Gut Mergenthau1602 verkaufte der Bischof von Augsburg seinen Besitz in Kissing  und das Gehöft von Mergenthau an die Jesuiten von St. Salvator in der Fuggerstadt. In den folgenden Jahren und bis 1643 erwarb der Orden fast sämtlichen Grund und Boden im Dorf. Bis 1773 bleibt er als Grundherr Eigentümer von Kissing. Dann wird Papst Clemens XIV. die „Gesellschaft Jesu“ aufheben. Weltpolitische Verstrickungen ziehen zu dieser Zeit ihre Kreise bis in das Bistum Augsburg. Den Monarchien vor allen Dingen in Spanien und Portugal waren die Jesuiten als „Staaten im Staate“ - wie etwa in Paraguay - zu mächtig geworden. Konkret ging es indes um lateinamerikanische Kolonialpolitik, um die Parteinahme der Jesuiten für die Indios. Als Papst Clemens dem Drängen der Kolonialherrn nachgibt, werden auch die Besitzungen des Ordens in Deutschland eingezogen.

In Paraguay hatten die Jesuiten im 16. Jahrhundert einen eigenen Staat errichtet. Die Missionierung der Indios war ein Ziel dieser Staatsgründung, weswegen die Krone von Spanien am Anfang dieses Jesuitenprojekt unterstützte. Mit der Zeit aber wandelten sich die Mitglieder des Ordens immer mehr zu Schutzherrn der eigentlichen Bewohner des Kontinents. Sie unterstützten deren Entwicklung zu Eigenständigkeit, indem sie sie beruflich ausbildeten etwa zu Handwerkern, Bauern und auch zu Künstlern. Die Kunstwerke aus den Werkstätten dieser Indios sollten weltweit Berühmtheit erlangen. Auch bemühten sich die Jesuiten um die kulturelle Eigenständigkeit der indigenen Völker, indem sie deren  Sprachen zu erhalten versuchten und dementsprechende Lehrbücher verfassen ließen. Diese Versuche zur Erziehung zu kultureller und wirtschaftlicher Selbständigkeit liefen langfristig den Interessen der Kolonialmacht und vor allen Dingen denen der Großgrundbesitzer zuwider. Die wollten in den Indios vor allen Dinge billige und ungebildete Sklavenarbeiter sehen. Der Konflikt mit der Kolonialherrschaft verschärfte sich, als die Jesuiten von Paraguay ihren Staat bewusst zu einem „Refugium für Indios vor Ausbeutung und Versklavung“ machten und flüchtigen Indios „Schutz vor den Überfällen der … Sklavenjäger“ boten. [1]

Die Aufhebung des Jesuitenordens und damit des ursprünglichen Staates Paraguay kam der Zerstörung eines gesamten Kulturraumes gleich. Man vermutet heute, dass die Indios und z.B. ihre Bildhauer aus ihren Kunstwerkstätten auf der Flucht vor den anrückenden „Sklavenfängern“[2] eine große Anzahl von Skulpturen und anderen Kunstwerken mit in die Urwälder genommen haben. Sie gelten bis heute als verschollen.

Erhalten blieb aber zu einigen Teilen das Erbe des jesuitischen Schaffens  einer kulturellen Symbiose, das im Zeichen einer gewaltlosen Verbreitung des christlichen Glaubens stand. Kirchenmusik stand im Mittelpunkt der Vermittlung von Glaubensinhalten. Gleichzeitig wurden dabei wesentliche Elemente der Indio-Musik in dieses Repertoire lateinamerikanischer Kirchenmusik mit aufgenommen, was die Annahme des christlichen Glaubens erleichtern sollte. Dieser Prozess trug letztlich aber nicht unwesentlich zum Erhalt der indigenen Musikkultur mit bei.

Geblieben ist von diesem alten Paraguay fast nichts mehr außer vereinzelten musealen Erinnerungsstücken. Der Name Paraguay steht in der historischen Erinnerung heute für die  Militärdiktatur des Alfredo Stroessner.

Die Spuren der Jesuiten von Paraguay und ihrer Geschichte führen bei der Suche nach ihren Quellen auch wieder zurück nach Schwaben.

Im Jahr 2009 fand im Wittelsbacher Schloss in Friedberg eine Ausstellung mit dem Titel „Die Jesuiten zwischen regionalem und universalem Horizont“ statt. Dabei kümmerten sich die Organisatoren der Ausstellung  nicht nur um die  „Besitzungen“ des Ordens in Friedberg und Kissing“, sondern auch um dessen Wirken weltweit, wie etwa in Lateinamerika. Dabei wurde hervorgehoben, dass, was die jesuitischen „Niederlassungen in Südamerika“ angeht, „auch einige Jesuiten aus Schwaben tätig“ waren.[3]

Dass Kissinger Jesuiten unter diesen Schwaben waren, kann als sehr wahrscheinlich angenommen werden, da gerade ihr Besitz von zentraler Bedeutung in der Region war. Beweisbar ist dies anhand  konkreter Fällen aber nicht.

Beginn JesuitenwegDie Zeit der Oberhoheit der Jesuiten über Kissing und weite Teile seiner Umgebung hat ihre Spuren bis in die Gegenwart hinterlassen. Dies zeigt sich auf dem Jesuitenweg, der von der Jesuitengasse und dem Dom in Augsburg kommend, über Friedberg und Ottmaring, durch den Paardurchbruch hierher und in den Altort führt.

Dieser Weg zeigt dem Wanderer auch heute noch jene historischen Gebäude, deren Errichtung in Zusammenhang mit der „Gesellschaft Jesu“ stehen.

Nordöstlich von Kissing gelegen, war das von 1713 bis 1715 an der Stelle der früheren Burg der Bischöfe von Augsburg errichtete Schloss Mergenthau Hauptsitz und Verwaltungszentrum der Jesuiten im Raum um Kissing. Aus der hiesigen Landwirtschaft bezog das Collegium in der Fuggerstadt „seinen Lebensunterhalt“, wie es in einem Dokument des Ordens selbst formuliert wurde.

Das „Jesuitenschloß“ ist in seinem heutigen Zustand, wie Irmgard Hillar schon vor einiger Zeit bemerkte, „teilweise seiner Gliederung entblößt“.[4] Auch ist in den Jahren nach der Enteignung des Ordens zunächst vieles an Inventar verlorengegangen. Doch auch heute noch zeigt sich das architektonische Feingefühl der Erbauer der Anlage, deren Ausstrahlungskraft sich unter seinen jetzigen Besitzern erhalten hat.

Schloß KissingVon Mergenthau aus gelangt man über den Jesuitenweg in den Altort und hier an der Hauptstraße unterhalb von St. Stephan zum „Schlößchen“. Ab dem Jahre 1560 dort neu erbaut, wo zuvor ein Jagdschloss auch für kurze Zeit Kaiser Karl V. als Gast beherbergt haben soll, wurde das Gebäude auch von Elias Holl nach 1595 architektonisch mitgestaltet, zumindest schreibt dies Holl in seiner Autobiographie [5]. Zu Zeiten der Jesuiten wurde es zum Sitz der von ihnen eingesetzten Hofmarkrichter. Das „Schlößchen“ war daher auch kein kleines Schloß, sondern ein Gerichtsgebäude. Zum Tode verurteilt wurde hier niemand, denn schwere Fälle wurden ja in Friedberg verhandelt.

Als Hofmark verfügte Kissing über eine eigenständige „Patrimonialgerichtsbarkeit“, d.h., es verfügte über die Niedere Gerichtsbarkeit.

Der Ort wurde 1558 in einer Quelle als „Hoffmarckh“ erwähnt.

1603 bestätigte Herzog Maximilian dem Jesuitenkollegium gegenüber den Rang Kissings als Hofmark.[6] Ein eher symbolischer Akt der Anerkennung eines Status Quo, denn ernennen konnte er die Richter dort nicht.

Die Zeit des „Schlößchens“ als Gerichtsgebäude endete im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, es gehörte ja zum Bestand des Jesuitenbesitzes und wurde so wie Mergenthau 1808 versteigert.[7] (Zur Geschichte der „Plünderung“ der Jesuitengüter im Zeichen der Säkularisation, wie Mergenthau etwa, siehe das Kapitel über das 19. Jahrhundert.)

Die Säkularisation löste 1803 die geistlichen Herrschaften im Reich auf.Die Hofmark von Kissing allerdings bestand tatsächlich wie ein Paradoxon bis 1848 weiter- Hilda Thummerer liegt da durchaus richtig[8].  Es war aber eine Hofmark ohne Hofmarkrichter. Es war jetzt nu mehr ein Titel ohne Inhalt, eine leere Worthülse.

1805 starb der letzte Hofmarksrichter von Kissing. Wie wir aus der von Adelheid Hoechstetter – Müller zitierten Dokument zu diesem Anlass erfahren, stand dieser letzte Richter zuletzt einer Art ´Hofmarksbund´ vor , bestehend neben Kissing auch aus den „Hofmarken Odelzhausen, Lauterbach …. Dasing und Bachern.“[9]

Mit dem Jahr 1803 hatte in Bayern, dem Kissing ab 1806 angehörte, eine Vereinheitlichung der Rechtssysteme begonnen. Seit 1803 schon – wir können hier diese Entwicklung nicht in all ihren Dimensionen nachverfolgen – wurde die Niedere Gerichtsbarkeit den Landgerichten zugeordnet. Friedberg war damit für beide Rechtsbereiche auch bei Kissinger Fällen zuständig. 1808 wurden den Hofmarken in Bayern weitere eigenständige Kompetenzen entzogen. Dennoch bestand eine gewisse Zahl von adeligen Patrimonialgewalten bis zur Revolution von 1848 weiter. 1808/12 waren den adeligen Patrimonialgerichten „erweiterte straf- und zivilrechtliche Kompetenzen zugestanden worden“. Im Falle der aufgelösten geistlichen Zuständigkeiten aber gab es seit der Säkularisation keinen Grundherrn mehr, der Richter mehr hätte ernennen können.[10]

Kissing stellt einen interessanten Sonderfall dar, denn hier waren schon vor der Säkularisation, seit der Aufhebung des Jesuitenordens keine Patrimonialherrn mehr zugegen, die Hofmarksrichter hätten bestallen können - eigentlich. Theoretisch hätte dies der Bischof von Augsburg nun direkt tun können. Nach 1773 standen die jesuitischen Besitzungen unter der Verwaltung des Katholischen Studienfonds. Dessen Sitz war Augsburg. Doch zum ´Elchtest im System´ kam es nie. Seit 1760 schon hatte der 1805 verstorbene Johann Michael Schwarz bereits im „Schlößl“ residiert[11], als er zu Grabe getragen wurde. Das Hochstift zu Augsburg gab es 1805 da schon nicht mehr und die Bayern standen schon vor der Haustür - bzw. schon im Flur.

1814 wird das Verbot des Jesuitenordens aufgehoben. Nach Kissing aber kehrt er nicht mehr zurück. Schloß Mergenthau wurde 1773 der „Frommen Stiftung“ in Augsburg übereignet, von 1776 bis 1808 gehörte es dem Katholischen Studienfonds. Seit 1808 befindet es sich in Privatbesitz.

Doch die Jesuiten sind auch heute noch immer im Altort auch bildlich gegenwärtig, wie auf jener Tafel beim Schlößchen, die den Besucher der Gemeinde mit diesem Kapitel der Ortsgeschichte vertraut macht. Eine große Rolle spielten die Ordensbrüder bei der frühen Entwicklung des Schulwesens in Kissing.  Den Jesuiten war, wie Hanns Merkl schreibt, „die Schulbildung ihrer Untertanen“ über „zwei Jahrhunderte“ hinweg „ein zentrales Anliegen.“ Die Schule besuchten die Kinder in jener Zeit nicht freiwillig – oft mussten sie mit ihren Familien auf den Feldern arbeiten. Die Kissinger Jesuiten indes steigerten die Zahl der Schüler, indem sie Geldgeschenke an die Kinder machten.[12]

Was die „Herrschaft“ der Gesellschaft Jesu über Bauern und Bürgern in und um Kissing betraf, so wurde deren Charakter oft unterschiedlich beurteilt. Manchen galt sie in der Vergangenheit, da „Feudallasten“ und Abgaben die Kissinger bedrückten, als„blutig hart“. Der bekannte Ortslehrer Johann Nepomuk Nöggler wollte in seiner 1873 von ihm verfassten Ortschronik, der „Statistik des Ortes und der Gemeinde Kissing“, diese „Behauptung der ältesten Bewohner“ indes „dahin gestellt sein“ lassen. Er verwies zu seiner Zeit darauf, dass die Kissinger Bauern und Bürger auch nach Ende der Feudalherrschaft und auch ohne den Orden der Jesuiten „mehr bedrückt sind als die Bewohner der Umgegend.“ [13] Doch die „Aufhebung und Ablösung der Grund- und Feudallasten“, von der Lehrer Nöggler sprach, brachte nicht nur den Kissinger Bauern allein noch keine wirkliche ´Befreiung´ von Abhängigkeit und Not.

Weitergehende Informationen:

Aus-, Um-  und Neubau von St. Stephan

Das große Erbe der Jesuiten in Kissing: Die Burgstallkapelle

Die Badangerkapelle "Zu den sieben Zufluchten"

Ulrichsbrunnen-Kissing ein Ulrichsort? Ein Kapitel "vergessener Geschichte"?

 

Verwendete und weiterführende Literatur


[1]Als die Jesuiten in Paraguay einen Staat gründeten, in: Die Zeit, 24.7.2013.

[2]Als die Jesuiten in Paraguay einen Staat gründeten.

[3]Stadt Friedberg: Friedberg Magazin. Herzlich willkommen bei der Stadt Friedberg in Bayern – Neues aus Friedberg, 2009: Die Jesuiten zwischen regionalem und universalem Horizont.

[4]Hillar, Irmgard: Schloß Mergenthau. «Tusculum» und Gutshof der Jesuiten, in: Kissing. Geschichte und Gegenwart, S. 129.

[5]Hillar, Irmgard: Das Kissinger  «Schlößchen». Ehemaliges Hofmarkrichterhaus, späteres Bäckerwirtshaus, in: Kissing. Geschichte  und Gegenwart, S. 121.

[6]Thummerer, Hilda, Kissing von seiner ersten urkundlichen Erwähnung bis in die Hofmarkszeit, S. 61 u. S. 63.

[7]Hillar, Irmgard, Das Kissinger «Schlößchen», S. 125.

[8]Thummerer, Hilda, Kissing von seiner ersten urkundlichen Erwähnung bis in die Hofmarkszeit, S. 55.

[9]Hoechstetter-Müller, Adelheid, Geschichte der Hofmark Kissing an der Paar, S. 79.

[10]Siehe dazu den Artikel „Justiz (19./20. Jahrhundert)“ von Christoph Bachmann und Florian Sepp, Historisches Lexikon Bayerns im Internet.

[11]Zu den Lebensdaten siehe bei Hoechstetter-Müller, 79.

[12]Merkl, Hanns: Die Entwicklung  des Schulwesens in Kissing, in: Kissing. Geschichte und Gegenwart, S. 212 f.

[13]Nöggler, Johann Nepomuk: Statistik des Ortes und der  Gemeinde Kissing, Verfasst  1873,  transliteriertes Manuskript aus dem Gemeindearchiv Kissing.


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