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Kissing zwischen Augsburg und Baiern

Autor: PD Dr. habil. Peter L. Münch-Heubner

In der Zeit „um 1131“ war den Wittelsbachern im Machtkampf am Lech ein vortrefflicher Schachzug gelungen: Dem Wittelsbacher Zweig des Hauses der Grafen von Scheyern-Wittelsbach war „die Vogtei über die diesseits des Lechs gelegenen Güter des Klosters St. Ulrich und Afra in Augsburg übertragen“ worden. „Mit den Gütern … in Kissing und Bachern … rückte die Wittelsbacher Vogtei bis an die Grenze der ´Grafschaft´ Mering heran.“ [16]

Doch Vogteien waren, wie zu sehen war, jederzeit wieder einziehbar – es kam auch auf die Macht- und Bündnisverhältnisse an. Im Jahr 1339 z.B. liest man dann, dass „die Vogtei über 3 dem Kl. UA (Kloster St. Ulrich und St. Afra) eigene Höfe zu Kissingen“ einem Nicht-Wittelsbacher „als bischöfliches Lehen“ [17] übergeben worden war.

Aus diesem, wie auch aus anderen Dokumenten bezüglich anderer Vogteien, lässt sich herauslesen, dass – ein Vogt für drei Bauernhöfe! - die Augsburger Bischöfe zu dieser Zeit die Landschaft der Vogteien auf dem Gebiet ihres Hochstiftes vielerorts in regelrechte Miniatur-Vogteien fast zerstückelt haben. Wollten sie die Entstehung einer zentralen und machtvollen Vogtei verhindern oder Strukturen schaffen, die die Übernahme einer einzigen großen Vogtei durch die Wittelsbacher in einem einzigen Handstreich wie im Falle Scheyern-Wittelsbach nun verhindern – oder vielleicht beides? Denn die Vogteien waren in den kirchlichen Gebieten zuvor zu Zentren der Gegenmacht zur bischöflichen Macht geworden, und Wittelsbacher Vögte waren den geistlichen Herrn in Augsburg besonders unangenehm.

Friedberg war auf dem immerwährenden ´Schlachtfeld´ - dies ist hier nicht immer nur militärisch zu verstehen – zwischen Baiern und Augsburg ein besonderer Ort, es war nicht nur irgendeine Stadt, nicht nur irgendeine Festung der Wittelsbacher. Heute im Zug nach Augsburg sitzend und dort zwischen Kissing und Augsburg-Hochzoll nach Osten blickend, kann man den ursprünglichen, fast drohenden Charakter der früheren Wehranlagen bis jetzt noch - wenn man es weiß - erkennen. Auf dem Berg über der Ebene in Richtung hin zu Augsburg stehend, blickten die Wachtürme auf den Sitz der Bischöfe hinüber, fast als ob sie sagen wollten: Seid vorsichtig, wir haben Euch im Auge!

Dass dies alles so wirkte, war kein Zufall, es war so gewollt. In unruhigen Zeiten, in denen bayerisches und bischöfliches „Territorium“ direkt „aneinander“ „grenzten“, die Bayern gen Westen drängten und gleichzeitig auch der Augsburger Bischof „sein Hochstift“ gen Osten „zu erweitern“ versuchte, begann Friedberg seine Geschichte als vorgeschobener militärischer Posten in diesem Konflikt als quasi Garnisonsstadt. Dieser Militärposten „war für den“ Wittelsbacher „Landesherrn sehr wichtig, für die Bürger aber bedeutete die Grenzlage … oftmals Gefahr für Leib und Leben, Zerstörung und Plünderung ihres Hab und Guts.“[18] 1296 überfielen so „die Augsburger“, d.h die Soldaten des Bischofs Friedberg so ganz und gar nicht im Sinne der Bergpredigt.

Auf der anderen Seite gingen die Bairischen auch gegen Kissing nicht zimperlich vor. Die „bischöfliche Burg“ von Mergenthau wurde zum Beispiel 1296 und 1372 „in Schutt und Asche gelegt.“ „Die „langwierige Fehde“ der Bayern „mit den Augsburgern“[19] bekamen nicht nur die Bewohner von Mergenthau zu spüren, auch der Ort selbst, seine Bewohner und Kirchen wurden zu Angriffszielen. So geschehen z.B. „im Krieg zwischen Baiern und Augsburg (1367-74), wo das Dorf Kissing unter den von den Baiernherzögen Friedrich und Stephan niedergebrannten Orten namentlich genannt wird;...“[20]

Die Baiern wären wohl so nicht vorgegangen, wäre Kissing in ihrem Sinne ihrer alleinigen Landeshoheit unterworfen gewesen.

Friedberg erhielt in diesem Fehde-Krieg nach 1392 unter Ludwig dem „Gebarteten“ eine neue und gut ausgebaute Festungsanlage.[21] Inschriften, die an den bis heute erhaltenen Teilen der Festungsmauern  angebracht sind, erinnern daran und an den hier so benannten „Ludwig im Barte“. Kissing musste ohne Mauern auf sicherere Zeiten erst noch warten.

Diese kommen dann später von oben, von der Reichspolitik her. Denn Fehden wie die auf dem Lechfeld überzogen das gesamte Gebiet des Heiligen Römischen Reiches, das sich nach Innen in einem permanenten Fehde – Kriegszustand befand.

Es wird aber noch eine lange Zeit der – wie man es heute nennen würde – mangelhaften ´Inneren Sicherheit´ - ins Land gehen, bevor im Jahre 1495 der Reichstag zu Worms – und damit alle Stände des Reiches – den „Ewigen Landfrieden“ beschließen und damit „das Verbot der fehderechtlichen Selbstjustiz“ ausgesprochen wird. Auch ist man nun um eine Behebung der „Rechtsunsicherheit“ im ganzen Reich im Allgemeinen interessierter denn je zuvor.[22]

Derjenige, der diese Entwicklung mit in Gang setzte, wusste davon selber gar nichts. Es war der Sultan am Bosporus, dessen Heere über den Balkan nach Mitteleuropa vorrückten, was bei den Reichsfürsten die Erkenntnis weckte, dass sich Deutschland nicht weiter in Fehdekriegen aufreiben darf.

Ein Streben nach einer Vereinheitlichung im Rechtssystem, nach einer Angleichung der unterschiedlichen Rechtsvorstellungen  und- normen hatte es seit einiger Zeit schon gegeben. Die Ausarbeitung etwa des „Sachsenspiegels“ oder des „Schwabenspiegels“ im 13. Jahrhundert legen Zeugnis von diesen Initiativen zu Erarbeitung allgemeingültiger Rechtsbücher ab. Doch diese Initiativen gehen noch von privaten Rechtsgelehrten aus und erreichten erst mit der Zeit die Ebene derjenigen, die man später ´Gesetzgeber´ nennen wird.

Auch dringt das Römische Recht in Deutschland immer weiter vor. Deutsche Juristen studieren an den berühmten norditalienischen Universitäten wie denen von Pavia oder Padua. 1348 beginnt in Prag die Entwicklung eines Rechtsstudiums in Deutschland. Aber alle diese Entwicklungen scheinen in dieser Zeit im Vergleich zu heute im Zeitlupentempo abzulaufen.

Im Jahre 1507 leitete die „berühmte Bambergische Halsgerichtsordnung“ „eine gewisse Vereinheitlichung vor allem in der Gerichtsverfassung und im Strafrecht“ ein. Auf der Basis des Bamberger Vorbildes entsteht 1532 das „erste einheitliche Reichsstrafgesetzbuch“, eine „Peinliche Gerichts Ordnung“ Kaiser Karls, die „Carolina.“ [23]

Das alles bedeutet aber noch nicht die Schaffung eines einheitlichen Rechtsgebietes Deutschland, sondern eine Harmonisierung zwischen den vielen territorialen Rechtssystemen, eine – wie man es heute nennen würde, - ´Rahmengesetzgebung´ unter Wahrung der landesfürstlichen Eigenständigkeiten.

Doch wie wirksam dieses Vorbild von Bamberg tatsächlich war und welche Nachfolger es fand, zeigte das Beispiel des Vertrages „zwischen dem Herzogtum Bayern und dem Hochstift Augsburg“ aus dem Jahre 1571, der die „Abgrenzung der gegenseitigen Zuständigkeiten“ in juristischer und richterlicher Hinsicht im Raum Kissing regelte – und dessen Regelungen dem Bamberger Schema folgten.

Die Unterteilung zwischen Hoher und Niederer Gerichtsbarkeit bleibt erhalten, die „größeren Delikte“ bleiben der „Blutgerichtsbarkeit“ vorbehalten, die „einfacheren Delikte“ der Dorfgerichtsbarkeit.[24]

Doch einige Dinge sind nun vollkommen anders.

Überall im Reich war nun von einer Art von Rechtsreform die Rede und die Bamberger Gerichtsordnung hatte die Richtung vorgegeben - auch und vor allen Dingen, was die Urteile der Richter und die Strafmaße betraf . Die damals angestrebte „Humanisierung“ im Strafrecht erscheint aus heutiger Sicht wie ein zynischer Missbrauch des Begriffes. Doch man muss diesen Rechtscodex in den Kontext seiner Zeit und auch in den der historischen Entwicklung des Rechts in Deutschland stellen.

Die Folter wird nicht abgeschafft, die Todesstrafen bleiben drakonisch aus heutiger Sicht, wie etwa das Rädern. Doch deren Anwendung soll eingeschränkt und nur auf bestimmte Rechtsbrüche beschränkt bleiben.

Die Bamberger Halsgerichtsordnung aber spielt in ganz anderer Hinsicht eine „zentrale Rolle in der deutschen Rechtsgeschichte“, sie steht „am Ende einer Epoche“, in der Rechtswillkür und Rechts- Un- Ordnung herrschte und in der in den Folterkellern mancher Lokalpotentaten alte Rechnungen beglichen wurden

Die Bamberger Ordnung verlangt jetzt „Vollbeweise“ für die Schuld eines Angeklagten, etwa „blutige Kleider“ etc.. Eine Verhaftung soll nur von „Amts wegen“ stattfinden. Eine Polizei gibt es noch nicht, der Begriff der „Schergenämter“ weckt heute unangenehme Assoziationen, dies aber in erster Linie nur aufgrund der Erinnerung an Geschehnisse aus der jüngsten Vergangenheit.

Und zuletzt, aber doch von großer Bedeutung: Das Römische Recht verdrängt endgültig das germanische. Im Gericht gibt es keine Anklage ohne Kläger mehr, jeder Angeklagte hat einen Anspruch auf einen Verteidiger.[25]

Die Vereinheitlichung solcher fundamentaler Kodices bzw. die gegenseitige Annäherung der Rechtsnormen brauchte in Deutschland überall noch viel Zeit, 1571 hielt die Entwicklung auch Einzug auf dem Lechfeld.

„Die Bauern von Kissing“ sind dem bayerischen Herzog nun vor allen Dingen militärdienstlich  zugeordnet, wie Hilda Thummerer über den Vertrag von 1571 schreibt, d.h. der „Musterung“ durch Baiern unterworfen.[26]

Auch das war zu dieser Zeit nicht nur ein  lokales Ereignis. Im Rahmen der anvisierten „Reichsreform“ wurde nach einer  weitgehend einheitlichen „Wehrverfassung des Reiches“ gestrebt.[27] 1529 standen die osmanischen Heere zum ersten Male vor Wien. Die erste Belagerung der Stadt an der Donau scheiterte zwar, doch die osmanischen Heere drängten auch weiter an vielen Stellen gen Nordwesten. 1683 wird Wien zum zweiten Male von ihnen eingeschlossen werden. Dazwischen liegen eineinhalb Jahrhunderte der permanenten Gefahr einer Invasion vom Balkan her.

Das bayerisch-augsburgische Abkommen bezüglich Kissing und seiner Umgebung ist einzureihen in gesamtdeutsche historische Entwicklungsstränge, die stabilere und nachhaltigere Rechtsverhältnisse und eine gesamtdeutsche Friedensordnung versprachen. Doch dann wird der 30-jährige Krieg all diese Hoffnungen zerstören und auch an Kissing wird das Kriegsgeschehen nicht vorbeigehen.

Vorerst scheinen 1571 alle Fragen erst einmal geklärt – zwischen Bayern und Augsburg. Bayern hat sich jetzt die Halsgerichtsbarkeit über die südöstlich von Augsburg und östlich des Lech gelegenen Gebiete des Hochstifts endgültig gesichert. Nach den Jahren des Vogtei-Getümmels dort herrscht jetzt vor allen Dingen eines: Übersichtlichkeit.

Begünstigt wurde diese Entwicklung der Harmonisierung der Rechtsverhältnisse in der Region auch durch eine Wittelsbacher Hausmachtpolitik, die schon lange gen Lech gedrängt hatte. Als man in München endgültig einsah, dass mit Vogteien auf diesem Weg kein Staat mehr zu machen war, erfolgte der Strategiewechsel.

Das Expansionsstreben der Dynastie in München war im Vergleich mit dem anderer Herrscherhäuser wie etwa dem der Habsburger eher kleinräumig orientiert. Es ging in erster Linie um die Sicherung der Herrschaft , was das „geschlossene bayerische Herrschaftsgebiet“ – damals eben noch ohne Franken und Schwaben – betraf. Doch die kirchlichen Herrschaftsgebiete – wie Freising, das inmitten Wittelsbacher Territoriums lag, oder Passau und Augsburg  - wurden als „Einschlüsse fremder Herrschaften“ betrachtet, die „verdrängt“ werden sollten. Die Tatsache, dass das Haus Wittelsbach auf seinem Territorium „die Grundlage für einen >modernen< Staat gelegt“, „zentrale und lokale Behörden und Verwaltungszentren … eingerichtet“  hatte, [28] sollte sich im Dienste der Hausmachtpolitik am Lech als nützlich erweisen.

Vor allen Dingen in unmittelbarer Nähe zu geistlichen Territorien - man könnte sagen:  in direkter Konfrontationsstellung zu diesen – wurden von den Wittelsbacher Herrschern so bezeichnete Landgerichte gegründet. Mit dem heutigen Begriff des Landgerichts hat das nicht viel zu tun. Es ging hier um eine Einrichtung der herzöglichen, später kurfürstlichen Hohen Gerichtsbarkeit in München. Sie diente nicht nur der Neuordnung des Justizsystems auf bairischem Territorium  selbst.

1404 wurden die Stadtgerichte von Friedberg, Süd Aichach und Haderied vom Herzog in München zum neuen Landgericht Friedberg vereinigt. Im Süden reicht da schon die Gerichtshoheit der neuen Instanz „bis an den Gunzenlee“  heran. Bereits im Jahre 1404 wird einer der Bediensteten des bairischen Herzogs mit dem offensichtlich wohl enormen  Barte mit dem Satz zitiert: „Da mag mein Herr (…) das Landgericht schaffen, wohin er will.“

1420 schon ist, so liest man im Salbuch dieses Jahres, Bachern dem Landgericht zu Friedberg untertänig, spätestens 1469 ist dies auch Kissing. Kriegerische Verwicklungen im Reich unterstützen diese Entwicklung. So schreibt Sebastian Hiereth, Herzog Ludwig der Reiche habe um die Jahre 1450/51 „dem Domkapitel von Augsburg die hohe Gerichtsbarkeit über die Dörfer Kissing und Lechhausen streitig“ gemacht und sie „dem Landgericht Friedberg“ zugeordnet.

Hiereth bringt diesen Vorgang in Zusammenhang mit den Markgrafenkriegen genau in diesen Jahren. Albrecht Achilles von Brandenburg hatte versucht, das alte Herzogtum Franken wieder zu errichten und dabei den gesamten heute bayerischen Raum in einen Krieg hineingezogen. Die Augsburger Bischöfe griffen auf der Seite von Albrecht Achilles, und damit auf der Seite des Verlierers in diese Waffengänge ein, die Wittelsbacher hatten sich der Gegenseite und damit den Siegern angeschlossen.[29]

Diese Schlussfolgerungen erscheinen logisch, sind aber konkret anhand von Quellen nicht nachweisbar. Fest steht anhand der von Hiereth bearbeiteten Salbücher mit Sicherheit nur, dass Kissing zwischen 1420 und 1469 der Hohen Gerichtsbarkeit Friedbergs zugeordnet wurde.

 

Verwendete und weiterführende Literatur

[16]Münchener Digitalisierungszentrum, Bayerische Staatsbibliothek, Kommission für Bayerische Landesgeschichte: Sebastian Hiereth: Die Landgerichte Friedberg und Mering, München 1952, http://geschichte.digitale-sammlungen.de/...

[17]Dokument 193, 11.11.1339, in: Die Urkunden des Reichsstiftes St. Ulrich und Sankt Afra in Augsburg, 1023-1440, bearbeitet von Richard Hippen; Augsburg 1956, S. 85f.

[18]Die Geschichte Friedbergs, Stadt Friedberg; https://www.friedberg,de/...

[19]Hillar, Irmgard, Die drei Burgen von Kissing, S. 49.

[20]Hillar, Irmgard: St. Stephan - Ehrwürdiges Pfarrgotteshaus – ehemalige Wehrkirche, in: Kissing. Geschichte und Gegenwart, S. 88.

[21]Die Geschichte Friedbergs.

[22]Hofmann, Hermann, Die Reichsverfassung im Spätmittelalter, S. 240.

[23]Firnkes, Manfred: Vom germanischen Recht zum römischen Recht, in: Pleticha, Heinrich, Deutsche Geschichte, Band 5, S. 247 u. S. 252.

[24]Thummerer, Hilda, Kissing von seiner ersten urkundlichen Erwähnung bis in die Hofmarkszeit, S. 62.

[25]Bambergische Halsgerichtsordnung; Historisches Lexikon Bayerns; https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/...

[26]Thummerer, Hilda; Kissing von seiner ersten urkundlichen Erwähnung bis in die Hofmarkszeit, S. 62.,

[27]Hofmann, Hermann, Die Reichsverfassung im Spätmittelalter, S. 241.

[28]Schwind, Margarethe: Die Territorien im späten Mittelalter, in: Pleticha, Heinrich: Deutsche Geschichte, Band 5, S. 88

[29]Hiereth, Sebastian, Die Landgerichte Friedberg und Mering; entsprechende Einzelseiten.


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